Die Band Schandmaul. Foto: Universal

Schandmaul-Sänger Thomas Lindner will von dem Begriff Mittelalter-Band nichts wissen. Und doch haben Schandmaul mit diesem Etikett enormen Erfolg. An diesem Samstag spielt die Gruppe im Hegelsaal der Stuttgarter Liederhalle.

Schandmaul-Sänger Thomas Lindner will von dem Begriff Mittelalter-Band nichts wissen. Und doch haben Schandmaul mit diesem Etikett enormen Erfolg. An diesem Samstag spielt die Gruppe im Hegelsaal der Stuttgarter Liederhalle.

Stuttgart – Herr Lindner, wie kommt man eigentlich auf die Idee, sich als Band Schandmaul zu nennen?
Bevor die Gruppe überhaupt existierte, gab es die Narrenkappe als Symbol, den Hofnarren. Der muss kein Blatt vor den Mund nehmen und kann auf zynische Weise frei heraus die Wahrheit sagen. Mit der Bedeutung des Lästermauls hat das nichts zu tun.
Was an Ihrer Musik ist eigentlich Mittelalter-Rock?
Das hat die Presse erfunden. Wir machen Folk-Rock, schon seit 15 Jahren und bedienen uns eben durchaus der Klangfarbe mittelalterlicher Instrumente. Aber wir spielen auch Gitarre und Piano. Eigentlich machen wir Volksmusik.
Ihr neues Album „Unendlich“ hat als erste Schandmaul-Platte Platz zwei der Album-Charts erreicht. Was macht den Erfolg aus?
Wir haben natürlich eine Menge Trubel veranstaltet, Fernsehen, Vorab-Hörschnipsel rausgelassen, das lohnt sich – aber das neue Album ist auch einfach nicht schlecht. Wir haben uns dabei auf unsere ursprüngliche Stärke zurückbesonnen: der Märchenonkel zu sein, Geschichten zu erzählen, weniger Liebesballadeskes. Außerdem haben wir uns mehr Zeit genommen und viel Selbstkritik zugelassen.
Was hat „Unendlich“ zu bedeuten? Wollt ihr bis in alle Ewigkeit Musik machen?
Ja! Aber das ist ja leider empirisch nicht möglich. „Unendlich“ ist ja unser achtes Album, also haben wir die Ziffer einfach gedreht, und es wurde das Zeichen für Unendlichkeit daraus. Das bedeutet eine Menge: unendlich viel Freude an der Musik, Raum für Fantasie; unendlich ist einfach ein Lebensgefühl von Freiheit.
Sie haben kürzlich das 15-jährige Bestehen von Schandmaul gefeiert – ist „Unendlich“ eine Art Zäsuralbum?
Unser letztes Album war zwar kommerziell erfolgreich, aber wir haben viel Schelte bekommen, weil wir so viele Liebeslieder geschrieben haben. Mit dem neuen Album sind wir näher an die Klangqualität gerückt, die wir uns vorgestellt haben. Es ist wie mit einer Buchreihe – man hat mehrere Teile fertig gelesen, jetzt beginnt die neue Staffel.
Wie erfinden Sie sich nach all der Zeit noch neu?
Das ist schwer, eine Gratwanderung. Wir haben uns gefragt, was unseren Fans wichtig ist, und die wollen von uns Geschichten. Das war inhaltlich ein Schritt zurück und musikalisch ein Schritt nach vorne.
Mit „Bunt und nicht braun“ haben Sie zum ersten Mal ein sehr politisches Stück ­geschrieben – warum?
Das war leider notwendig. Sobald man Deutsch singt, wird man für rechts gehalten. Es ist unglaublich, wie die Nazis in Fan-Netzwerken auf Beutezug gehen. Es war einfach an der Zeit, lautstark auf den Tisch zu hauen: So nicht!
Für das neue Album haben Sie Ihre Plattenfirma ­gewechselt – zu Universal. Warum denn das?
Na ja, unser Vertrag ist ausgelaufen, dann haben wir uns mit ­verschiedenen Labels zusammengesetzt. Es geht nicht darum, wer uns die meiste Kohle gibt, sondern es muss auch menschlich passen.
Viele Fans haben Ängste geäußert, die Musik von Schandmaul könnte sich dadurch verändern – als Vergleich wird da gerne Unheilig genannt.
Der Labelwechsel hat an unserer Arbeitsweise nichts verändert. Die Fan-Angst, man würde sich verbiegen lassen, ist total unbegründet. Hört doch einfach rein, es ist alles wie immer. Und zum Grafen von Unheilig kann ich nur sagen: Er hat sich nicht verändert, ihn haben nur mehr Leute gehört. Und wenn bei uns der gleiche Effekt auftritt, bin ich der Letzte, der sich beschwert.
Altern Ihre Fans eigentlich mit Ihnen, oder gibt es immer wieder junge Schandmaul-Entdecker?
Beides. Es ist immer wieder erstaunlich, wie breit gefächert unser Publikum ist, vom Jungspund mit Papa bis zum in Ehren ergrauten Althippie, vom Schlipsträger bis zum Punker.
Woran liegt das?
Ich glaube, dass wir heutzutage schneller leben, als wir können. Wir sind rund um die Uhr erreichbar, und die Leute sehnen sich nach einer gewissen Auszeit, und wenn es nur für die Dauer einer CD oder eines Konzerts ist.
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