Der Schauspieler Felix Klare, bekannt aus dem Stuttgarter Tatort, gestaltet mit seiner Frau Zora Thiessen einen Balladenabend in Fellbach. Im Gespräch äußert er sich über diese Premiere und seine Skepsis gegenüber modernen Medien.
Der bundesweiten Öffentlichkeit bekannt ist er seit 17 Jahren – an der Seite von Richy Müller als Stuttgarter Tatort-Kommissar. Doch Felix Klare hat viele weitere schauspielerische Facetten, wirkt in intensiven Fernsehfilmen mit oder steht auf der Theaterbühne. Kurz vor dem Balladenabend, den er gemeinsam mit seiner Frau auf Einladung der Kulturgemeinschaft Fellbach gestaltet, erreichen wir den 46-Jährigen für ein Gespräch am Telefon.
Herr Klare, fangen wir doch mal so an: „Ich sei, gewährt mir die Bitte...“
Na, da kommt ja nicht mehr viel: „ . . . in eurem Bunde der Dritte.“ Das ist der Schluss von Schillers „Die Bürgschaft“. Das lesen wir auch am Sonntag beim Balladenabend in Fellbach. Das Besondere an Schiller-Balladen ist, dass es immer was Rollendes hat. Man muss sehr genau aufpassen, den schmalen Grat zu finden, dass einem nicht die Pferde durchgehen, man redet und redet und wird immer schneller; aber man darf auch nicht zu lange Pausen lassen, sonst verliert man den rollenden Duktus.
Das Balladen-Genre entstammt, wie Literaturfeinschmecker wissen, der mittelalterlichen südfranzösischen Trobadordichtung – da fällt mir doch spontan der Asterix-Barde Troubadix ein.
Also den „Erlkönig“, den gibt’s schon auch als Vertonung. Aber das machen wir in Fellbach natürlich nicht, meine Frau und ich sind ja Schauspieler, keine Sänger. Aber wir haben zwei Jazzmusiker mit auf der Bühne, die die Texte hervorragend untermalen.
Geboten werden neben Schiller und Goethe ja auch Annette von Droste Hülshoff oder Conrad Ferdinand Meyer – die kennt heute auch nicht mehr jeder.
Das stimmt vermutlich; umso besser, dass wir das wieder anbieten in Zeiten von Tiktok, Instagram, Twitter. Alles, was heute hip ist, ist morgen ja nicht mehr hip. Und manchmal kommt eben auch die Rückbesinnung auf Vergangenes. Man kann auf vieles nicht so stolz sein in unserer Geschichte – aber auf Dichter und Denker wie Schiller und Goethe kann man auf jeden Fall stolz sein, weil sie zeitlos sind und wunderbare Poeten. Und gerade in dieser Sprache, die vielleicht nicht sofort jedem zugänglich ist, wo man sich ein bisschen Zeit nehmen muss, merkt man erst, wie schön es ist, Gefühle und Zustände in Form von Versen zu beschreiben.
Das Balladenprogramm ist eine Premiere. Ist es auch insofern Neuland, als dass Sie und Ihre Frau erstmals gemeinsam auf einer Bühne stehen?
Auf der Bühne kam das tatsächlich noch nie vor, im Film allerdings schon. Wir schauen, dass es am Abend eine lebendige, gute Mischung gibt. Es sind nur zwei Balladen, die einmal ich lese und einmal meine Frau; aber ansonsten teilen wir uns das gut auf, mal im Wechsel, mal in verteilten Rollen, es kommt ja oft wörtliche Rede vor in so einer Ballade.
Sie sind ohne Fernseher und Smartphone aufgewachsen. Jetzt telefonieren wir hier übers Handy. Sind Sie offener geworden gegenüber Medien?
Ohne Fernseher bin ich tatsächlich aufgewachsen, und habe bis heute keinen. Ich sage immer, ich muss ja von Leben erzählen und nicht irgendwelche Kollegen kopieren. Und mit dem Smartphone hat sich das geändert – nicht etwa weil ich mir eines besorgt habe, sondern weil meine Frau und mein ältester Sohn mir eines so vor fünf, sechs Jahren für einen Auslanddreh mitgegeben haben, damit wir telefonieren oder ich auch mal Fotos aus dem Land schicken kann.
Aber so ein leichtes Fremdeln bei diesem Thema höre ich immer noch?
Für mich ist das alles mindestens zweischneidig, dieses ganze Thema Internet und Smartphone, gerade auch für Kinder. Ich nenne das ganz bewusst immer die asozialen Medien und nicht die sozialen Medien, weil sie so unzuträglich sind, gerade für Jugendliche. Dabei können wir alle eigentlich gar nicht gut damit umgehen. Da wird Werbung, jeglicher Schrott auf uns eingeballert, und eigentlich ist jeder, in Abstufungen, süchtig. Es gibt ja keinen mehr, der mit Langeweile oder mit Warten etwas anderes verbindet, als sofort sein Handy zu zücken, etwa in der Bahn, wo alle nur noch in schlechter Haltung sitzen und, sei’s eine ältere Dame oder ein junger Bursche, auf ihr Telefon gucken und lesen kein Buch oder unterhalten sich, da ist Grabesstille. Es ist so ein Energiezieher. Und die Sucht danach stelle ich natürlich auch bei mir fest und ärgere mich über mich selbst.
Ein Leben ohne Fernseher – Tatort gucken Sie dann auch selten oder nie?
Meine eigenen Tatorte kriege ich im Vorfeld schon vom Sender geschickt, auch als Einstimmung auf den nächsten Tatort, damit ich weiß, wo komme ich her, wo geht die nächste Folge hin. Oder ich schaue mir das in der ARD-Mediathek an. Aber ansonsten schaue ich nicht viel. Eher geh ich dann lieber bewusst ins Kino oder ins Theater.
Sie wirken oft an tiefer gehenden Stoffen mit, etwa über einen Scientology-Aussteiger oder als Opfer sexueller Gewalt wie in „Wir haben einen Deal“.
Dafür habe ich vor zwei Wochen den Robert-Geisendorfer-Preis, den Medienpreis der evangelischen Kirche bekommen, eine schöne Wertschätzung und Auszeichnung für eine solche Arbeit. Das Schwierige bei diesem Thema war, mit dem Thema Schuld und Scham umzugehen. Das geht nicht nach dem Motto: Da spiele ich mal eben einen sexuell missbrauchten Menschen schwuppdiwupp wie jede andere Rolle. Das muss richtig gut und glaubhaft sein. Es gibt eine Szene, wo ich in der Figur gestehen muss, dass mir das angetan wurde; und ich habe diesen Text nicht über die Lippen gekriegt, weil ich mich so mit der Figur identifiziert habe, dass ich mich wirklich zutiefst geschämt habe, dass man mir so etwas angetan hat. Von außen denkt man: Dafür musst du dich doch nicht schämen, dann sag’s doch einfach! Aber dieses Dreckigfühlen, dieses Beflecktfühlen, wenn das schon so früh in der Kindheit ganz tief seelisch verankert wird, dann kriegt man das nicht über die Lippen. Und das ist mir so schwer gefallen, weshalb ich wiederum gemerkt habe: Jetzt habe ich die Figur, jetzt habe sie wirklich gegriffen, gerade weil ich es nicht sagen konnte. Und dann haben wir ein paar andere Texte und Wege gefunden, sich ähnlich auszudrücken.
2007 haben Sie mit dem Stuttgart Tatort angefangen, vorgestellt damals als „Schauspiel-Nachwuchstalent Felix Klare“. 32 Folgen waren bisher zu sehen – das ist schon ne Hausnummer.
Na, vorgestern haben wir schon die 36. Folge abgedreht.
Alle Achtung: 100 Folgen wie das Münchner Duo schaffen Sie vermutlich nicht, aber die Hälfte, also 50, könnten es demnach schon noch werden?
Das liegt einerseits in meiner Hand, andererseits gar nicht, und dann auch noch mal an meinem Kollegen Richy Müller, der mit seinen 69 ja auch ein anderes Alter hat als ich.
Acht bis zehn Millionen Zuschauer, das ist schon imposant. In der Ankündigung der Kulturgemeinschaft Fellbach heißt es: „Im Anschluss an die Vorstellung steht der Star für Autogrammwünsche zur Verfügung.“ Sehen Sie sich als Star?
Ich weiß nicht, was das wirklich ist, ein Star. Das müssen andere beurteilen. Es gibt Länder, wo Stars auch so behandelt werden, und in Deutschland merke ich schon eher eine Tendenz, dass man sucht, wo ist denn da ein kleiner Fleck? Bei Schauspielern kann jeder seinen Senf abgeben und sagen, war gut oder total blöd. Dabei liegt es oft gar nicht an ihnen. Letztlich müssen auch in unserem Tatort Richy und ich unsere Nasen hinhalten. Wenn das Buch schlecht ist und die Regie ebenfalls, dann können wir ackern, wie wir wollen, der Tatort wird nicht besser.
In Heidelberg geboren, in München zuhause
Herkunft
Felix Klare wird am 12. Oktober 1978 in Heidelberg geboren. Er wächst in München auf. Seine Ausbildung absolviert er an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Später agiert er an renommierten Häusern wie dem Berliner Ensemble und dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Klare ist mit der Schauspielerin Zora Thiessen verheiratet, die er bereits seit der Jugendzeit kennt. Das Ehepaar lebt in München und hat vier Kinder.
Tatort
Seit 2008 agiert Klare in der Rolle des Kommissars Sebastian Bootz an der Seite von Richy Müller (als Kommissar Thorsten Lannert) zweimal pro Jahr im Tatort Stuttgart. 32 Folgen waren bisher zu sehen, die 33. unter dem Titel „Lass uns gehen“ läuft am Sonntag, 17. November, um 20.15 Uhr. Weitere Tatort-Folgen sind bereits abgedreht: „Überlebe wenigstens bis morgen“ (Ausstrahlung voraussichtlich im Jahr 2025), „Verblendung“ (wohl Ende 2025) und „Ex-It“ (2026).
Kino
Gerade bundesweit angelaufen ist der Film „Münter & Kandinsky“, in dem Klare den Maler und Miterfinder des „Blauen Reiters“ Franz Marc spielt.
Balladen
Das Programm mit Felix Klare und Zora Thiessen und den Musikern Peter Leher (Saxofon, Klarinette) und Jo Ambros (Gitarre) beginnt an diesem Sonntag, 27. Oktober, um 18 Uhr im Uhlandsaal der Schwabenlandhalle Fellbach. Es gibt noch Karten an der Abendkasse.