Eine warme Luft-Umarmung: So umschreibt Kevin Krebs es, wenn er seinen Fans in der Sauna des Ludwigsburger Stadionbades einheizt. Zu seiner Berufung kam der 32-Jährige per Zufall – denn eigentlich hatte er einen ganz anderen Berufsweg eingeschlagen.
Es ist unfassbar heiß. Gefühlt könnte man im Augenblick nicht einmal einen Finger rühren. Doch Kevin Krebs steht vor dampfenden Steinen in der Mayawa-Sauna im Stadionbad, wedelt mit dem Handtuch und erzählt. Wie tags zuvor leider jemand in der Sauna umgekippt sei – kommt mal vor, „zum Glück nichts Schlimmes!“ – , wie sich aber kurz darauf draußen ein Regenbogen komplett über die Dachterrasse gespannt habe. „Das war magisch, unfassbar“, erzählt er mit Begeisterung und schildert das Szenario so anschaulich – wie sich eine ganze Gruppe Saunagäste versammelte und sich, wie der Herrgott sie schuf, kindlich an dem Phänomen erfreute –, dass den Schwitzenden in der Kabine nicht nur der heiße Hauch von Krebs’ Eisbeere-Aufguss anweht, sondern dass auch die heraufbeschworenen Bilder wohlig in ihre heruntergedimmte Wahrnehmung einsickern.
Kevin Krebs ist Leiter des Sauna-Teams im Ludwigsburger Stadionbad. Und er zelebriert seinen Beruf, die er tatsächlich als Berufung empfindet. „Ich find’s wunderbar, den Gästen beim Aufguss diese zehn Minuten zu schenken, die ihnen etwas von der Haut oder der Seele nehmen“, sagt der 32-Jährige. „Wenn sie da restlos entspannt sitzen oder liegen, vielleicht dann draußen ein Nickerchen machen, sind sie so menschlich. Das ist total schön.“ Er vergleicht seine Aufgüsse mit einer „warmen Luft-Umarmung“, bei der man komplett loslassen kann. „Wenn man das nicht kennt, fehlt einem nichts. Aber wenn man es kennt, dann will man es nicht mehr missen.“
Ein schier unglaublicher Zufall führte zur Berufung
Er selbst kannte es lange Zeit nicht. Überhaupt ist es ein schier unglaublicher Zufall, wie Krebs zu seiner Berufung fand, denn er kommt aus einem ganz anderen Metier. Er ist gelernter Maler und Lackierer, schaffte zehn Jahre auf der Baustelle, zuletzt schichtete er in einer Industriehalle, „weil ich da ein bisschen mehr verdient habe“. Doch in diesem Arbeitsmodus geriet der junge Familienvater in die Krise.
Bis seine Freundin beim Spazierengehen die Frau von Oliver Stuhldreier, dem Saunameister der Stuttgarter Schwabenquellen, kennenlernte und die beiden über Kinder, Hunde und andere Themen darauf zu sprechen kamen, dass dort Personalnot herrschte. Das war die Wende in Kevin Krebs’ Leben. Er stellte sich vor, wurde in dem Wellness-Tempel im SI-Centrum als Aufgießer eingestellt, lernte die Welt des gepflegten Saunierens kennen. Als er sich einige Jahre später in Ludwigsburger bewarb, engagierten ihn die Stadtwerke vom Fleck weg. Zwei Monate später kam aber Corona und die Sauna war dicht. Deshalb ist Krebs im Stadionbad noch gar nicht lange präsent. Und trotzdem hat er wegen seiner zugewandten, gutgelaunten Art und seiner Unterhalter-Qualitäten, die er aber fein justieren kann zwischen „Was kommt jetzt gut an?“ und „Wo braucht’s gerade Stille?“, schon seine Fangemeinde.
„Wenn ich was schön finde, lasse ich die Gäste daran teilhaben“
Wenn keine Stille angesagt ist und man nachhakt, warum er sich in der Sauna so sehr am richtigen Platz fühlt, spricht der Vater zweier Kinder Sätze wie diese: „Man hat das Gefühl, dass man etwas tut, was anderen etwas bedeutet. Auf dieser feinstofflichen Ebene spielt sich das ab. Das größte Geschenk ist die direkte Wertschätzung, die man bekommt. “ Oder: „Wenn ich an einer Rose vorbeigehe, nehme ich mir die Zeit, daran zu riechen. Man nimmt den Duft mit, das ist positiv fürs Gehirn. Das möchte ich in der Sauna auch vermitteln. Man kann weit rennen, aber es geht nicht immer ums Besser, Größer, Mehr. Ein schöner Schmetterling, der vorbeifliegt, oder mein Kleiner, der an einem tollen Stein Freude hat: Wenn ich was schön finde, lasse ich die Gäste daran teilhaben.“
Dabei ist der Job kräftezehrend: Mehrmals täglich das Wasser-Duftöl-Gemisch bei 85 bis 90 Grad Celsius auf die aufgeheizten, zischenden Steine zu gießen, den Menschen in drei Runden den aufsteigenden Wasserdampf zuzufächeln, sie mit dem aromatischen Gluthauch zu umnebeln und ihnen damit den Höhepunkt des Saunaganges zu verschaffen: „Da verliert man Wasser, Salze, Mineralstoffe.“ Viel Zeit zum Regenerieren ist nicht, denn nach dem Aufguss muss Krebs seine Gäste noch ein bisschen im Blick behalten – alle wohlbehalten? – , um die Saunakabinen herum sauber machen, dann fast schon die nächste Aufgussmischung vorbereiten. Zwischendurch ein Ingwertee, viel Wasser „und mal ein Säftle“, ein bisschen Obst oder Gemüse, leichte Kost – und weiter geht’s. Einmal hat er vor seiner Schicht wilde Kartoffeln gegessen. Die lagen ihm so schwer im Magen, dass er den Aufguss abbrechen musste, erinnert er sich lachend.
Was gar nicht geht? „Handys und sexuelle Handlungen“
Was geht in der Sauna gar nicht? „Handys“, sagt er, „und sexuelle Handlungen.“ Er differenziert nach „heißen“ und „verliebten“ Pärchen. Wenn sich ein Paar zärtlich über die Wangen streichle, sei das schön. „Aber wenn sich eine Frau auf einen Mann setzt, das geht gar nicht, da muss ich schon mal bestimmt werden. Die Sauna ist ein öffentlicher Bereich. So ein heißes Paar muss sich einen anderen Ort suchen.“ Und vereinzelt muss er auch mal Klartext reden – wenn sich Gäste seinem Team gegenüber, das er über den Schellenkönig lobt, respektlos verhalten. Die „Ich habe bezahlt und fordere jetzt“-Mentalität habe schon zugenommen, findet er.
Das kommt aber selten vor: Krebs fühlt sich im Stadionbad, das nah an seinem Wohnort liegt, pudelwohl. Die familiäre Atmosphäre sei toll. Und mit Nacktheit geht er natürlich problemlos um: „Hier sind alle gleich, ob Maler, ob Personalchef. Ich hab’ die Menschen gern, wie sie sind“, sagt Krebs. „ Es kann nicht jeder als Adonis rumlaufen.“
Wenn er dann berückende Düfte kreiert, am liebsten mit ätherischen Ölen wie Weißtanne oder Thymian („Da könnt’ ich mich vergessen!“) und die Gäste bei sei der Aufguss-Zeremonie genussvoll seufzen, fühlt er sich fast wie im Himmel. Von seinen schwitzenden Gegenübern ganz zu schweigen.
Wohltat und Energieschub
Der Aufguss
Mit Duftstoffen wie Eukalyptus, Zeder oder Lavendel versetztes Wasser wird auf heiße Saunasteine gegossen und steigt als Wasserdampf nach oben. Durch die erhöhte Luftfeuchtigkeit fühlt es sich an, als steige die Temperatur, was aber nicht der Fall ist. Wedeln verstärkt diesen Effekt: Die Bewegung reißt die beim Schwitzen entstandene kühlende Luftschicht abrupt weg und die Wärme trifft direkt auf die Haut.
Die Wirkung
Ein Saunaaufguss kann das Wohlbefinden steigern: Je nachdem, welche Düfte und Aromen verwendet werden, fühlt man sich danach frisch, erholt, entspannt, energiegeladen und „generalgereinigt“.