Zeigt her eure Schuhe: Manja Kuhl als Vrone, Christian Czeremnych als Seppe Foto: JU

Geld, Liebe, Sex und Tod: Hanna Müller nimmt Eduard Mörike ernst. Die Regisseurin verweigert eine idyllische Erzählung und zeigt bei der Premiere am Samstag, unter der heiteren Oberfläche des Textes schimmern dunkle Themen.

Stuttgart - Obacht beim Schuheanziehen. Die Exemplare könnten ein Eigenleben entwickeln. Dann muss man sie sich wie die Vrone (Manja Kuhl) unter Schmerzen schier vom Fuß sägen lassen, tanzt Pogo mit Ausfallschritt und wird als „Dapp“ verhöhnt. Man steigt hoch wie der Seppe (Christian Czeremnich), fällt aber auch tief. Und so kam’s: Vor Freude, dass ihm das Hutzelmännlein (Gabriele Hintermaier) zwei Paar Zauberschuhe und ein magisches Hutzelbrot für seine Reise ins Ungewisse schenkte, verwechselt der bettelarme, elternlose Schusterjunge die Schuhe - und stolpert als Glücks-Pech-Vogel durchs Land. Ebenso wie Vrone, der das Hutzelmännlein das zweite Paar zugedacht hat.

Seppe und Vrone stecken im Schauspielhaus Stuttgart in je einem Pumps und in einem Wanderstiefel bei der Premiere von Eduard Mörikes Märchen „Das Stuttgarter Hutzelmännlein“. Wanderstiefel sind ein passendes Requisit fürs Aufbrechen, Unterwegssein. Auch das macht den Text von 1853 für heute relevant, die Frage, wie junge Leute versuchen, der heimischen Ödnis zu entfliehen und scheiternd erkennen, dass es anderswo aufregend, aber nicht besser ist.

Die zweistündige Inszenierung enthält sich der Mörike-Klischees des Idyllischen und Biedermeierlichen. Unter der skurrilen, mundartlichen Oberfläche finden Regisseurin Hanna Müller und Dramaturgin Anna Haas bei Mörike das Dunkle. Eifersucht, sexuell Unterdrücktes, Tod und Verzweiflung, alles das hat auch die Literaturwissenschaft längst in der Prosa und Lyrik des 1804 in Ludwigsburg geborenen und 1875 in Stuttgart gestorbenen Autors entdeckt.

Diese Mörike-Lesart zeugt von Kunstwillen

Ein kluger, rhythmisch etwas steifer Abend trotz der Livemusik (Jörg Bielfeldt, Bobby Fischer und die drei am Samstag auf der Bühne musizierenden Künstler Max Braun, Stefan Hiss und Daniel Kartmann). Manches wirkt gewollt erotisch aufgeladen (etwa die Ankleideszene, wenn sich Peer Oscar Musinowski von Christian Czeremnych in eine schwarze Witwe verwandeln lässt). Einiges bleibt schwergängig, wenn Geschichte erzählt, aber nicht gespielt wird. Dabei zeugt die theatrale Mörike-Lesart von Kunstwillen. Auch von Sportlichem: Das Leben ist ein Hochseilakt bei Mörike, zum Finale treffen Seppe und Vroni sich bei einem Tanz auf dem Seil. Hanna Müller lässt nicht gemeinsam balancieren, sondern alleine turnen. In einem vom Bühnenhimmel baumelnden Ring darf sich Manja Kuhl als schöne Lau akrobatisch grazil verrenken.

Zudem hat Bühnenbildnerin Natascha von Steiger einen erklimmbaren Bau als Spielort gestaltet. Er fungiert zugleich als Stuttgarter Kessel und Blautopf für die Erzählung der traurigen schönen Lau, die dort eingesperrt ist, weil sie nur tote Kinder geboren hat. Und er ist ein Ort, der mit Luken und Stiegen Möglichkeit zu kraxelndem Aufstieg und Fall bietet. Ein hohes Rund, dem die Figuren nicht entkommen. Diese Bühne bietet fabelhafte Projektionsflächen für symbolisch aufgeladene Videobilder (Jonas Alsleben). Sie erzählen in der Manier des magischen Realismus mit fliegenden Fischen, tanzenden Schuhen, zerstörten Blüten von Fruchtbarkeit und Vergänglichkeit, Eros und Tod.

Doppelbesetzungen schaffen interessante Parallelen

Der Regiemanier, Geschichten zu fragmentieren, kommt hier der Autor selbst entgegen. Der Text ist voller Binnenerzählungen und unentwirrbarer Erzählfäden. Die bleiben in der geschickt gekürzten Best-of-Fassung erhalten. Hanna Müller hat genau gelesen: Seppe und die Witwe finden ausgerechnet bei einer Schweineschlachtung zueinander. Felix Mühlen, der gerade erst eine nette Wirtin gespielt hat, ziert sich, legt sich dann aber doch quiekend auf die Schlachtbank. Dass Czeremnych nicht nur den Kollegen Mühlen mit Farbe besudelt, sondern sich selbst mit blutrot verschmierten Händen ins weiß gepuderte Gesicht fasst, hat bei aller inszenatorischer Mätzchenhaftigkeit seine textliche Begründung. Schließlich „schossen dem Seppe die Flammen in die Backen“, als die Witwe ihm sagt, er soll sein Glück bei ihr suchen.

Durch Doppelbesetzungen werden interessante Parallelen zwischen der Geschichte von der Lau und der des Schusterjungen Seppe gezogen. Peer Oscar Musinowski hat immer seinen Auftritt, wenn’s um verdrängte Leidenschaften geht. Er spielt die Beinahe-Gattin von Seppe, der sie nur nicht heiratet, weil sie angeblich ihre ersten beiden Ehemänner ermordet hat. Und er ist ein Fast-Geliebter der schönen Lau, küsst sie dreist und bekommt dafür Ohrfeigen, aber auch gierige Küsse.

Wenn Czeremnych als Laus eifersüchtiger Wassernixen-Gatte auftaucht, sie gegen ihren Willen fortschleift, wirft das einen ziemlich dunklen Schatten auf die Hutzelmännlein-Erzählung. Denn Czeremnych und Kuhl spielen auch Seppe und Vrone, die sich am Ende traulich finden. Dies alles freilich nur, weil das machtbewusste Hutzelmännchen es will. Schließlich hat er die Sache mit den Schuhen eingefädelt. Er nennt sich putzig „Tröschter“, ist aber vor allem aufs eigene Wohl bedacht, weshalb er Seppe wählt, ihm ein Klötzle Blei zu bringen. Dass das von ungeheurem Wert ist, ahnt so ein unbedarfter Schusterjunge nicht. Anders als bei Mörike hört man zum Finale nichts von dem kindersegensreichen Eheleben des Paares, sondern das Männlein bekommt das Wort, fordert das Klötzle ein. Hier hebt die Regie den kapitalismuskritischen Zeigefinger. Man will nicht nur das Glück in Seppes Heimatstadt Stuttgart, man will auch das Geld – eine womöglich nicht ganz unangebrachte Moral von der Gschicht’.

Die nächsten Termine: 27. und 31. Januar, 6., 11.,14. und 17. Februar

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