Vor dem zweiten Finale um die deutsche Futsal-Meisterschaft in der Scharrena gegen Hot 05 spricht Weilimdorfs Vorstandsvorsitzender Daniel Nötzold über den Stellenwert der Sportart.
Der TSV Weilimdorf kann sich mit einem Sieg an diesem Donnerstag (19 Uhr/Scharrena) gegen den VfL 05 Hohenstein-Ernstthal (Hot 05) zum alleinigen deutschen Futsal-Rekordmeister küren. Der Vorstandsvorsitzende Daniel Nötzold spricht über die Chancen.
Herr Nötzold, grassiert das Futsal-Fieber in der Landeshauptstadt?
Auf jeden Fall. Stuttgart ist sogar die Futsal-Bundeshauptstadt. Wenn wir auf die Historie schauen, hat N.A.F.I. Stuttgart schon 2014 den DFB-Futsal-Cup geholt, der Stuttgarter Futsal-Club 2022 die deutsche Meisterschaft gewonnen, wir holten schon viermal den Titel, können am Donnerstag alleiniger Rekordmeister werden. Und der deutschlandweite Zuschauerrekord im Futsal wurde in der ausverkauften Porsche-Arena aufgestellt – das Länderspiel gegen England im vergangenen Februar wollten 5800 Besucher sehen.
Schwirrt Futsal nicht aber dennoch etwas unter dem Radar?
Es gibt keine Regelberichterstattung, wir kämpfen um jede Zeile selbst in einem lokalen Amtsblättchen. Wir versuchen, durch eigene Social-Media-Arbeit vieles aufzufangen, und wünschen uns noch breitere Unterstützung von Verbandsseite. Der Fokus liegt eben sehr auf dem Großfeldfußball.
Der Stuttgarter Futsal-Club hat sich längst verabschiedet, Fortuna Düsseldorf zog zurück, auch der Hamburger SV ist in der neuen Saison nicht mehr dabei. Zeigt das den fehlenden Stellenwert der Sportart?
Da muss man differenzieren. Beim Stuttgarter Futsal-Club war der Rückzug Folge von Missmanagement. Es wurde einfach Geld ausgegeben, das man gar nicht hatte. Fortuna und dem HSV fehlte die Entwicklung in der Liga.
Zu Recht?
Ich finde, zuerst ist der Verein selbst für sein Produkt verantwortlich. Fortuna oder der HSV hätten diese Power und Strahlkraft, ich bin enttäuscht, was sie daraus gemacht haben. Wenn in Hamburg gegen uns nur 100 Zuschauer kommen, dann kann man das nicht dem Verband ankreiden, dann muss man seine Hausaufgaben als Verein vor Ort machen.
Mit wie vielen Zuschauern rechnen Sie am Donnerstag?
Mit rund 1200, so viele kamen auch im Vorjahr beim Endspielsieg gegen Jahn Regensburg.
Wie viele Besucher benötigen Sie, um Gewinn zu machen?
Schwer zu sagen, da es eine Mischkalkulation ist. Aber bei 500 zahlenden Zuschauern haben wir die Kosten gedeckelt. Wir sind viel mit Jugendmannschaften in Stuttgart in Kontakt und machen dort Trainingseinheiten mit Spielern von uns. Vereine in und um Stuttgart haben auch die Möglichkeiten, Freikarten für ihre Nachwuchsteams zu bekommen. Wir wollen den Kids und Jugendlichen einfach zeigen, wie cool Futsal ist.
Der TSV nennt sich „Ihr Verein für Sport und Freizeit“, hat zudem eine erste Mannschaft in der Fußball-Verbandsliga. Gibt es Konkurrenzdenken?
Unsere Struktur ist unsere Stärke. Wir profitieren extrem von dem, was wir uns über Jahrzehnte im Fußball erarbeitet haben. Wie organisiere ich den Spielbetrieb? Welche Fallstricke gibt es? Wer sind die Ansprechpartner im Verband? Diese Infos sind wichtig, um im Futsal keine gravierenden Fehler zu machen.
Ist es nicht auch eine Verpflichtung?
Absolut. Wir müssen vernünftig arbeiten, weil ein Verein mit 1200 Mitgliedern dranhängt. Ich kann nicht wegen Futsal dafür verantwortlich sein, dass die Mutter mit ihrem Kind nicht mehr in die Gymnastikhalle kann, weil die verpfändet ist. Das ist für uns Ansporn für nachhaltige Arbeit.
Was verdient denn ein Futsalspieler?
Es werden keine Gehälter an Spieler über der Minijob-Grenze ausbezahlt. Die Obergrenze als Vertragsamateur liegt bei 630 Euro. Der einzige Hauptamtliche ist unser Futsal-Cheftrainer Vojkan Vukmirovic. Ich hätte gerne Profis, aber alle schaffen nebenher. Ein Spieler arbeitet im Kurierdienst, er ist zweimal in der Woche wegen Spätschicht nicht im Training.
Wenn Sie das Futsal-Geld in die Verbandsliga-Mannschaft stecken würden, könnten Sie sich in der Oberliga etablieren?
Nein, die Rechnung geht nicht auf, da auch das Finanzierungsmodell nicht nur auf Sponsoreneinnahmen basiert. Es gibt etwa speziell für Futsal Zuschüsse zum Beispiel von der Stadt und dem Verband (Anm. d. Red.: zwischen 70 000 und 80 000 Euro pro Saison). Außerdem kommen zum Futsal gezielt Zuschauer von weiter weg. Werbepartner schätzen die Überregionalität, mit der wir im Futsal als Spitzenteam unterwegs sind.
Wie sehen Sie die Zukunft des Futsals?
Wir stehen vor der Herausforderung, dass die Schere in der Bundesliga auseinandergeht. Hot 05, Regensburg und wir sind so etwas wie die Speerspitze, was Vermarktung und Aufmerksamkeit betrifft. Bei anderen Vereinen ist die Organisation eine One-Man-Show. Sie tun sich schwer. Da wird es unsere Aufgabe sein, zu unterstützen und gemeinsam zu entwickeln.
Was ist konkret zu tun?
Wir müssen raus aus diesen Schulturnhallen, um attraktiver für die Vermarktung zu werden, um aus den Spielen Events zu machen. Da müssen alle Vereine mitziehen.
Also geht der TSV öfter in die Scharrena?
In unsere Spechtweghalle passen nur 375 Leute. Hallen mit einer Kapazität von 1000 gibt es in Stuttgart nicht. Deshalb wollen wir schon auch mal ein Viertel- oder Halbfinalspiel, ein Highlightspiel in dieser superschönen, einmaligen Scharrena austragen. Dort können wir ein geiles Familienevent anbieten. Nur mit solchen Arenen nimmt das Thema Futsal in Deutschland Fahrt auf.
Zweifeln Sie am Titelgewinn am Donnerstag?
Es geht bei null los, wir gehen demütig an die Sache ran und wissen, dass es schwer wird. Ich hoffe, Hot 05 ist beeindruckt von der Scharrena und hält sich an die Tradition, dass sie Vizemeister werden und wir Meister. Genau so war das bisher bei vier Finalspielen. Wir haben alles vorbereitet, dass wir die Schale am Donnerstag hochheben können und kein drittes Spiel am 24. Mai brauchen.
Daniel Nötzold
Vita
Daniel Nötzold wurde am 10. Juli 2000 in Stuttgart geboren. Seit 2024 ist er Vorstandsvorsitzender des TSV Weilimdorf, davor zwei Jahre lang Stellvertreter. Zudem fungiert er als Teammanager und Organisationsleiter des Futsal-Teams.
Persönliches
Die Großeltern von Daniel Nötzold haben den TSV mit aufgebaut, auch seine Eltern sind seit Jahrzehnten Mitglied im Verein. Er selbst hat früher Handball gespielt bei den TSF Ditzingen und wohnt auch in Ditzingen. (jüf)