Zum rollenden Vinylbus sind Hunderte Schallplatten-Fans aus der Region zu Euronics Elsässer nach Sindelfingen gepilgert. Den Betreiber Michael Lohrmann entzückte vor allem, dass die Schwaben beim „schwarzen Gold“ nicht knausern.
„Hey, zeig mal, was hast du gekauft?“ Jörg, 55 aus Reutlingen, fragt Thomas, 47, aus dem Tübinger Stadtteil Bodelshausen nach seinen neuesten Errungenschaften. Thomas lacht. Drei LPs zeigt er stolz, hat dafür 60 Euro hingeblättert. Zwei davon sind von Deep Purple, die der 47-Jährige liebt. „Perfect Strangers“ und „Made in Japan“, ein Kultalbum von 1972. Damals war Thomas gerade mal drei.
Aber „Child in Time“ ist für den DP-Fan ein ultimatives Werk. Jetzt hat er es in einer Liveaufnahme. „Bei meiner Picture Disc bleibt ausgerechnet bei Child in Time immer die Nadel hängen“, erzählt der drahtige Kerl. Also gewissermaßen „Chiiii...“ – sprotz – „Chiii“ – sprotz. Da sieht kein Child the light, sondern rot. Jetzt also kein Kratzer mehr. Thomas grinst. Jörg, Metal-Fan, zeigt im Gegenzug, was er in eine Jutetasche gepackt hat: Rush, Uriah-Heep-Sänger Ken Hensley.
Die LP im Jahr 2022: Totgesagte leben länger
Möglich und die beiden Plattenfans glücklich gemacht hat das am Samstag der „Vinylbus“. Den rollenden Plattenladen fährt einer, der vor vier Jahren seinen Zeitschriftenverlag verkauft hat: Michael Lohrmann. Der 51-jährige Dortmunder war Herausgeber des Musikmagazins „Visions“. Zuletzt hat er 2018 „MINT“ ins Leben gerufen, ein „Magazin für Vinylkultur“, das gleich satte 50 000 Mal gedruckt worden ist. Eine Auflage, die sich im Zuge des Schallplatten-Revivals gesteigert haben dürfte. Frei nach dem Motto: Totgesagte leben länger.
Michael Lohrmann ließ die Branche los, fragte sich, was er noch Wichtiges machen wolle im Leben – und rief den fahrbaren Plattenladen ins Leben, der erst MINT-Bus hieß und heute unter dem Namen Vinylbus läuft. Darin zuckelt Lohrmann mit Second-hand-Ware der Kategorie „Very good+“ oder besser durch die deutschen Lande. Dorthin, wo es keine Plattengeschäfte (mehr) gibt, aber Nachfrage. Erst war es nur der Westen der Republik. Dann kam eine coronabedingte Vollbremsung und Zwangspause. Jetzt ist der schlaksige Typ wieder on the Road. Frei nach Hannes Waders altem Hit: „Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort. Hab mich niemals deswegen beklagt.“
Wer die vier Busstufen nimmt, ist Geld los – aber happy
Erstmals ist der Mann aus dem Ruhrpott nun auch im Süden der Republik. Eintägige Aufenthalte Mannheim und Karlsruhe hatte er schon hinter sich, als er am Samstag seinen eidottergelben ehemaligen US-Schulbus, innen zum Verkaufsraum ausgebaut, bei Elsässer in der Schwertstraße geparkt hat. Ein Hingucker mit Wiedererkennungseffekt. Leser von „MINT“ oder von HiFi-Gazetten bekommen bei dem Anblick leuchtende Augen. „Watch your Step“ steht auf den vier Stufen des rollenden LP-Verkaufslagers. Eine Warnung, die die Vinyl-Fans geflissentlich ignorieren. Wer die Treppe überwindet, ist mindestens 5 Euro los für eine Allerweltsscheibe, vielleicht auch 50 für eine Rarität. Oder gar 500 für eine Art Blaue Mauritius unter dem „schwarzen Gold“. Egal. Für viele ist die Treppe eine Art „Stairway to Heaven“, nicht nur für Fans von Led Zeppelin.
Ab nach Hause und die neuen Schätzchen aufgelegt!
Wie für Thomas, 49, aus Filderstadt, ein glühender Verehrer von Marillion. Was ihm in seiner Sammlung der Band noch gefehlt hat, ein Live-Original aus den 80ern: Im Vinylbus hat es der Prog- und Hardrock-Liebhaber für 30 Euro gefunden. Der Mann von den Fildern kann es kaum erwarten, sein Scheiben-Schätzchen auf den Plattendreher zu legen. Andere auch nicht. Sie haben einen modernen günstigen „Project“ daheim. Oder einen direktgetriebenen Technics wie den legendären 1200er.
Andere sind „vintagemäßig“ unterwegs, haben einen alten Thorens TD 320 Mk2. Oder einen Dual 1229, „der letzte Reibradspieler aus St. Georgen“, wie Mittfünfziger Jörg unter seiner ergrauten Langhaarmähne lachend erzählt. Seine Haarpracht und sein Fünftagebart stechen heraus aus der Menge in der Schlange. Ansonsten ist er in bester Gesellschaft. „Meistens männlich, 50plus“, sagt Michael Lohrmann über das Gros seiner Klientel. Ab und an verirrt sich auch eine jüngere Frau ins Publikum – wie Sabina aus Stuttgart, deren Partner Stefan zufriedener HiFi-Stammkunde bei Elsässer ist. Kabel, Tonabnehmer, auch seinen Plattenspieler hat er hier gekauft.
Analog lassen sich auch Gänsehautmomente erleben
Zufrieden war auch Elsässer-Chef Lorenz Elsässer (38) mit dem Zuspruch auf die Phonotage und das neue Phonostudio im Haus, in dem Fachleute wie Reiner Pohl von Technics oder Phono-Vorverstärkerexperte Norbert Lehmann Auskunft gaben und analoge Software vorstellten. Wenn eine gute Anlage Tränen fließen lasse bei der Musik und Gänsehaut erzeuge, „ist unsere Aufgabe erfüllt“, sagt der 59-jährige Kölner, Toningenieur, Gitarrist und Entwickler.
Wie fantastisch das mit der guten alten Scheibe geht: darüber sind viele sind im Zeitalter des Digitalen verblüfft. Michael Lohrmann, Zehntausende Platten im Fundus – „alles außer Schlager, Klassik und Volksmusik“ –, muss nachladen. Vermutlich kehrt er nächstes Jahr mit frisch gewaschenen Scheiben nach Sindelfingen zurück.