Das internationale Schachturnier des SC Böblingen lockt erneut Denksportler aus aller Welt an. Warum indes keine Großmeister mehr anreisen und wer der Topfavorit ist.
Zum 41. Mal steigt zwischen dem 26. und 30. Dezember das internationale Schach-Open in Böblingen. Zu erwarten ist einmal mehr ein Hirnschmalz-Spektakel für Jedermann. Mit rund 250 Spielern rechnet Mario Born, der Turnierorganisator und Präsident des ausrichtenden SC Böblingen. Aus allen Ecken der Welt kommen die Gäste, unter anderem aus den USA, Australien und China. Der älteste Teilnehmer ist 90 Jahre alt – nicht aus Übersee, sondern aus Bad Herrenalb –, der jüngste gerade einmal acht. „Das ist für mich der besondere Reiz an diesem Turnier“, sagt Mario Born, „die vielen verschiedenen Leute und die Freunde, die man nur einmal im Jahr sieht.“
Der 62-Jährige ist selbst seit der ersten Ausgabe 1984 dabei, seit rund 20 Jahren ist er der Direktor des Turniers. In all den Jahren stets Schauplatz des renommierten Events: das Hotel in der Otto-Lilienthal-Straße in Böblingen, das nach mehreren Besitzer- und Namenswechseln heute Elaya heißt. Es bildet den Rahmen für fünf strapaziöse Tage voller Hirnen und Taktieren.
Beim Böblingen Open absolviert jeder Schachspieler neun Partien
Neun Spiele absolviert jeder Teilnehmer, eine durchschnittliche Partie dauert rund drei Stunden. „Das ist natürlich sehr anstrengend“, weiß Mario Born, der selbst nicht mitspielen wird, sich gleichwohl bereits auf den wohlverdienten abendlichen Absacker freut: „Nach so einem Tag bei einem Bier die Spiele zu analysieren – das hat was.“ 1500 Euro gibt es für den Sieger des Turniers, insgesamt wird ein Preisgeld von 7500 Euro ausgeschüttet. Das alles unter der Aufsicht von FIDE-Schiedsrichter Jens Wolter, einem der besten Unparteiischen Deutschlands.
Einer, der es nach mehrjähriger Abwesenheit noch einmal wissen will, ist Harry Messner. Der Spieler des SC Böblingen nimmt erstmals seit fünf Jahren wieder am Böblingen Open teil. „Ich hab’ Freigang von meiner Frau bekommen“, sagt der 62-Jährige augenzwinkernd. Mit einer Elo-Zahl von 2095 nimmt er am A-Turnier der stärkeren Akteure teil, während sich das gleichzeitig stattfindende B-Turnier an Spieler mit einer Wertung von weniger als 1900 Punkten richtet.
In Anbetracht der großen Konkurrenz bleibt der Sindelfinger aber bescheiden. „Nicht zu hoch verlieren“, lautet der Plan. Die stärksten Teilnehmer erreichen Elo-Zahlen von knapp unter 2500, als Topfavorit geht der Internationale Meister Tobias Kölle vom Münchner SC (2471) ins Rennen, der lange für den TSV Schönaich auflief. „Diese Spieler sind so gut vorbereitet, dass sie die ersten 20 bis 30 Minuten quasi aus dem Gedächtnis spielen können“, sagt Harry Messner. „Da kann ich nicht mithalten, man wird ja auch vergesslicher mit dem Alter.“ In der jüngeren Vergangenheit konzentrierte er sich in erster Linie auf die Ligaspiele mit der zweiten Mannschaft des SC Böblingen. In der aktuellen Verbandsliga-Saison bleibt das Team bislang aber hinter den eigenen Erwartungen zurück. Platz sieben von zehn steht zu Buche. In der Liga wie im Turnier gelte aber: „Locker bleiben!“
Seit rund einem halben Jahrhundert kennen sich Harry Messner und Mario Born. Das Spiel brachte sie einst zusammen. In all den Jahren haben sie die Entwicklungen im Schachsport am eigenen Leib miterlebt. Es ist noch nicht allzu lange her, da reisten auch mal fünf, sechs Spieler vom Rang Großmeister zu den Böblingen Open an. Heute sucht man sie im Teilnehmerfeld vergebens. „Es hat sich viel ins Internet verlagert, weil man da gutes Geld verdienen kann“, berichtet Mario Born und fügt kopfschüttelnd hinzu: „Einige Großmeister würden auch nur kommen, wenn wir ihnen die Unterkunft zahlen.“
Unvergessen ist freilich der Skandal bei der Ausgabe im Jahr 1998, als der Kreisligaspieler Clemens Allwermann sensationell gegen Großmeister Sergej Kalinitschew gewann und später des Betrugs überführt wurde. Es war der erste Täuschungsversuch im Schachsport, der über die Landesgrenzen hinaus Wellen schlug und so unverhofft das Böblingen Open weltberühmt machte. „Das war Werbung für uns“, sagt Mario Born lächelnd. Nicht von ungefähr zählt das Event auch heute noch zu den wichtigsten Schachturnieren Süddeutschlands.