Nach einem Feuer 2017 wird der Schafstall der Ziegelhütte bei Ochsenwang komplett neu errichtet. Die Jugendhilfeeinrichtung macht daraus ein Projekt zur Berufsorientierung.
An der Straße hört man schon das Hämmern. Viereinhalb Jahre nach dem verheerenden Brand herrscht wieder Aufbruchstimmung in der Ziegelhütte. Der durch ein Feuer am 8. November 2017 zerstörte Schafstall wird wieder aufgebaut. Die Arbeiten laufen seit einigen Wochen. Erste Umrisse des künftigen Gebäudes, in dem später auch die Verwaltung einziehen soll, sind bereits zu erkennen. Aber eilig hat es Hendrik van Woudenberg, der Geschäftsführer der Jugendeinrichtung, nicht. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bauherren. Denn der Wiederaufbau hat einen pädagogischen Nebeneffekt: Er dient als Projekt für die Berufsorientierung. Ganz nach dem Motto „Leben, lernen, arbeiten – alles unter einem Dach“ helfen junge Menschen als Handwerker auf der Baustelle mit und sammeln erste Erfahrungen für ihren späteren Arbeitsalltag.
Azubi-Vertrag in der Tasche
Lukas ist einer von ihnen. Als kürzlich die ersten Holzständerwände aufgestellt wurden, waren Kraft und Geschick gefragt. Unter anderem unterstützte der 14-Jährige die Profis dabei Folie anzutackern. Genauso viel Freude hat der zwei Jahre ältere Anton auf der Freiluft-Baustelle. Er stellt sich so gut an, dass ihm der Capo vorschlug, Zimmerer zu werden. Gesagt, getan. Mittlerweile hat der 16-Jährige einen Ausbildungsvertrag unterschrieben. Anfang September beginnt er eine Zimmererlehre bei einem Betrieb in Kirchheim. Eine Chance, die Anton auf jeden Fall nutzen will. In der Ziegelhütte gibt es aber nicht nur diese eine Baustelle. In einem der Wohngebäude wird gerade ein Bad modernisiert. Da hat sich Dustin schon gut eingearbeitet. Ob ihm die handwerkliche Tätigkeit Spaß macht? „Klar“, sagt der 15-Jährige und grinst über beide Ohren. Genauso ist die Arbeit der Jugendhilfeeinrichtung auch angelegt. „Wir versuchen bei allen Projekten, die Jugendlichen einzubeziehen“, erklärt van Woudenberg. Das bestärkte die jungen Menschen und gebe ihnen das Gefühl der Selbstwirksamkeit.
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Rund drei Jahre Bauzeit plant van Woudenberg. Dann soll das neue Gebäude bezugsfertig sein. Im Oktober möchte der Geschäftsführer Richtfest feiern. Bis zu diesem Zeitpunkt können sich die Gäste schon einen ersten Eindruck von der künftigen Nutzung verschaffen. Bisher gibt es in der Ziegelhütte keinen großen Raum, den man beispielsweise für Elternabende oder Feiern nutzen kann. Im neuen Schafstall soll Platz dafür sein. Genauso für ein Klassenzimmer, eine Küche und natürlich Sanitärräume. Im ersten Obergeschoss will man künftig die Verwaltung unterbringen. Den Veranstaltungssaal möchte van Woudenberg auch an Externe vermieten.
Viele Spenden und Zuschüsse
Rund zwei Millionen wird das gesamte Projekt kosten. Viel Geld, aber die Finanzierung sei gesichert, sagt der Geschäftsführer nach unzähligen Verhandlungen. Ein wichtiger Teil davon sind Spenden. Diverse Stiftungen helfen mit Zuschüssen. Weil der Schafstall auch für unterrichtliche Zwecke genutzt wird, hat das Regierungspräsidium Stuttgart Mittel zugesagt. Hinzu kommen die Leistungen der Brandschutzversicherung und ein Zuschuss der KfW-Bank. Der wird gewährt, weil der Bau die Effizienzhausstufe 40 erreicht.
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Sehr dankbar ist van Woudenberg der Gemeinde Bissingen mit ihrem Bürgermeister Marcel Musolf. Sie verzichtete nicht nur auf die Pacht, sondern hat der Ziegelhütte nun auch das Grundstück geschenkt. „Das ist eine tolle Unterstützung“, sagt der Geschäftsführer.
Natürliche Baustoffe
Das abgebrannte Gebäude, das von Woudenberg ursprünglich umbauen wollte, stand unter Denkmalschutz. Der älteste von drei Teilen stammte aus dem Jahr 1780. Weshalb die Denkmalschützer strenge Vorgaben für den Umbau machten. Die fallen nun weg, weil vom alten Gebäude nach dem Feuer nichts mehr übrig ist. Nur eine Bedingung muss erfüllt werden: Die äußere Hülle muss in etwa das gleiche Erscheinungsbild haben wie der alte Bau. Im Inneren ist man bei der Gestaltung frei. Berücksichtigt werden musste bei den Planungen der Standort mitten in einem Naturschutzgebiet. Viel organisatorische Arbeit, die van Woudenberg mit Blick auf das spätere Ergebnis aber gerne macht. „Wir hatten an vielen Stellen Glück im Unglück“, sagt er. Nach der Brandkatastrophe habe sich nun alles zum Guten gefügt.
Mit möglichst natürlichen Baustoffen wird viel Wert auf Nachhaltigkeit gelegt. Für die Dämmung der 36 Zentimeter dicken Holzständerwände verwendet man Baustroh. Innen werden die Wände mit Lehm verputzt. Auch die Decken sind aus Holz. Nur das Treppenhaus im Inneren des Gebäudes wird aus Beton errichtet. Angepasst an die Umgebung, bekommt das Gebäude ein Strohdach. Geheizt wird das Gebäude mit Pellets.
Vier eigenständige Einrichtungen
Ziegelhütte
Die drei Innen - und zwei Außenwohngruppen der Ziegelhütte bei Ochsenwang sind ein Angebot für 34 Jungen und Mädchen von 14 bis 21 Jahren. „Über Praktisches Tun helfen wir den jungen Menschen, in ein positives Fahrwasser zu kommen“, sagt Geschäftsführer Hendrik van Woudenberg zum Ansatz der Jugendhilfeeinrichtung Die Ziegelhütte, zu der unter anderem eine Landwirtschaft, eine Schreinerei, eine Käserei und eine Kreativwerkstatt gehören, hat derzeit 75 Beschäftigte.
Trägerverein
Unter dem Dach des Trägervereins Michaelshof-Ziegelhütte gibt es ein vielfältiges Angebot, das von vier unterschiedlichen Einrichtungen erbracht wird. Zu ihnen zählt die Ziegelhütte. Alle Einrichtungen sind in jeder Hinsicht autonom und unabhängig von den anderen. Angebote der Teileinrichtungen gibt es in Ochsenwang, Hepsisau, Jesingen, Neidlingen, Weilheim und Kirchheim/Teck.