Klaus Philipp nimmt Kampfstellung an. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Im Mittleren Schlossgarten in Stuttgart ziehen kniehohe schwarz-weiße Figuren Schachbegeisterte jeder Art an. Hobbyspieler messen sich gegen leidenschaftliche Profis. Wir waren dabei.

Stuttgart - Der Mann mit der Ballonmütze ist nachdenklich. Die Arme hat er vor der Brust verschränkt, ab und zu hebt er eine Hand zum Kinn. Er stemmt die Hände in die Seiten, macht ein paar Schritte nach vorne, dann wieder zurück. Der Gegner mit der Baseballkappe beobachtet ihn mit strengem Blick, Hände hinter dem Rücken gefaltet, Beine hüftbreit und gerade, Brust nach vorne. Ein rein männliches Publikum schaut gebannt zu. Der Mann mit der Ballonmütze hebt den schwarzen Springer, der so hoch wie sein Knie ist, und macht einen Zug. Der Mann mit der Baseballkappe geht mit festem Blick nach vorne und tritt den weißen Turm zu seinem neuen Feld – seine Wut bringt die Luft im Mittleren Schlossgarten fast zum Beben. „Jetzt ist der Turm kaputt!“, ruft ein Mann. „Wie kann man so was machen?“

Seit 1961 sind die riesigen steinernen Bretter samt kniehohen Figuren, an denen Schach unter freiem Himmel gespielt werden kann, Teil des Parks. Drei Bodenfelder, drum herum mehrere kleine Steintische mit Schachbrettern, an denen man mit mitgebrachten Figurensets in Normalgröße spielen kann. Die Ecke zwischen der Haltestelle Neckartor und dem Biergarten zieht Schachbegeisterte aller­ Art an: ältere Herren aus dem Schachverein, die ihr Expertentum demonstrieren, Mittzwanziger, die ihr Sonntagspicknick mit einem Spiel verbinden, Kinder, die sich an den Plastikfiguren freuen, die fast so groß sind wie sie selbst.

Von den Kiebitzern lernen

Dass Schach ein Sport ist, beweist Klaus Philipp. Der 57-Jährige bleibt keine Sekunde stehen. Kaum hat der Gegner einen Zug getätigt, schon ist Philipp beim Gegenzug: „Ich habe das Spiel im Kopf.“ Vor fast 40 Jahren ist er mal beim Joggen im Schlosspark an den Brettern stehen geblieben. Seitdem ist er regelmäßig hier. Früher häufiger, heute zwei- bis dreimal die Woche. Feste Spielpartner hat er nicht. Er geht einfach in den Schlossgarten und schaut, ob jemand mitspielen will. Ein Gegner wie Ivica Jurcic ist für Philipp Entspannung pur. Der 45-Jährige spielt hier nur ein paar Mal im Jahr, mit Philipps Erfahrung kann er nicht mithalten. Philipp plaudert locker, rät Jurcic von ungünstigen Zügen ab, gewinnt beide Partien. Die zweite habe er dem Gegner eigentlich schenken wollen, sagt er später – „es geht ja um nichts“ –, doch Jurcic habe einen unkorrigierbaren Fehler gemacht.

„Ich habe hier Schachspielen gelernt“, erzählt Philipp. Zuschauer, die vom Brettrand Anweisungen erteilen, gehören zum öffentlichen Spiel. „Man spielt hier nicht gegen einen Gegner, sondern gegen mehrere.“ Früher hätten sich hier 20 bis 30 Menschen um ein Spiel gesammelt und hineingerufen. Heute kommen deutlich weniger.

Vergeblich versucht Philipp , Zuschauer für seinen Kampf gegen Walter Zimmermann zu gewinnen. Dass keiner dazustößt, liegt vielleicht auch daran, dass sein Brett in der prallen Sonne liegt. „Ich brauche Kiebitzer“, sagt er lachend zu einem Passanten. Zimmermann kommt auch ohne Kommentatoren aus: „Manchmal lässt mach sich durch sie zu Fehlern überreden.“ Der 63-Jährige spielt seit seiner Kindheit, seit fünf Jahren regelmäßig im Schlossgarten. Einige Minuten später ist Philipp sichtbar nervös. Er macht Dehnübungen, setzt seine Figuren mit Wucht ab, sein Lächeln verfliegt. „Das macht keinen Spaß mehr!“ ruft er, als Zimmermann ihn matt setzt. So ganz nimmt man ihm das nicht ab. In ein paar Tagen ist er sicher wieder am Schachbrett zu finden.

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