Im Stuttgarter Schauspielhaus brilliert Paulina Alpen als Manisch-Depressive in dem Stück „Welt im Rücken“ nach dem autobiografischen Roman von Thomas Melle.
Für sie wird der Traum eines jeden Schauspielers wahr: das Bad im Applaus. Schon bei der Premiere der „Welt im Rücken“ nach dem autobiografischen Roman von Thomas Melle war der Beifall für Paulina Alpen groß. Aber was sie in Folgevorstellungen erlebte, war noch größer.
Irgendwann im November, Schauspielhaus Stuttgart, ein Werktag mit gemischtem Publikum: Kaum ist der letzte Satz des Abends gefallen, erheben sich mit dem Beifallsorkan auch die Zuschauer, spenden Ovationen mit Bravorufen, die sich ins entfesselte Johlen, Pfeifen und Trampeln der Schulklassen mischen. Ob jung, ob alt: sie bejubeln die Inszenierung von Lucia Bihler. Vor allem bejubeln sie die Hauptdarstellerin, die in der Rolle des manisch-depressiven Melle eine schier übermenschliche Leistung zeigt. Paulina Alpen ist eine Wucht – und das Publikum aus dem Häuschen!
Wie kommt man runter, wenn man wie ein Popstar gefeiert wird?
Aber wie kommt man runter, wenn man nach 105 Minuten wie ein Popstar gefeiert wird? Lässt einen der Endorphinrausch nicht abheben? Die 33-jährige bei Augsburg geborene und in Wien aufgewachsene Alpen kennt für solche Fälle ein Gegenmittel. Ein „Tool“, wie sie sagt: „Nach jeder Vorstellung dusche ich kalt. So schneide ich die Figur körperlich von mir ab und ziehe wieder bei mir ein“ – eben als sie selbst, als Pauli, wie Freunde sie nennen, als nahbar, humorvoll und heiter entspannt, wie sie auch bei unserem Gespräch im Theater auftritt.
Dass für die private Lockerheit erst eine kaltblütige Melle-Austreibung notwendig ist, leuchtet ein, so tief wühlt sich Alpen mit allen Fasern ihres Körpers in die komplexe Bühnenfigur. Nur mit einem fast stummen, die Krankengeschichte illustrierenden und kommentierenden Darstellerchor im Hintergrund meistert sie die „Welt im Rücken“ gleichsam im Alleingang. Radikal legt sie Melles bipolare Störung offen, heftige manisch-depressive Schübe, die ein Jahr und länger dauern. Ein Wahn ohne Sinn, dem sich Alpen bis zur Erschöpfung ausliefert.
Alles an ihr ist, im strengsten Sinn des Wortes, verrückt. Neben der Norm. Außer Kontrolle. Nicht steuerbar: Das irre Kichern, das sich in den Prolog schiebt. Der lauernde Blick, mit dem sie das Publikum taxiert. Die stockende Rede, mit der sie ihre Krankheit schildert, bevor der Vorhang sich öffnet, die Manie ihren Alltag zerschießt – und die Aufführung den Schleudergang für Kopf, Seele und Körper einlegt.
In panischer Euphorie jagt Alpen/Melle durch Berlin. In ihrem Größenwahn bildet sich die Bühnenfigur ein, Madonna „von der Straße zu pflücken“, mit ihr zu schlafen und im Berghain den auf der Toilette sitzenden Picasso zu beleidigen. Die Tonlage ist Allmachts-Dur, protzig und pöbelnd, selbst noch in der Geschlossenen, wo sie alle anderen „Durchgeknallten“ mit kichernder Belustigung registriert. Dann aber: Psychopharmaka. Zentnerschwer hängen ihr die Pillen als bunte Perlenkette um den Hals, drücken sie nieder, stellen sie still. „Ich bin eine Katastrophe“, bilanziert Alpen/Melle, die Tonlage gleitet über in Depri-Moll, die Patientin ist resigniert und verzweifelt. Mit der Gewissheit, dass der nächste Anfall nicht auf sich warten lässt, liegt sie im Finale erschöpft an der Rampe. Der Elendskreis schließt sich.
Sie verausgabt sich, ohne dass die Bühnensprache darunter leidet
Was Alpen alles verkörpert, ist einfach irre: Kind und Greis, Supermann und Elendsbündel, Auserwählter und Verdammter, Hooligan, Clown, Besserwisser und mehr. Sie verausgabt sich, ohne dass die Bühnensprache unter ihrem schweißtreibenden Körpereinsatz leidet. Meisterhaft bewältigt sie die poetisch-dokumentarische Prosa. Dreißig Seiten umfasst diese in der von der Regisseurin erstellten Spielfassung, ein Textmassiv voller Satzkaskaden, die Alpen bei aller Akrobatik mit glasklarer Artikulation gliedert, rhythmisiert, betont und bändigt.
Melles Schmerz und Verzweiflung macht sie mit Händen greifbar, so intensiv pflügt sie sich durch seine verwüstete Seelenlandschaft. „Ich wollte die Krankheit nicht ausstellen, nicht ins Lächerliche ziehen“, sagt die Schauspielerin. „Ich blicke liebevoll auf meine Figur“ – in einer genialen Glanztat, die auch die Kritik ins Jubeln bringt. Nur Superlative: Alpens Performance sei „bravourös“, „grandios“, „toll“, „atemraubend“, „mit Energie und Präsenz“. Mehr geht nicht. Oder?
Eine stumme Rolle war ihr bislang größter Erfolg
Doch, geht. Zum Lob fehlt noch der Preis. Im vergangenen Jahr war die Künstlerin für den Nestroy-Preis nominiert, Österreichs begehrteste Theater-Auszeichnung. Im Rennen war sie mit ihrer Gestaltung des Gregor Samsa in Kafkas „Verwandlung“ an der Wiener Burg. Eine stumme Rolle und ihr bislang größter Erfolg, der vom Stuttgarter Auftritt allerdings getoppt werden könnte. „Die Kritiker und Kritikerinnen stellen jetzt fest, dass ich auch sprechen kann“, sagt die im Understatement geübte Alpen. „Das könnte zu noch mehr Anerkennung in der Theaterwelt führen“ – nicht zuletzt auch dank der famosen Regie von Lucia Bihler, die auch die Wiener „Verwandlung“ inszenierte.
Zu ihr unterhält Alpen eine kontinuierliche Arbeitsbeziehung. Elfmal haben die beiden Theaterfrauen bereits zusammen geschirrt, an großen Häusern in Berlin, Hamburg, München. „Zwischen Lucia und mir herrscht ein großes Vertrauen“, so Paulina Alpen, „anders wäre auch die Melle-Inszenierung nicht möglich gewesen.“
Könnte die neue Heimat auch Stuttgart sein, Frau Alpen?
Aber will sie, die ihren Lebensmittelpunkt in München hat, als Theaterjuwel ewig von Stadt zu Stadt ziehen? Kein Interesse an etwas Festem? „Ein Teil von mir sagt: Es läuft doch ganz gut so als Freie. Aber ein anderer Teil funkt dazwischen und hätte Lust, irgendwo anzukommen, sich an ein Ensemble zu binden und unterschiedliche Regiehandschriften kennenzulernen.“
Könnte die neue Heimat auch Stuttgart sein, Frau Alpen? Die Antwort ist ein verschmitztes Lächeln.
Autor trifft Mimin
Begegnung
Sachen gibt’s: Im Berliner Hauptbahnhof, wo täglich Hunderttausende unterwegs sind, begegnete Paulina Alpen per Zufall dem Schriftsteller Thomas Melle. Als sie ihn im Gewusel erkannte, blickte er zurück – und erkannte sie dank Fotos von der Aufführung als die Schauspielerin, die ihn in Stuttgart verkörpert.
Lesung
Der Autor kommt unmittelbar vor einer Vorstellung der „Welt im Rücken“ zu einer Lesung ins Schauspielhaus. Umrahmt vom Bühnenbild der Inszenierung stellt er sein neues Buch „Haus der Sonne“ vor, eine Fortschreibung seiner Krankengeschichte.
Termine
Melle liest am Sonntag, 17. Januar, 18 Uhr, im Stuttgarter Schauspielhaus aus „Haus der Sonne“, anschließend läuft die „Welt im Rücken“. Zuvor ist die Inszenierung am 16. und 18. Dezember zu sehen.