Autor Günter Keller, ein Heimatforscher mit wissenschaftlichem Anspruch Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Haben die Lauffener im Zweiten Weltkrieg den „Kopf für Stuttgart hingehalten“? Mit seinem Buch über die Scheinanlage des Stuttgarter Bahnhofs möchte Günter Keller diese gängige Legende widerlegen. Die Attrappen, die Bomberpiloten täuschen sollten, seien eine „totale Pleite“ gewesen.

Lauffen/Stuttgart - Vor über 70 Jahren lag „Brasilien“ am Neckar. 1940 gaben die Nazis einer Scheinanlage aus Lichtern, Brettern und Strohmatten unweit von Lauffen am Neckar diesen südamerikanischen Tarnnamen. Trickreich wollte die deutsche Wehrmacht die alliierten Fliegergeschwader von der Bombardierung deren eigentlichen Ziels, des Stuttgarter Bahnhofs, ablenken.

Es wäre eine Verfehlung um 33 Kilometer Luftlinie gewesen – so groß ist die Entfernung von Lauffen zur Landeshauptstadt. Die Geburtsstadt von Friedrich Hölderlin ist als romantische Weinbaugemeinde bekannt, für ihren Schwarzriesling und Trollinger, nicht aber für ihre militärische Bedeutung.

Doch im Krieg ist kein Platz für Romantik. Ist Lauffen mit seinen damals 5000 Einwohnern zum Angriffsziel wider Willen geworden, weil die aufgebauten Attrappen in den Nächten aus der Luft so täuschend echt ausgesehen haben? Lag es daran, dass die Wehrmacht mit dem Aufblitzen elektrischer Leitungen den Eindruck von Weichen und fahrenden Straßenbahnen so verblüffend erzeugen konnte, dass die Briten dieser Militärstrategie auf den Leim gegangen sind?

Etwa 100 Zeitzeugen hat der Autor befragt

Der Heimatforscher, frühere Mathelehrer, Diplomkaufmann, Softwareentwickler, Hobbywinzer und Hobbysänger Günter Keller, 65, der sechs Jahre lang etwa 100 Zeitzeugen befragt und in Archiven unzählige Dokumente gesichtet hat, ist zu einem anderen Ergebnis gekommen, das bei Wissenschaftlern wie auch in der Bevölkerung für ein Umdenken sorgen könnte.

Demnach war der bis 1943 eingesetzte Scheinbahnhof in dreifacher Hinsicht ein „Flop“ – getäuscht wurden alle Seiten: die Nazis, die Bevölkerung und die Briten. Die Nazis, weil sie die Wirkung ihrer Anlage schöngeredet hätten und zufällige Bombardierungen im Umkreis auf den Erfolg der Attrappen zurückführten. Die Bevölkerung, weil sie glaubte, für Stuttgart bluten zu müssen, obwohl es dafür aus heutiger Sicht keine Anhaltspunkte gäbe. Die Briten, deren „miserable Navigation“ für verfehlte Angriffe gesorgt habe, aber nicht auf den Scheinbahnhof, auf den gar keine Bomben fielen.

„Wir haben für Stuttgart den Kopf hingehalten.“ Bei älteren Bewohnern der Weinbaugemeinde hört der Autor Keller diesen Ausspruch bis heute. In Wahrheit, erklärt er mit seinem aufschlussreichen Buch sowie in Vorträgen, war’s gar nicht so. Als Opfer sieht er die Bevölkerung trotzdem – als Opfer der Hitler-Diktatur: „Lauffen hat den Kopf nicht für Stuttgart, aber für die Nazis hinhalten müssen.“

Schlechte Radartechnik sorgte für viele Irrflüge

An der Neckarschlinge lag’s, warum die deutsche Wehrmacht mit ihrem Geheimkommando Brasilien auf Lauffen gekommen ist. Der Flussverlauf ähnelt hier der Neckarkurve in Bad Cannstatt. Die Flakabteilung Ludwigsburg und das Baukommando der Luftwaffe setzten den Plan von 1940 an um. Die Flächen bei Lauffen und Brackenheim wurden zum Sperrgebiet erklärt. Die Bevölkerung durfte das Gelände nicht betreten. „Keiner weiß daher genau, was sich da abgespielt hat“, sagt Keller.

Der Heimatforscher mit wissenschaftlichem Anspruch hat unzählige Seiten in Archiven der britischen Luftwaffe und der Wehrmacht durchstöbert. Die Lauffener Schreckensnacht zum 13. Oktober 1941 muss nach seiner Recherche neu gesehen werden. „Hier war keineswegs eine britische Formation in Richtung Stuttgart unterwegs, die von der Scheinanlage angelockt war“, erklärt er. In einem Flugtagebuch der britischen Air Force, den „Bomber Command War Diaries 1939 bis 1945“, habe er keinerlei Einträge mit diesem Ziel gefunden.

Seine Forschungsergebnisse formuliert Günter Keller so: „Allerdings hat sich ein Verband von 152 Bombern in Richtung Nürnberg auf den Weg gemacht, um dort Industrieanlagen zu zerstören, etwa das MAN-Werk, das für militärischen Nachschub sorgte. Aber nur 15 Maschinen sind dort angekommen, der Rest hat sich verirrt.“

GPS-gestützte Lenkwaffen gab es damals nicht. Wegen der schlechten Radartechnik steuerten etliche Flugzeuge unbeabsichtigt das 15 Kilometer entfernte Schwabach an, das ein Inferno erlebte, sowie in die 135 Kilometer südwestlich vom Angriffsziel gelegene Gemeinde Lauingen. „Die Navigation beruhte auf Kompass, Sollgeschwindigkeit, Höhenmesser“, erklärt Keller die hohe Zahl der Irrflüge. Hätten die Flugzeuge der Alliierten gewaltigen Rückenwind bekommen, seien sie schon mal übers Ziel hinausgeschossen. Eine Maschine dieses Verbands sei in der Nacht sogar in der Schweiz, im Kanton Aargau, gesichtet worden.

OB Arnulf Klett dankte 1959 der Stadt Lauffen

Wer hat von alledem nach dem Krieg wissen können? Die Lauffener sahen sich als „Bauernopfer“. Stuttgarts Oberbürgermeister Arnulf Klett versuchte, diese Animosität auszuräumen. 1958 schrieb er der Stadt Lauffen, die Stadt Stuttgart sei sich der Opfer bewusst und schulde Dank. Es ist ein Verdienst von Günter Keller, dass nach vielen Jahrzehnten die wahren Zusammenhänge klarer werden, Stuttgart und Lauffen also noch enger zusammenrücken können. Die Nazis hatten zahlreiche Scheinanlagen in Deutschland gebaut. Ihre Verbrechen allein sind es, die so viel Leid verursacht hat.

Das Buch „ Die Scheinanlage ,Stuttgarter Bahnhof’ 1940 – 1943“ von Günter Keller ist im Verlag Regionalkultur erschienen. Für den 20. September ist ein Vortrag dazu im Stadtarchiv Stuttgart geplant.
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