Fünf Runden vor Schluss des Kandidatenfinales führt Viswanathan Anand einen Punkt vor der Konkurrenz und könnte damit das Recht auf einen neuen WM-Kampf gegen Magnus Carlsen erwerben. Foto: dpa

Fünf Runden vor Schluss des Turniers in Chanty-Mansyisk wahrt der Inder Viswanathan Anand seine Chancen auf ein erneutes WM-Match gegen Magnus Carlsen. Weil er am stabilsten spielt, meint der Experte Daniel King.

London - Herr King, fünf Runden vor Schluss des Kandidatenfinales führt Ex-Weltmeister Viswa­nathan Anand. Hätten Sie vor dem Turnier auf ihn gewettet?
Niemals. Nach der Niederlage im WM-Match gegen Carlsen dachte ich wirklich, jetzt wäre die Zeit für einen Rücktritt reif. Angesichts des Turnierstands klingt das lächerlich. Aber er hat in den letzten drei Jahren relativ schlecht gespielt. Die WM im November verlief sehr enttäuschend für ihn. Magnus Carlsen hat überzeugend gewonnen. Man merkte in dem Match, dass Anand sein Selbstvertrauen verloren hatte. In entscheidenden Situationen riskierte er zu wenig. Hatte er leichten Vorteil, ging er nicht aufs Ganze. Stattdessen entglitten ihm die Partien durch zu sanftes Spiel ins Remis. Deshalb gebe ich zu, dass mich sein Auftreten im Kandidatenfinale überrascht.
Welche Erklärung gibt es? Ist es vielleicht eine Befreiung, nicht mehr die Bürde des Weltmeisters zu tragen?
Das läge nahe. Aber seinem Spiel ist das nicht anzumerken. Wirklich viel hat er an seinem Stil nicht geändert. Er spielt äußerst solide und ausgeglichen. Die anderen Spieler stürzen sich in große Abenteuer, riskieren viel. Anand dagegen zeigt hier ein stabiles Schach ohne revolutionäre Ideen, aber strategisch und positionell sehr gesund. Sein Sieg am Sonntag gegen den Bulgaren Topalov war beeindruckend. Er gab dem Gegner keinerlei Chancen und häufte positionelle Vorteile an. Es gab auch Partien, in denen er bewusst dem großen Risiko aus dem Weg ging. Gegen den Russen Peter Svidler hätte er einen Bauern gewinnen können. Im Gegenzug hätte er allerdings einigen Druck aushalten müssen. Der wäre aber zu beherrschen gewesen, und Anand hätte das in Ruhe berechnen können. Er hat da für den sicheren halben Punkt eine sehr gute Siegchance liegen lassen. Fazit: Anand spielt gut und sicher, aber nicht fantastisch.
Eine andere Erklärung: Hat Carlsen ihn stärker gemacht, und wir sehen gerade die Nachwirkungen einer sehr intensiven Vorbereitung auf den WM-Kampf?
Nein, Anand ist immer gut vorbereitet. Das ist eine seiner Stärken. Seine Eröffnungen sind nicht spektakulär. Aber er kennt seine Systeme sehr genau. Er spielt mit Schwarz die slawische Eröffnung, und die versteht er einfach großartig. Da zahlt sich seine große Erfahrung aus. In keiner einzigen seiner Partien in Chanty-Mansyisk kam er in eine bedrohliche Situation.
Ist es eine Lehre dieses Kandidatenfinales, dass sich Risiko nicht auszahlt?
Ja, unbedingt. Und das kommt Anands Stil sehr entgegen. Wenn alle Spieler immer voll auf Gewinn spielen, dann gehen eben auch einmal ganze Punkte verloren. Anands großer Widersacher, der Armenier Levon Aronian, hat auch schon zweimal verloren. Der Inder bleibt da cool, gibt sich auch mal mit dem Remis zufrieden. Diese Strategie ist offensichtlich sehr erfolgreich. Vielleicht war der Sonntag der Wendepunkt des gesamten Turniers. Anand siegte, Aronian und der russische Mitfavorit Kramnik verloren. Aronian dachte, gegen Azeri Mamedyarov müsse er die Chance auf einen Sieg nutzen, und spielte sehr scharf. Er wurde nicht belohnt.
Im direkten Duell gegen Anand hat Aronian eine spektakuläre Neuerung im dritten Zug präsentiert. War das zu hoch gepokert?
Nein, dieser neue Damenzug war eine interessante Idee. Aber Anand hat sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen lassen und interessant reagiert. Ich habe nur nicht verstanden, warum Aronian so früh ins Unentschieden eingewilligt hat, indem er die Zugwiederholung erlaubte. Das scheint mir ein strategischer Fehler gewesen zu sein, denn das Remis verdirbt Aronians Chancen, bei Punktgleichheit vor Anand zu landen. Den direkten Vergleich hat er verloren, da er ja die Hinrundenpartie abgegeben hat.
Aronian galt vor dem Turnier als klarer Favorit. Was läuft bei ihm falsch?
In Wijk an Zee und Zürich, zwei bedeutende Turniere im Vorfeld, hatte er großartig gespielt. Unverständlicherweise sind seine Leistungen mitunter sehr schwankend. Ich verstehe die Ursache nicht recht. Vielleicht ist er manchmal einfach zu kreativ und zu wenig pragmatisch. Aber gerade deshalb könnte ein WM-Match gegen Carlsen so interessant werden.
Ab heute beginnt die Schlussphase des Turniers. Wird Anand sich durchsetzen?
Jetzt kommen die Nerven ins Spiel. Wer die Nerven bewahrt, der kommt durch. Es gibt noch fünf Runden. Es wäre ganz ungewöhnlich, wenn jemand mit vier Punkten aus fünf Runden durchmarschiert. Vier Remis und ein Sieg wären schon sehr gut – das spricht natürlich für Anand. Das kann er. Er ist der Favorit, seine Chancen sind sehr, sehr gut.
Wie verliefe dann die Revanche gegen Weltmeister Magnus Carlsen?
Ich fürchte, ganz ähnlich wie zuletzt. Carlsen wäre auch in einem Rematch der ganz große Favorit. Ich weiß, in Indien gibt es andere Meinungen. Aber ich kann kein anderes Resultat sehen: Carlsen würde wieder gewinnen. Natürlich würde Anand vom neuen Selbstbewusstsein profitieren. Auch von der Tatsache, dass er seinen Kontrahenten bereits in einem Wettkampf studiert hat. Aber 20 Lebensjahre Unterschied lassen sich nicht ignorieren.
Immer wieder gab es Prognosen, das Schachspiel könnte wegen der Rechenkraft der Computer in einer Remis-Flut ertrinken.
Das Kandidatenfinale beweist das Gegenteil. Solche trüben Betrachtungen kommen von Menschen, die zu Hause mit Hilfe der Computer die Partien verfolgen, sofort die Bewertung der Stellung ablesen und noch nie im Turniersaal waren. Schach ist etwas anderes: Schach ist und bleibt, was es immer war – ein emotionaler Kampf mit Fehlern und brillanten Zügen. Nicht perfekt, aber voller Leidenschaft. Wie das Leben.
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