Scheinanlagen im Krieg Auch Weilimdorf war Lockvogel

Von Sascha Schmierer 

Nicht nur Lauffen, auch Weilimdorf diente mit Scheinanlagen im 2. Weltkrieg als Lockvogel.

Stuttgart - Eine Ausstellung über die im Zweiten Weltkrieg bei Lauffen am Neckar aufgebaute Attrappenstadt hat viele ältere Stuttgarter aufhorchen lassen. Denn getarnt und getäuscht wurde nicht nur im Unterland. Zur Verwirrung britischer Bomberpiloten war auch in Weilimdorf eine Tarnstellung aufgebaut.

Es gibt alte Weilimdorfer, die auch heute noch steif und fest behaupten, dass der Stuttgarter Hauptbahnhof im Zweiten Weltkrieg vor die Tore der Landeshauptstadt verlegt worden sei. Das ist zwar definitiv falsch, von einem kriegsbedingten Umzug des Bonatz-Baus kann keine Rede sein. Doch ein Körnchen Wahrheit steckt in dem lokal überlieferten Gerücht.

Denn in Weilimdorf wurde noch im Jahr 1943 rund um den Fasanengarten eine Scheinstellung aufgebaut. Um feindliche Bomber bei Luftangriffen vom bebauten Stadtgebiet abzuhalten, entstanden nach den Recherchen des Stuttgarter Vereins Schutzbauten unter Geheimhaltung vom Aischbach bis zur Gänsewiese vier militärische Stellungen. Das gut beleuchtete Ziel auf freiem Feld sollte die britischen Flieger dazu verleiten, ihre tödliche Fracht schon vor Stuttgart auszuklinken. "Die Tarnanlage war viel einfacher als die in Lauffen am Neckar - aber äußerst effektiv", sagt Rolf Zielfleisch, der historisch interessierte Vorsitzende des Vereins.

Der Hintergrund: Die unter dem Decknamen Brasilien errichtete Scheinanlage bei Lauffen zog bis zur Erfindung technisch zuverlässiger Ortungssysteme die britische Bomberflotte an wie eine Glühbirne die Motten. Aus Angst vor den deutschen Luftabwehrgeschützen flog die Royal Air Force ihre Angriffe nur nachts und eröffnete den Bombenhagel aus einer Flughöhe von etwa zehn Kilometern - entsprechend schlecht war überm Neckartal die Sicht. Die bei Lauffen nachgebaute Kulissenstadt konnte deshalb von 1941 bis 1943 etwa 40 eigentlich für Stuttgart gedachte Luftangriffe auf sich ziehen. Herzstück der Anlage war eine aus Sperrholz und Leinwand errichtete Bahnhofsattrappe, mit künstlichen Lichtblitzen täuschte die deutsche Luftwaffe im Unterland fahrende Straßenbahnen vor.

Mit der Verbesserung des Radars allerdings war es mit dem Täuschungsmanöver vorbei - die britischen Bomberpiloten erkannten plötzlich, dass sie sich noch gut 30 Kilometer vor dem Stuttgarter Talkessel befanden. Spätestens als die Royal Air Force begann, nur noch Holzbomben über der Attrappenstadt abzuwerfen, war auch der deutschen Luftwaffe klar, dass sich die Alliierten nicht länger in die Irre führen ließen - zumal Flugblätter mit dem unheilvollen Text "Stuttgart im Loch. Wir finden dich doch" aus dem Himmel regneten.

Neuer Beleuchtungstrick hatte größeren Effekt

Die Tarnstellung bei Lauffen wurde deshalb 1943 abgebaut - und in deutlich verkleinerter Form unmittelbar vor den Toren Stuttgarts in Weilimdorf neu errichtet. Der Vaihinger Architekt Heiner Prinz, mit seiner Schulklasse ab Frühjahr 1942 als Flakhelfer in Lauffen eingesetzt, erinnert sich noch, dass ein Major der Luftwaffe die Tarnstellung bei einem Besuch "sehr brüsk als nutzlos und überflüssig bezeichnete".

Einen größeren Effekt versprach sich das Militär von einem neuen Beleuchtungstrick: Statt wie in Lauffen den Hauptbahnhof zu simulieren, wurden ab 1943 sogenannte Christbäume in den nächtlichen Himmel geschossen: Weil die feindlichen Flugzeuge zur exakten Markierung des Zielgebiets rot flackernde Signalfeuer abwarfen, legte die Luftwaffe mit roten Kaskaden über Weilimdorf eine falsche Fährte. Die an Fallschirmen montierten Leuchtkörper sanken langsam aus 2500 Meter Höhe auf den Boden herab - und verleiteten die nachfolgenden Bomberpiloten zum frühzeitigen Abwurf ihrer Sprengsätze auf freiem Feld.

Um die Tarnstellung noch realistischer zu machen, wurden in Weilimdorf auf Betonpyramiden große Eisenroste montiert, auf denen geteertes Holz und Benzin entzündet wurden. Das lodernde Feuer sollte bei Luftangriffen von Brandbomben getroffene Gebäude vortäuschen und die Flieger zu weiteren Abwürfen auf das Zielgebiet ermuntern. Laut Rolf Zielfleisch war der schlimmste Angriff, den Weilimdorf über sich ergehen lassen musste, am 28. Januar 1945. Weil das Wasser in der bitterkalten Winternacht sofort gefror, mussten brennende Häuser mit Schnee gelöscht werden. Am Morgen nach der Attacke zählte man auf dem Areal der Tarnstellung mehr als 20.000 Bombeneinschläge.

Für den mittlerweile in Filderstadt lebenden Wolfgang Dietrich ist es keine Frage, dass die Bevölkerung in Weilimdorf wusste, dass sie den Lockvogel für die feindlichen Bomber spielen musste. "Die Schäden wurden der Anlage zugeschrieben", schreibt der in Weilimdorf aufgewachsene und im Alter von 15 Jahren von der Schulbank weg zum Einsatz bei der Flugabwehr eingezogene Leser über die Scheinanlage.

Als Kommandozentrale für die Tarnanlage in Weilimdorf diente nach Kenntnis des Vereins Schutzbauten ein Bunker mit aufgesetztem Beobachtungsstand - aus den Sehschlitzen ließ sich das Szenario nach allen Seiten überblicken. "Bis 1976 stand der Bunker am Bergheimer Hof unversehrt am Waldrand", weiß Rolf Zielfleisch. Erst als sich Anwohner über die von Jugendlichen regelmäßig in den Betonblock geworfenen Knallkörper beschwerten, wurde der Beobachtungsteil demontiert, die seitlichen Eingänge mit Erde zugeschüttet. Und auch für die Eisengitter der Feuerstellen fand sich nach Kriegsende eine zivile Verwendung - sie dienen in Weilimdorfer Schrebergärten noch heute als Gartenzaun.

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