Domenico Tedesco scheut auch vor unpopulären Entscheidungen nicht zurück. Foto: Bongarts

Nach André Breitenreiter und Markus Weinzierl macht sich nun Domenico Tedesco daran, Schalke 04 wieder auf Kurs zu bringen. Gelingt er diesmal, der nächste Neuanfang im Revier?

Gelsenkirchen - Manchmal kommt Domenico Tedesco selbst durcheinander mit all seinen Fähigkeiten und Talenten, von denen so viel geschwärmt wird beim FC Schalke 04. Der neue Trainer des Gelsenkirchener Traditionsvereins spricht fließend deutsch, englisch, französisch, italienisch oder spanisch und pendelt fröhlich zwischen diesen Sprachen hin und her, wenn er mit seinem Team konferiert. „Ich habe Situationen erlebt, in denen ich den Algerier Nabil Bentaleb auf spanisch und den Spanier Coke auf französisch angesprochen habe“, berichtet Tedesco amüsiert, „aber die Jungs verzeihen es mir.“

Es herrscht mal wieder eine beschwingte Aufbruchstimmung auf Schalke, wie schon im vorigen Jahr mit dem damals neuen Trainer Markus Weinzierl. Oder wie im Sommer 2015 mit André Breitenreiter. Benedikt Höwedes nimmt das Wort Umbruch aber „lieber nicht mehr in den Mund“. Er habe in den vergangenen Jahren „immer von einem Neuanfang gesprochen, irgendwann wird man sonst unglaubwürdig“, sagt der Nationalspieler – und ganz ungetrübt ist die Stimmung auch nicht mehr: Vor dem mühsam mit 2:0 gewonnenen Pokalspiel bei Dynamo Berlin hat Tedesco Höwedes als Kapitän abgesetzt, Torhüter Ralf Fährmann mit dem Amt betraut und einen königsblauen Shitstorm ausgelöst.

Ein „absoluter Dilettant“

Der 31-Jährige sei ein „absoluter Dilettant“, der „völlig sinnlos einen ersten Konfliktherd“ geschaffen habe, schreiben Fans. Positive Reaktionen gibt es kaum, vielmehr sprechen aus zahllosen Kommentaren Unverständnis und Entsetzen. Da kommt so ein Anfänger in die Bundesliga und degradiert einen Spieler, der die traditionellen Werte des Clubs verkörpert wie kaum ein anderer: Treue, Zuverlässigkeit, Einsatzbereitschaft, Bodenständigkeit. Empörend!

Aber Tedescos Aktion ist natürlich durchdacht. Wie alles, was der Trainer tut. Denn Höwedes kann zwar großartig grätschen, energische Zweikämpfe gegen Robert Lewandowski oder Pierre-Emerick Aubameyang gewinnen – bereichert das Schalker Spiel aber viel zu selten mit einem kultivierten Spielaufbau. Aus diesem Grund schulte Tedesco in der Vorbereitung die Mittelfeldspieler Benjamin Stambouli und Johannes Geis zu Verteidigern um.

Der in Aichwald aufgewachsene Fachmann profiliert sich als einer dieser Typen, die in der Wirtschaft als „Rulebreaker“ gefeiert werden. Da ist es auch egal, dass Tedesco als Spieler ein eher erfolgloser Amateur war, und als Trainer bisher nur in der Jugendabteilung des VfB Stuttgart, dem Nachwuchsleistungszentrum der TSG Hoffenheim und bei Erzgebirge Aue in der zweiten Liga arbeitete.

Dafür setzt er seine Vorstellungen aber mit einer erstaunlichen Mischung aus Gelassenheit und Härte um. „Domenico hatte bei uns schon das eine oder andere unangenehme Gespräch zu führen“, erzählt Sportvorstand Christian Heidel. „Er hat mit Mitgliedern des Stabs gesprochen, die drei, vier Jahre älter waren, und mit großer Ehrlichkeit und Offenheit erklärt: ‚Tut mir leid, das Gespräch hat mich nicht überzeugt. Mit dir möchte ich nicht zusammenarbeiten.’ Was mir sehr imponiert: Da ist null Unsicherheit.“

Facharbeit auf dem Trainingsplatz

Mit dieser Konsequenz treibt Tedesco auch seine Facharbeit auf dem Trainingsplatz voran. „Der Trainer hat einen klaren Plan und weiß genau, was er will“, berichtet Breel Embolo und erzählt von „sehr vielen Informationen“, die das Team täglich zu verarbeiten habe. Beobachter scherzen schon, dass der neue Alltag sich für die Spieler wie eine direkte Versetzung aus der Grundschule an die Universität anfühle, und Heidel sagt: „Das Bild, das ich von Domenico im Kopf hatte, hat sich bisher zu 100 Prozent bestätigt.“

Aber natürlich wirken in Gelsenkirchen hinter diesem Bild vom Sprung in die Fußballmoderne die konservativen Kräfte aller Traditionsstandorte. Es gibt Experten und Ex-Trainer, die wenig anfangen können mit der Arbeitsweise dieser jungen Trainergeneration, die von Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann angeführt wird. Leute, die in der ersten Krise vernichtende Urteile fällen werden. Noch ist völlig unklar, wie Tedesco reagiert, wenn die Kritik mal wirklich laut wird, wenn das Publikum sich gegen ihn wendet. Wenn – wie bei so vielen seiner Vorgänger – zweifelnde Worte des mächtigen Aufsichtsratschefs Clemens Tönnies durch die Öffentlichkeit geistern.

Vielleicht wird der Herbst wie nach so vielen anderen Umbruchsommern: trist und konfliktreich, wobei Johannes Geis das Gefühl hat, „dass es dieses Jahr noch etwas anders ist“. Tedesco sei „immer präsent“, unberechenbar, voller Überraschungen, er fragt die Spieler, wie sie trainieren wollen, macht sogar mit bei den schmerzhaften Ausdauereinheiten, und manchmal formuliert er Worte in Sprachen, die der Adressat einfach nicht versteht. Noch finden sie das lustig in Gelsenkirchen.

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