Die junge Schauspielerin Camille Dombrowsky beeindruckt auf der Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses mit strahlender Unbekümmertheit. Dass sie überhaupt Theater spielen durfte, darum hat sie lange gekämpft.
Entdeckt wurde sie ganz klassisch auf der Straße, genauer an einem Sonntagvormittag auf einem Flohmarkt, als ihre Eltern Vintagedinge, Schallplatten, Möbel, verkauften. Sie sei ein lautes Kind gewesen, sagt Camille Dombrowsky bei einer Begegnung in einer Probenpause im Foyer des Schauspielhauses Stuttgart und lächelt, vielleicht sei sie deshalb einer Agentin aufgefallen. Die Karte der Dame blieb allerdings lange Zeit unberührt, „meine Eltern waren gegen moderne Medien, ich durfte nicht fernsehen“ – bis nach mehr als einem Jahr die Mutter doch zustimmte und die 1997 in Berlin geborene Camille Dombrowsky in dem prominent besetzten ARD-Märchenfilm „Frau Holle“ auftreten durfte.
Sie verkörperte die Pechmarie, eine der Töchter einer Witwe im Märchen, Frau Holle wiederum wurde von Marianne Sägebrecht gespielt. Von dem faulen „Holle“-Mädchen bis zur unbekümmert wilden Tochter Miranda des Shakespeare-Magiers Prospero in „Der Sturm“, mit der Camille Dombrowsky im Schauspielhaus Stuttgart begeisterte, vergingen dann noch mal einige Jahre. Und gleich zwei Studiengänge.
Gesangsausbildung vor dem Schauspielstudium
Mit den Eltern schaute und hörte sie zwar „nichts aus der Konserve“, die Familie ging aber gern in die Oper. Vor ihrer Schauspielausbildung hat die Künstlerin also Gesang studiert und, was sie im Gespräch nicht erwähnt, zuvor 2014 bei „Jugend musiziert“ im Bundeswettbewerb gewonnen. Was man hätte ahnen können, denn so glockenrein und klar Camille Dombrowsky in dem Shakespearestück singt, das lässt sich nicht durch ein paar zusätzliche Gesangsstunden erarbeiten.
Zwar wird auch in der Oper Wert auf spielerische Elemente gelegt und „das Kunstlied fand ich besonders spannend, weil man da auch einen persönlichen Ton entwickeln kann“, sagt Camille Dombrowsky, doch während des Studiums habe sie eben den Reiz des Spielerischen immer verlockender empfunden und sehnsüchtig den Studienkollegen vom Schauspiel bei den Proben zugesehen. „Sich wirklich einer Situation aussetzen, sich mit einer Figur verbinden, auch körperlich, bis ins Detail“, sagt Camille Dombrowsky, das reize sie.
Vom Gesangsstudium profitiert sie sicher auch in Sachen Disziplin – „Gesang ist kontrolliertes Loslassen, vieles muss man in den Proben mit sich allein ausmachen, den Körper fühlen“, sagt die Künstlerin, doch „Theater bietet sehr viel mehr Stoff, emotionale Bandbreite ist enorm.“ Aber auch die privaten Erfahrungen dürften helfen, vermutet sie: „als Kind war ich oft den ganzen Tag auf Flohmärkten mit den Eltern, da konnte ich alle gesellschaftlichen Schichten studieren.“
Im „Sturm“ war ihre Miranda eine unbekümmerte Göre, die Schnütchen zieht, wenn der Vater, gespielt von André Jung, sie auffordert, doch bitte zuzuhören und sie schnippisch sagt: „Das ist mein Zuhörgesicht!“. Als er sie forschend anschaut und fragt, ob sie sich an die ersten Jahre ihres Lebens erinnert, sieht man ihr gern beim angestrengten Denken zu und wie sie kokett von Dienerinnen berichtet, die ihr mit den Kleidern geholfen hätten.
Naturkind im Netzhemdkleid
Ganz Naturkind kümmert es sie dann auch nicht übermäßig, dass sie doch nicht wie eine Prinzessin aufgewachsen ist, sondern auf einer Insel, umgeben von eigenartigen Geistwesen. „Ich habe Verknüpfungsmomente zu heutigen Teenagern gesucht“, sagt Camille Dombrowsky, „es ist gut, dass Miranda die Gesellschaft nicht kennt, daher muss sie sich auch nicht so konventionell verhalten, kein Blatt vor den Mund nehmen.“
Und umso unbefangener bekundet sie ihre Begeisterung für den ersten „echten“ jungen Mann, der ihr in Gestalt von Marco Massafra begegnet: „Mann, ist der schön!“, ruft sie, woraufhin er auch gleich wie glücklich von Sinnen wirkt, wie er der jungen Dame im Netzhemdenkleid erblickt. So eine von aller Zögerlichkeit befreite junge Liebe war auf der Bühne selten zu sehen.
In der Produktion hat Camille Dombrowsky eindrucksvoll bewiesen, dass sie neben erfahrenen Schauspielern wie André Jung, Evgenia Dodina und Sylvana Krappatsch bestehen kann. Dombrowsky schwärmt vom inspirierenden Ensemblespiel: „ich lerne jetzt im täglichen Tun mit den erfahrenen Kolleginnen und Kollegen viel, bin begeistert etwa von der starken körperlichen Präsenz von Kollegin Therese Dörr.“
Nach der Ausbildung gleich ins Festengagement gehen, war allerdings nicht Plan A. „Ich wollte eigentlich frei arbeiten, bekam aber nach dem zentralen Vorsprechen das Angebot“, sagt Camille Dombrowsky, „und ich merkte, in Stuttgart mit dem Intendanten Burkhard Kosminski hatte ich gleich eine gute Gesprächsbasis und finde, es ist toll, an einem Haus zu sein.“
In einem Ensemble arbeiten und Regisseurinnen und Regisseure entdecken , die sie inspirieren, davon spricht die junge Schauspielerin mit Strahlen in den hellen Augen. Regisseurin Leonie Böhm zum Beispiel schätze sie sehr. „Gut finde ich, dass sie bei Klassikern nicht den Bildungsauftrag brav bedient und das Stück herunterspielen will, sondern viel improvisiert. Sie bewundere ich sehr, reise ihren Regiearbeiten auch nach. Sie inszeniert Klassiker, aber sehr frei und man fragt sich immer, was vom Stück übrig bleibt, welche Aspekte sie betont, die man selbst vielleicht gar nicht beachtet hat.“
Hauptrollen in zeitgenössischen Stücken
Mit der Leichtigkeit der Miranda hat sie sich, wiewohl erst seit 2022/20223 im Ensemble, rasch für Hauptrollen in wichtigen Uraufführungen empfohlen, auch wenn die Partien dunkler wurden. In Joshua Sobols „Der große Wind der Zeit“ spielt sie eine israelische Verhörspezialistin, die sich mit einem in London lebenden palästinensischen Intellektuellen, gespielt von Felix Strobel, anfreundet und zwischen rauer Burschikosität und verschämtem Lächeln bravourös feinste Gefühlsnuancen ausdrückt. Und die doch manchmal auch als junge, rebellische Frau gefühlt mit den Füßen aufstampft. Das Stück verfügt über allerhand Zeitsprünge, die gleichzeitig auf der Bühne stattfinden, und einmal betrachtet sie dann eben, wie ihre jüdische Großmutter in den 1930ern in Berlin mit einem strammem Naziarchitekten knutscht. Man sieht ihr das empörte „Geht’s noch, Oma?“-Denken in die Mimik eingeschrieben.
Das Stürmende, Drängende, das hoffnungsfrohe Vertrauen trotz allen Ungemachs zu bewahren, das zeichne ihre Generation aus, vermutet Camille Dombrowsky. „Der jungen Generation eigen ist, so mein Empfinden, dass sie anders als die Nachkriegsgeneration nicht nur die Probleme sehen will, sondern auch fragen will, wo sind die Möglichkeiten. Utopien sind etwas Positives im Theater, man darf Utopien zulassen auf Bühnen, es ist auch ein Ort, an dem Menschen zusammengebracht werden.“ Daher auch dürfte sie durchaus einverstanden gewesen sein mit der Geste des Wunsches nach Versöhnung in der Inszenierung von Stephan Kimmig, nach Handausstrecken der von Konflikten beladenen Figuren in Richtung Welt.
In Simon Stephens Stück „Ein dunkles, dunkles, dunkles Blau“ im Kammertheater verkörperte die Schauspielerin eine junge Frau, die das Sterben ihres Freundes (gespielt von Felix Jordan) begleitet. Der Wille, tapfer zu bleiben, gipfelt in einer herzzerreißenden Szene, sie steht da in ihren hellen Jeans, wiegt mit der Hüfte ein bisschen hin und her, vergebens. Tränen fließen. Das, was sie in einem Ensembleversammlung von Regisseur Herbert Fritsch gehört hat, „er sagte, die Oberfläche beim Spiel sollte sein, dass es darunter brennt, dass man das sieht“, das gelingt dieser talentierten jungen Künstlerin schon jetzt. Die nächste Herausforderung wartet – Elfriede Jelineks Sprachgebirge „Sonne / Luft“ will im Mai bei der nächsten Premiere erklommen werden. Die Musikalität der Sprache könnte etwas sein für die Schauspielerin mit dem guten Ton.
Camille Dombrowski sehen
„Der große Wind der Zeit“
Das Stück von Joshua Sobol ist im Schauspielhaus wieder am 18. April, am 2. und 30. Juni zu sehen.
„Ein dunkles, dunkles, dunkles Blau“
Das Stück von Simon Stephens ist im Kammertheater wieder am 24. und 26. Mai zu sehen.
„Sonne/Luft“
Das Stück von Elfriede Jelinek hat am 11. Mai Premiere im Kammertheater und ist dann noch am 12., 15., 17.,18., 20. Mai und am 18., 19., 21. Juni zu sehen.