Verrückte Welt: Sebastian Röhrle, Ferdinand Lehmann, Christian Schneeweiß, Manolo Bertling und Astrid Meyerfeldt (von links) Foto: Bettina Stöß

Ein Theaterkritiker verzweifelt an irren Tanten und Brüdern: Anders als Frank Capra in seiner berühmten Verfilmung verweigert Regisseur Jan Bosse am Samstag im Schauspielhaus klug ein Happy End. Den Schwächen der Gruselkomödie setzt er aber auch nichts entgegen.

Stuttgart - „Aaatttacke!“ Ein ohrenbetäubendes Trompeten-„Tröööt“, dann stolpert Teddy Brewster die Treppe hinunter. Er ist in den US-amerikanischen Flaggenfarben gekleidet, er feixt, macht Daumen-rauf-Daumen-runter-Gesten, grüßt wichtigtuerisch ins Publikum, schüttelt ausgiebig die Hände von Gästen. Und wenn ihn etwas nervt, brüllt er „Fake Fake Fake“ und knallt mit der Tür.

Wer hätte gedacht, dass Joseph Kesselrings Komödie „Arsen und Spitzenhäubchen“ noch einmal solch eine Aktualität erringen könnte. Als das Stück vergangenes Jahr auf den Premierenplan des Staatsschauspiels Stuttgart für die Spielzeit 2016/2017 gesetzt wurde, war jedenfalls noch nicht abzusehen, dass es in Amerika einen Präsidenten geben würde, dessen eigentümliches, den Rest der Welt befremdendes Benehmen so viele Vorlagen für die Gestaltung eines geisteskranken Mannes hergeben würde.

Teddy Brewster, von Sebastian Röhrle mit herrlich überkandidelt staatstragender Ernsthaftigkeit ausgestattet, ist der Neffe der zwei alten Damen Martha und Abby. Er bildet sich ein, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu sein und gräbt auf Anweisung der Tanten gelegentlich in Panama Kanäle – sprich: er geht in den Keller, um Gräber auszuheben. In diese werden dann die Untermieter gebettet, die von den Tanten vergiftet wurden – angeblich aus Nächstenliebe, weil die stets alleinstehenden, oft alten Männer niemanden haben und so entspannt aussehen, nachdem sie den mit Arsen versetzten Holunderwein getrunken haben.

Donald-Trump-Bezüge lauern überall

Auch wenn zur Entstehungszeit des ­Stückes 1939 Franklin Roosevelt regierte, denkt man bei der Premiere am Samstag im Schauspielhaus an den aktuell amtierenden US-Präsidenten. Dessen Name muss nicht einmal genannt werden. Doch wenn es heißt „Ein Glück, dass er sich für den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika hält, er hätte es ja auch schlimmer treffen können“, dann sind das Sätze, die doch womöglich heftigere heiter-hysterische Lacher hervorrufen als in früheren Zeiten. Ein Donald-Trump-Vorgänger hätte übrigens schon ­beinahe in der berühmt gewordenen Ver­filmung 1944 mitgewirkt – der Schauspieler und spätere US-Präsident Ronald Reagan sollte den Theaterkritiker Mortimer spielen. Am Ende übernahm Cary Grant die Rolle des Mannes, der durch Zufall vom mörderischen Treiben der Tanten erfährt und dann auch noch mit seinem Gangsterbruder ­Jonathan und dessen Arzt Dr. Einstein ernsthaft Händel bekommt.

Frank Capra verfilmte den Stoff als Gruselkomödie. Denn Jonathan sieht nach der von Einstein vermasselten Gesichtsoperation aus wie Boris Karloff als Frankenstein (Karloff hatte in der Theateraufführung am Broadway den Jonathan gespielt). Und er benimmt sich in dem Film auch so, starrer Blick, kaum menschliche Regungen. Regisseur Jan Bosse verzichtet jetzt auf Horror - schon allein die türkisfarbene Art-Déco-Bühne (Moritz Müller) und die bonbonbunten Jux-Rüschen-Kostüme (Kathrin Plath) verströmen eine Atmosphäre von Boulevardkomödiengemütlichkeit.

Leichen werden verräumt und Machtverhältnisse ausgelotet

Dadurch sind allerdings die Längen und Schwächen des Stücks noch deutlicher spürbar. Denn bis die Komödie auf dem Höhepunkt ihres Irrsinns gelangt, müssen umständlich Leichen in Truhen verräumt und in Keller geschafft, Machtverhältnisse wieder und wieder neu ausgelotet werden. Jonathan Brewster und Dr. Einstein kommen nämlich nach längerer Absenz just zu dem Zeitpunkt mit einer Leiche im Kofferraum an, an dem auch die Tanten gerade wieder einen Herrn ins Jenseits befördert haben. Leider ist dem Regisseur für Jonathan und Dr. Einstein wenig eingefallen. Astrid Meyerfeldt bemüht sich, den Arzt mit einem Stottertick interessanter zu machen als er ist, doch was ihn und Jonathan zusammengebracht hat, bleibt unklar. Was vor allem auch daran liegt, dass Schneeweiß’ Jonathan wie verloren auf der Bühne umhertappt und weder irr noch gefährlich wirkt. Kein Wunder, dass die Tanten Martha (Marietta Meguid) und Abby (Rahel Ohm) keine Furcht vor ihrem heimgekehrten Neffen haben. Rahel Ohm gibt der Tante etwas lässig Laszives, wunderbar schnippisch geigt sie Jonathan und Einstein die Meinung, dass sie „längst überfüllt“ seien, als die Jungs ihre Leiche ebenfalls im Keller verscharren wollen.

Manolo Bertling stolpert mit Bravour über seine eigenen Beine

Mit ihrem Gleichmut bringt sie auch Mortimer schier um den Verstand, der nicht weiß, wie er die uneinsichtigen Tanten vom Töten abbringen soll. Manolo Bertlings ­Mortimer, ein Theaterkritiker, der sich gerade mit der zur Theatralik neigenden, heiratswütigen Pfarrerstochter Elaine (Lea Ruckpaul) verlobt hat, ist ein lieber Neffe. Fast zu sympathisch, um dem Zuschauer Lust zu machen, sich über Mortimers Missgeschicke und Probleme zu amüsieren. Auch gerät er immer auf ähnliche Weise in den ­Panikmodus, wenn er Leichen in der Sitzbank entdeckt. Aber er stolpert mit Bravour über seine eigenen Beine, verheddert sich tapfer beim Sprechen und Kalauern (Eleeene-Beeene, Bruuuster-Guuutster). Zudem ist Manolo Bertlings und Lea Ruckpauls ­Timing präzise in Slapstick-Szenen, wenn sie beim Tür-auf-Tür-zu-Klapp-Dialog aneinander vorbeireden.

Mortimer ist in dieser Inszenierung ein deutlich uneitlerer Theaterkritiker als er sein könnte, überhaupt fallen die Kommentare über Theater und Krittler im Parkett recht zahm aus. Womöglich liegt das daran, dass es Jan Bosse weniger auf den Theater-im-Theater-Kommentar ankommt als auf Kritik am großen Ganzen – an der Welt und ihrer Verfasstheit. Anders als im Film fällt ein Happy End aus. Ohne zu viel zu verraten - im Theater zeigt sich: die Vernunft hat verloren, die Welt wird von Irren bevölkert. So stellt sich inmitten der Pastellseligkeit doch noch so etwas wie ein Gefühl des Grauens ein, und das währt länger als eine zweistündige Aufführung.

Weitere Termine: 15. ,18., 24., 29 Juni, 1., 9. Juli. www.schauspiel-stuttgart.de
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