Die Stuttgarter schließen wieder häufiger den Bund fürs Leben. Foto: dpa-Zentralbild

Ehescheidungen sind in Stuttgart zurückgegangen, dafür wurde mehr geheiratet. Während sich im Dezember die meisten ihr Ja-Wort gaben, suchen am häufigsten zum Anfang des neuen Jahres Paare den Scheidungsanwalt auf.

Ehescheidungen sind in Stuttgart zurückgegangen, dafür wurde mehr geheiratet. Während sich im Dezember die meisten ihr Ja-Wort gaben, suchen am häufigsten zum Anfang des neuen Jahres Paare den Scheidungsanwalt auf.

Stuttgart - Die Suchmaschine Google wertet unter der Rubrik „Trends“ die Häufigkeit von Suchbegriffen zu bestimmten Zeiten aus. Im Januar erkennt Google, dass besonders häufig die Begriffe „Scheidungsanwalt“ und „Anwalt Familienrecht“ eingegeben werden. Damit entdeckt die Suchmaschine einen Trend, den Anwälte für Familienrecht schon lange beobachten: Nach den Weihnachts- und Sommerferien suchen die Menschen besonders häufig einen Scheidungsanwalt auf.

Deshalb hat Tobias Zink, Fachanwalt für Familienrecht, in dieser Zeit immer viel zu tun. „Wenn die Ehepaare in den Ferien viel Zeit miteinander zu Hause verbracht haben, wird ihnen manchmal endgültig klar, dass es nicht mehr zusammen geht“, sagt Zink. „Weihnachten wollen viele Paare wegen der Kinder noch zusammen verbringen“, sagt auch Andrea Köpp-Partenheimer, Paartherapeutin und Mediatorin in Stuttgart. Doch für das neue Jahr nehme man sich oft einen Neuanfang vor – und das gelte auch in der Ehe. „Das ist so ähnlich wie mit dem Vorsatz, sich das Rauchen abzugewöhnen“, sagt die Therapeutin. Anfang des neuen Jahres wird der Schlussstrich häufig endgültig gezogen. Einen weiteren Grund für eine Trennung erst im Januar kennt der Anwalt für Familienrecht: „Das Paar bleibt immer bis 31. Dezember in der günstigen Steuerklasse, egal ob man sich im Januar oder im Dezember trennt“, erklärt Tobias Zink.

Dabei sind die Scheidungen laut Statistischem Amt Stuttgart im Jahr 2012 im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. 1072 Ehepaare ließen sich scheiden, das sind etwa zehn Prozent weniger als im Jahr zuvor. ­Damit liegt Stuttgart im Trend von Baden-Württemberg. Im Jahr 2012 wurden im Land 22.226 Ehen geschieden – knapp fünf Prozent weniger als im Jahr zuvor. Gegenüber 2004, als mit 25.129 Scheidungen der bisherige Höchststand seit Bestehen des Landes Baden-Württemberg registriert wurde, sind die Scheidungszahlen sogar um zwölf Prozent zurückgegangen. Im Vergleich zu 1990 lag die Zahl der Ehescheidungen im Jahr 2012 allerdings um 33 Prozent höher.

Väter übernehmen zunehmend Verantwortung für Kinder

Betroffen von den Scheidungen in Stuttgart waren 820 Kinder im Jahr 2012, das sind 14 Kinder weniger als 2011. Tobias Zink beobachtet, dass immer mehr Väter nach der Scheidung noch ebenso viel Verantwortung für die Kinder übernehmen wollen wie die Mütter. „Viele sehen es nicht mehr als gottgegeben an, dass die Kinder bei der Mutter leben müssen“, sagt Zink. Die meisten Eltern haben jedoch nach seinen Erfahrungen schon eine genaue Vorstellung, wie sie es mit den Kindern regeln wollen, bevor sie den Scheidungsanwalt aufsuchen. Streit gebe es häufig wegen Unterhaltszahlungen. „Die Männer zahlen in der Regel für ihre Kinder gerne, für ihre Ex-Frauen jedoch nicht.“ ­Außerdem streite man sich oft darum, wie das gemeinsame Vermögen aufgeteilt wird. Um eine Eskalation zu vermeiden, empfiehlt Zink daher, eine außergerichtliche Mediation zu versuchen.

Paare, die sich im Trennungsprozess befinden, wollen von Andrea Köpp-Partenheimer häufig wissen, wie sie die bevorstehende Scheidung den Kindern beibringen können. Sie rät, das Gespräch genau zu planen. „Es ist wichtig, dass die Kinder einbezogen werden, beispielsweise wenn sich der Vater eine neue Wohnung sucht“, sagt sie. Die Kinder könnten sich dann ihr zweites Kinderzimmer beim Vater von Anfang an selbst einrichten. Damit würden die Eltern klarstellen, dass sie trotz der Scheidung für ihre Kinder da sind.

Die meisten Ehepaare warfen in Stuttgart im Jahr 2012 nach zehn bis 15 Jahren das Handtuch, in Baden-Württemberg dagegen ist die Scheidung am häufigsten im sogenannten verflixten siebten Jahr. Andrea Köpp-Partenheimer erlebt es oft, dass Paare im Alter von 45 bis 55 Jahren zu ihr kommen. „Nach der Kindererziehung beginnt für viele eine kritische Zeit“, sagt sie. Einige Paare hätten durch ihre eingespielten Rollen die Nähe zueinander verloren.

Eine mögliche Trennung hält die Stuttgarter nicht davon ab, sich zu trauen: Während die Scheidungen zurückgehen, nehmen die Hochzeiten zu. Gaben sich 2011 noch 2437 Paare das Ja-Wort, so entschieden sich im darauffolgenden Jahr 2549 Paare für die Ehe. Dabei wurden mit 471 Paaren im Monat Dezember die meisten Ehen geschlossen. Zum Vergleich: Der zweitbeliebteste Monat war der Juni, in dem es 270 Hochzeiten gab.

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