Viele Schüler sehnen sich nach einer Lockerung der Corona-Schutzmaßnahmen. Doch für Kinder mit Vorerkrankung kann eine Infektion sehr gefährlich werden. Wie geht man in einer sonderpädagogischen Schule damit um?
Warum ist Wasser eigentlich so wichtig – und welche Funktionen hat es genau? Für einen kurzen Augenblick ist es still im Raum der Klasse 6, angestrengtes Nachdenken. „Wir verbrauchen Wasser für ganz viele Sachen“, sagt Imane, „zum Duschen oder Wäschewaschen zum Beispiel.“ Ohne Wasser könnten aber auch die Pflanzen nicht leben, fällt ihr noch ein. Moritz hat über die Aggregatszustände nachgedacht, er streckt und rutscht auf seinem Stuhl hin und her. „Wasser kann jede Form annehmen“, sagt er, „es kann gasförmig sein, es kann flüssig sein oder fest.“ Für einige Momente scheint es im Klassenraum der Stuttgarter Margarete-Steiff-Schule an diesem Morgen fast, als wäre die Pandemie vergessen. Wären da nicht die Masken, die die Kinder im Unterricht tragen, und die Abstände, die sie auch im Stuhlkreis einhalten.
Während Land und Bund die Coronamaßnahmen zuletzt gelockert haben, ist mehr als zwei Jahre nach dem Ausbruch der Coronapandemie allerdings kaum vorstellbar, dass an dem Sonderpädagogischen Bildungszentrum in Stuttgart-Möhringen bald wieder so etwas wie Normalität herrscht. Viele Kinder mit Behinderungen und Vorerkrankungen werden hier unterrichtet, für einige von ihnen hätte eine Infektion mit dem Coronavirus besonders schwere Folgen – mitunter sogar lebensbedrohliche.
Eine Mitschülerin bekommt Sauerstoff zugeführt
In Klasse 6 wissen sie genau um dieses Risiko. „Ich bin dreimal geimpft“, sagt Julian, „ich mache mir nicht so sehr Gedanken darum, dass ich selber krank werde, sondern was passiert, wenn jemand von den anderen krank wird.“ Moritz nickt, bei ihm ist das auch so. Sie haben eine Mitschülerin in der Klasse, die Sauerstoff zugeführt bekommt.
Schon eine normale Erkältung wäre für sie eine Herausforderung, eine Coronainfektion könnte sehr gefährlich werden, das wissen alle in der Klasse. Aber auch für die anderen Kinder hier, sagt die Lehrerin, wäre eine Ansteckung extrem riskant. Deshalb haben sie viel über Schutzmaßnahmen gesprochen in der Schule und zu Hause, deshalb finden sie es auch gut, vorsichtig zu sein, Masken zu tragen, sich mehrmals pro Woche zu testen und Abstand zu halten.
Und trotzdem sind sie auch genervt von den Einschränkungen und von der Pandemie. Die CO2-Ampel auf der Fensterbank im Raum zeigt jetzt Gelb, das heißt, es muss gelüftet werden, alle 20 Minuten. „Wir sind Frostbeulen“, sagt Julian, weil von draußen kalte Luft hereinströmt, obwohl die Sonne scheint. „Wir saßen hier schon alle mit Wärmflaschen“, sagt Imane, deshalb hat sie auch jetzt wieder eine auf ihrem Pult liegen.
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Da sind aber noch andere Aspekte. Während einige im Raum das mit dem Maskentragen nicht schlimm finden, ist Julian davon genervt. „Man kann seine Gefühle nicht so gut zeigen“, sagt er, „und man kann andere Leute nicht so gut sehen.“ Manchmal bittet er die Lehrerin, ihre Maske für einen Moment abzunehmen. Moritz ist genervt von der Kohortentrennung. In den Pausen müssen sie in bestimmten Gruppen zusammenbleiben, deshalb sieht er eine Freundin aus einer anderen Klasse in der Schule kaum noch.
„Vor der Pandemie haben wir in der Schule viel mehr zusammen gemacht“, sagt Imane, „zusammen gekocht oder auch mal zusammen übernachtet. Das geht jetzt nicht mehr.“ Theo, der im Rollstuhl sitzt, findet es schade, dass manche Hobbys nicht mehr gehen, Schwimmen zum Beispiel.
„Ein paar Familien ist das Risiko zu hoch“
Der 10-Uhr-Gong ruft zur großen Pause, Julian schiebt Theo in seinem Rollstuhl die lange Rampe hinunter zum Kiosk. „Kinder sind unglaublich anpassungsfähig“, sagt Marita Lang, die Rektorin der Margarete-Steiff-Schule mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung. Man habe die Maßnahmen von Beginn der Coronapandemie an genau erklärt, das trage aus ihrer Sicht dazu bei, dass die Kinder sie auch mittragen. „Wichtig ist für sie, dass sie stabil in die Schule kommen können“, sagt die Lehrerin. Nur für eine kurze Zeit, im März 2020, sei die Schule geschlossen und der Unterricht ins Internet verlegt worden.
Der Aufwand, um den Unterricht für rund 167 Kinder in Präsenz zu stemmen, sei trotzdem enorm, sagt Marita Lang. „Sich jeden Tag neu an die Umstände anzupassen kostet Kraft, gerade wenn ständig Personal ausfällt.“ Hinzu komme bei vielen Lehrkräften die ständige Sorge, Infektionen in ihre Klassen zu tragen. Deshalb seien die meisten an der Schule auch privat sehr zurückhaltend – gerade jetzt, wo es Lockerungen der Coronamaßnahmen gibt. „Ein paar Familien ist das Risiko zu hoch, sie beschulen ihr Kind zu Hause“, sagt Marita Lang.
Auf die Belange von Familien mit Kindern, für die eine Coronainfektion besonders riskant ist, weist auch die Initiative Bildungabersicher hin, die vor allem auf der Plattform Twitter sehr aktiv ist. Der Tübinger Mathematiker Stefan Keppeler, selbst Vater von schulpflichtigen Kindern, engagiert sich bei der Initiative. „Wir haben aktuell die große Sorge, dass die Maskenpflicht im Unterricht und die Testpflicht bald fallen könnten“, sagt er am Telefon. „Für Familien mit Vorerkrankten würde das bedeuten, sich noch mehr einschränken zu müssen. Und dass sie womöglich von Bildung und Teilhabe wieder ganz ausgeschlossen werden könnten.“
Von Schattenfamilien spricht die Initiative dabei – und setzt sich dafür ein, die Coronamaßnahmen nicht auf deren Kosten zu lockern. „Für viele dieser Familien ist es auch eine finanzielle Frage, ihre Kinder zu Hause zu lassen. Oft klappt es zudem nicht mit Unterstützung beim Homeschooling“, sagt Keppeler. Familien und Schulkinder seien durch die Pandemie ohnehin stark belastet, Schattenfamilien aber treffe es besonders.
Marcello muss besonders vorsichtig sein
Auch Marcello kam wegen der Pandemie ein Jahr lang nicht mehr in die Schule, bekam Aufgaben über Video zugeschickt. Weil seine Muskeln durch eine Muskeldystrophie geschwächt sind, ist der 22-Jährige auf Sauerstoffzufuhr angewiesen. Eine Atemwegserkrankung wäre auch für ihn sehr gefährlich, deshalb muss er besonders vorsichtig sein. Seine Eltern haben sich in dieser Zeit neben ihren Berufen zu Hause um Marcello und das Homeschooling gekümmert.
Jetzt steht Marcello in seinem Rollstuhl neben den anderen aus der Praxis- und Berufsschulstufe an einem Verkaufstisch im Schuleingang und nimmt Bestellungen für Brote auf, die seine Klasse später backen wird. Er weiß, dass es noch immer ein Rest-Ansteckungsrisiko für ihn gibt – auch, wenn seine Mitschüler und Lehrkräfte inzwischen alle geimpft sind. Er ist froh, wieder hier sein zu können, unter Leuten. „Immerhin“, sagt er. „Aber es fehlt mir, mal ins Kino zu gehen.“
Wie Marcello sehnen sich auch die Kinder aus Klasse 6 danach, dass alles wieder so ist wie früher. Noch aber müssen sie Geduld haben, das wissen sie. „Die Pandemie ist ja noch nicht vorbei“, sagt Julian.