Als wäre die Stadt nicht an Baulöchern reich genug, plant der in Esslingen geborene Tobias Rehberger fürs Schauspiel Stuttgart eine Grube vor dem Theater – auch als Kommentar zur Stadtplanung. Der Witz: Er baut sie in die Höhe. Ein Besuch im Atelier des weltbekannten Künstlers.
Frankfurt am Main - Während der leicht erkältete Tobias Rehberger den Gast mit Biokräutertee und Honig versorgt, fällt der Blick auf den Fluss, auf Kies, Container, Kräne. Ein passendes Umfeld für einen Künstler, der sich selbst oft auf terrain vague begibt. Tobias Rehberger, 1966 in Esslingen geboren, weltberühmt, seit er 2009 auf der Biennale Venedig als bester Künstler ausgezeichnet wurde, hat sein Atelier am Osthafen von Frankfurt am Main. Im Erdgeschoss die Werkstatt, im ersten Stock das wohl geordnete Büro, hohe Räume, Bücher nach Farben sortiert in Ikea-Regalen und Menschen an großen Computerbildschirmen arbeitend. Planungsbüro eher als Künstlerklause, licht und hell, das Klischee des kreativen Chaos wird hier nicht bedient.
Eine Küche aus Porzellan
Doch zu sehr strapaziert man den maritimen Vergleich besser nicht. Fragt manTobias Rehberger, ob er sich künstlerisch auch „immer im Fluss, in Bewegung“ hält, schüttelt er freundlich lächelnd den Kopf und verneint entschieden: „Eben das nicht!“ Ihn interessiere eher ein gedankliches Andocken an Bestehendes, es zu befragen, zu ironisieren oder auf andere Weise weiterzuführen.
Zum Beispiel die Version der Frankfurter Küche, die Rehberger auf der Art Basel 2017 vorgestellt hat. Seine Küche ist aus Porzellan, aber funktionstüchtig. Eigentlich ist dieser 1926 erstmals präsentierte Urtyp einer Einbauküche von der emanzipatorischen Idee getragen, dass alles so praktisch angeordnet ist, dass die Hausfrau schnell mit ihrer Arbeit fertig wird und Zeit für andere Dinge findet. Dass sie sich dabei aber vom Rest der Wohnung isoliert und gar zur Küchenmaschinenarbeiterin degradiert fühlen könnte, das mache das Zerbrechliche der Idee aus, sagt Rehberger. Die Chiffre zerbrechlich erklärt dann das Porzellan als Material. Die Ironie des Kunstmarkts will es, dass die Küche zwar gekauft wurde, aber – soweit Rehberger es weiß – nicht als Küche benutzt wird.
Mehr Kunst im Leben
Mehr Kunst in der Lebenswirklichkeit wünsche er sich, sagt er. „Kunst müsste mehr auch außerhalb von Museen stattfinden. Warum benutzt man ein Museum nicht wie einen Park, den man einfach so mal besucht?“ Mehr Kunst in die Wirklichkeit der Stuttgarter Bürger bringt Tobias Rehberger. Als der neue Intendant des Schauspiels, Burkhard C. Kosminski, seinen Spielplan vorstellte, präsentierte er als Vorspiel vor dem Theater sozusagen die „Probe Grube“ von Tobias Rehberger.
Wie in unserer Zeitung berichtet, wird daraus erst einmal nichts. Die begehbare Installation würde frühestens Mitte Oktober begehbar, der ungewissen Wetterverhältnisse wegen zu spät. Dabei war die Idee smart, denn im Schauspielhaus wird die Sommerschließzeit wegen Reparaturen empfindlich verlängert, die erste Premiere findet erst Mitte November statt. Mit Outdoorkunst hätte man die Zeit überbrücken können, was auch Rehberger zupass gekommen wäre. Denn einfach ein Bühnenbild zu bauen, sei für ihn keine Option gewesen: „Dazu bin ich nicht oft genug im Theater. Ich fühle mich nicht kompetent genug“. In Gesprächen darüber, was die Stadtgesellschaft umtreibt, war er mit Kosminski rasch bei Stuttgart 21, bei Stadtplanung, bei dem noch entstehenden Rosensteinviertel angelangt. Hat Rehberger zu Stuttgart 21 eine Meinung? Er schweigt kurz und sagt: „Ich verstehe den Sinn und den Unsinn daran. Ich kann nicht einschätzen, ob für das, was man bekommt, zu viel Geld ausgegeben wird.“
Eine Grube bauen
Rehbergers Idee zum Thema: ein Loch vor dem Theater. Doch unter der Wiese vor dem Schauspielhaus verlaufen zu viele Leitungen und Kanäle, um die Stadt mit einer weiteren Grube zu beglücken. „Also beschlossen wir, keine Grube zu graben, sondern eine zu bauen.“ Rehberger schätzt Paradoxien. Er wird also eine Grube in die Höhe bauen. Von dort aus ist man, abgesehen vom Witz der Sache, ganz ernsthaft bei darstellender Kunst: Amphitheater sind letztlich auch nichts als gebaute Gruben. Und auch Stuttgart selbst, der Kessel: von der Höhe aus betrachtet eine Grube.
Es wirkt, als sei’s Teil der Installation: Wenn sich Stuttgart 21 verzögert, wie sollte da ein Kunstprojekt zum Thema pünktlich fertig werden? Dem sei nicht so, versichert Rehberger. Ebenso wie Kosminski bedauere er die Verzögerung. „Aus der Probegrube wird jetzt ein Sommerloch“, sagt Rehberger. Die Behörden seien aber nicht schuld: „Die Ämter waren mega unterstützend.“ Nur soviel: Vergaben an Firmen brauchen ihre Zeit. Und Gesetze und Bauvorschriften, sinnvoll oder nicht, müssen auch Behörden befolgen.
Interessante Missverständnisse
Es bleibt also Zeit, sich länger auf das Projekt zu freuen, voraussichtlich bis Mai 2019, denn zumindest die Pläne sehen spektakulär aus. Ein halluzinogen gefärbtes, wirres Amphitheater. Die Grube besteht aus einer abstrakten, frei erdachten Topografie, und die wird gebaut. Dieses Stadtplanungs-Modell wird mit einem Modell konfrontiert, das konventionell ist. „Spießig“, wie Rehberger sagt. Reihenhäuser, Schule, Sportplatz – und dieses Spießer-Modell wird wie ein in Pink, Giftgrün, Türkis und Violett schillernder Mantel über das Gebaute gelegt. Bizarr. Auf einer Hochausfläche etwa ist dann vertikal die Fläche eines Fußballplatzes zu entdecken. „Das gibt interessante Missverständnisse“, sagt Rehberger. Das Wechselspiel von Ordnung und Chaos, die Zwischenräume, Löcher, Absurditäten, die hier sinnlich erfahrbar werden, werfen Fragen auf. „Wir orientieren uns daran, was in so einer Stadt passieren könnte, von der man von Anfang an weiß, dass sie fehlerhaft konstruiert ist.“
Menschenfreundliche Hoffnungen
Stadtplanung am Reißbrett, „falsch verstandener Funktionalismus“, wie Rehberger sagt, habe ja in der Umsetzung oft nicht funktioniert. Viertel werden irgendwann, nach ihrem schmerzhaften Niedergang, wieder entdeckt, umgewidmet, lebenswert. Die menschenfreundliche Hoffnung des Künstlers: „Vielleicht vermeidet man diese schmerzhaften Umwälzungen, wenn wir gleich das ganze Leben da reinschicken.“
Wenn es schon nach dem Philosophen Theodor W. Adorno kein richtiges Leben im falschen gibt, gibt es im falschen vielleicht ein richtiges? Auch nicht: „Ich zweifle an der Idee, dass man etwas richtig machen könnte. Alles, was gilt, muss überprüft werden. Ich plädiere für ein Klima, in dem das möglich ist.“ Tobias Rehberger, der bei Martin Kippenberger an der Städelschule Frankfurt studiert hat, an der er heute übrigens selbst lehrt, sagt: „Ich mag’s nicht, wenn es ideologisch wird.“ Andererseits muss es ja erst einmal jemanden geben, der denkt, „das ist das Richtige“, damit Künstler und Philosophen der Dekonstruktion die Fehler und Leerstellen im System finden oder zumindest fragen können, ob es anders gehen könnte.
Rehberger behauptet, sich im Theater nicht auszukennen. Doch mit dieser Haltung ist er ganz auf der Seite jener Regisseure, die Theaterbesucher mit den anregendsten Inszenierungen konfrontieren.