Wolfgang Michalek (r.) als Seelenverkäufer Tschitschikow in Sebastians Inszenierung von Gogols „Die toten Seelen“Wolfgang Michalek (r.) als Seelenverkäufer Tschitschikow in Sebastians Inszenierung von Gogols „Die toten Seelen“Wolfgang Michalek (r.) als Seelenverkäufer Tschitschikow in Sebastians Inszenierung von Gogols „Die toten Seelen“ Foto: Bettina Stöß

Der Fetisch unserer Zeit ist Geld – Sebastian Baumgarten nimmt das wörtlich. In seiner Inszenierung irren die Figuren durch eine morbide Sado-Maso-Lederwelt. Eine Höllenfahrt mit hervorragenden Darstellern, die aber doch mit der Zeit eher ermüdet als erschreckt.

Stuttgart - Fabrikarbeiter in einer riesigen Maschinenhalle. Abgerissene Bauern, die auf dem Feld schuften. Zu den Bildern einer geknechteten Gesellschaft wirft Regisseur Sebastian Baumgarten am Samstag in seiner Inszenierung von Nikolai Gogols Roman „Die toten Seelen“ traurige Fakten an die Wand der Bühne im Stuttgarter Schauspielhaus: ein Drittel des gesamten Wohlstands in einem 140-Millionen-Einwohnerland in den Händen von 110 Menschen – in einem Land, in dem 93,7 Prozent der Bevölkerung weniger als 10 000 Dollar besitzen.

Die acht Gestalten allerdings, die jetzt als Vertreter dieser Gesellschaft leibhaftig aufmarschieren, sehen nicht aus wie geknechtete Arbeiter und Bauern. Sie reihen sich nebeneinander auf, als wollten sie sich bei der martialischen, in Russland besonders bei den Rechten beliebten Rockband Rammstein bewerben: hautenge Lederhosen und Westen, grimmige Blicke.

Ihre Reaktion auf Ausbeutung ist nicht ­etwa eine sozialistische Revolte, sondern die Flucht ins Faschistoide. Der Typ ganz links, Tschitschikow (Wolfgang Michalek), trägt einen akkuraten Seitenscheitel zur bis zu den Ohren hochrasierten Nazi-Matte. Er sagt, dass er mit 42 Jahren noch etwas ­vorhat, dass er etwas Besseres ist, ein Edelmann – aber unglücklicherweise fehlt ihm das Geld. Doch Geld ist alles, was zählt. Und während die anderen sieben Gestalten wieder abmarschieren, verwandelt er sich in die nächste Karikatur. Es ist das antisemitische Klischee des geldgierigen Juden mit Adlernase, mächtiger Pelzmütze, reich ornamentiertem Mantel, festgezurrtem Grinsen und liebedienerischer Kriecherhaltung. Indem der Regisseur seine Hauptfigur von einer Zuschreibung zur Nächsten wechseln lässt, bedient er Stereotype – und zeigt, in welchen Bildern die Gesellschaft auch heute noch oder wieder gefangen ist.

Einer imitiert den russischen Präsidenten

Tschitschikow marschiert also los, um tote Seelen zu kaufen, gestorbene Leibeigene russischer Großgrundbesitzer. Allerdings unternimmt er diese Shoppingtour in einer Welt, die längst von seelenlosen Lebenden bevölkert und komplett korrumpiert ist. Tschitschikow will in Gogols kapitalismuskritisch visionärem, 1846 erstmals gedruckten Werk mit Nichts Geld machen – Parallelen zur Finanzkrise drängen sich auf. Und alle wollen daran mitverdienen, tattrige Rentner, Spießer, Prolls.

Dabei gelingen ­komische satirische Szenen. Horst Kotterba, als bigotte Oma verkleidet, beginnt vor lauter Vorfreude auf den Geldgewinn hektisch den Boden zu fegen, Tschitschikow mit allerhand argwöhnischen Fragen nervend, bis der ausrastet und die alte Hexe schließlich doch, wie Espenlaub zitternd, in den Deal einschlägt.

Paul Grill als Gutsbesitzer Sobakewitsch weiß sehr wohl, dass etwas faul ist an dem Deal, das ist ihm aber egal, Hauptsache, der ­Rubel rollt. Er berlinert beim Feilschen um den Preis seiner toten Seelen wie ein Weltmeister, scheucht nebenbei seine hagere Gattin herum (fabelhaft beleidigte Trine: Christian Czeremnych). Und imitiert den sich in den Medien als viriler Macher inszenierenden russischen Präsidenten, dessen Konterfei überm Esstisch an der Wand hängt. Die Arme abgewinkelt, als habe er Rasierklingen unter den Achseln stecken, paradiert dieser Mini-Putin umher, will den armen in seinem Daunenmantel schwitzenden Tschitschikow ins Dampfbad locken – ob der Hitze stöhnend und sich windend: „Aaah, det brennt!“

Ohne Unterlass dreht sich die Bühne

Die originelle, doch einfache Geschichte reichert der Regisseur durch Biografisches an: Gogols latente Homosexualität und sein Abgleiten in den Wahnsinn. Er beglaubigt damit das brachiale Bühnenbild von Thilo Reuther sowie die Kostüme von Jana Findeklee und Joki Tewes: eine morbide Sado­Maso-Hölle mit viel Leder, gegürteten Oberteilen, Maulschellen, bedrohlichem Wummern, beherrscht von einem bühnengroßen, ­behelmten Totenkopf.

In dieser Geisterbahn lässt sich Tschitschikow von seinem Jugendfreund und notorischen Zocker Nosdrjow (Johann Jürgens) abknutschen. Ein Judaskuss, denn genau dieser Freund wird ihn verleumden. Hier ­gerät der grandiose Wolfgang Michalek als Tschitschikow auch zunehmend in Verzweiflung über sein perfides Unternehmen, wird am Ende gar – anders als im Roman – eingesperrt. Er kauft sich zwar frei, sitzt aber wie ein armer Irrer in der leeren Nase des übergroßen Totenkopfes gefangen, ­Gogols „Aus dem Tagebuch eines Wahnsinnigen“ zitierend.

Das ist dann auch das Finale eines aufwendig choreografierten technischen Spektakels, an dem sich die Schauspieler heldenhaft abgearbeitet haben. Baumgarten erfindet künstliche Lacher, wie durch Zauberhand auftauchende und verschwindende ­Figuren, imaginäre Tastaturen und eingespielte Geräusche ausgehender Emails mitsamt Klingeln eingegangener neuer Meldungen. Ohne Unterlass dreht sich die Bühne, andauernd klingelt und klirrt es irgendwo, und doch stellt sich Ermüdung ein.

Baumgarten verzichtet auf ein entscheidendes Spannungselement

Die Idee – mit toten Seelen handeln – zündet nur einmal. Das Stationendrama ­erschöpft sich, brav dem Roman folgend, in zu vielen Variationen des Immergleichen. Zudem verzichtet Baumgarten auf ein entscheidendes Spannungselement: Was um Himmels willen Tschitschikow mit den toten Bauern will und was ihn antreibt, erfährt man im Roman zum Schluss – in der Dramatisierung ist das von Anfang an klar. Leider. Viel Lärm um wenig. Und so festigt sich nach zweieinhalb Stunden der Eindruck, als habe da jemand ein Mauerblümchen zu einer irren Dragqueen aufgebrezelt.

In Gogols Roman ­beklagt der Erzähler, die Autoren vor ihm seien allzu sehr auf dem ­tugendhaften Helden herumgeritten und hätten ihn „heuchlerisch zu ihren Tendenzen verbraucht“, sprich: für ihre Botschaften missbraucht. Deshalb sei es höchste Zeit für einen schurkischen Helden. Doch auch ein Antiheld eignet sich, um Botschaften loszuwerden. Der enorme Bühnenaufwand dient hier der Verbreitung eines einzigen ­Gedankens: Geld verdirbt den Charakter. Das ist, bei aller Wahrheit und bei aller ­Begeisterung für das virtuose Ensemble, vielleicht doch ein bisschen schlicht.

Weitere Vorstellungen: 15., 21., 24. Juni, ­jeweils 19.30 Uhr. Kartentelefon: 07 11 / 20 20 90. www.schauspiel-stuttgart.de
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