Die verwinkelte Passage zur Haltestelle Rathaus wird trotz Abschreckungsmaßnahmen von Wildpinklern genutzt. Der Urin hat sogar Fensterrahmen verätzt. Foto: Sascha Maier

Die Stuttgarter Bezirksbeiräte begegnen dem Urinieren in der Öffentlichkeit mit kreativen Ideen. Ob diese in die Pläne der Verwaltung aufgenommen werden, bleibt nach wie vor fraglich.

S-Mitte - Abschreckende Texte und Bußgelder von 50 Euro scheinen nicht genug zu sein. Das zeigt sich aktuell in der Unterführung zur Stadtbahnhaltestelle Rathaus, wo der Club White Noise es mit einem Kunstwerk mit dem Schriftzug „Wer hier pisst, stirbt“ versucht hat – vergeblich. Einige Bezirksbeiräte des Stadtbezirks Mitte fordern, dass schwerere Geschütze aufgefahren werden müssen, um den Wildpinklern das Handwerk zu legen.

So schlägt zum Beispiel Klaus Wenk (CDU) vor, es ähnlich der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) zu tun, die immer wieder gemeinsam mit den Behörden durch koordinierte Großkontrollen Signale an Schwarzfahrer senden: Polizei und Ordnungsamt sollen im großen Stil Jagd auf Wildpinkler in der City machen und damit ein Zeichen setzen.

„Eine konzentrierte Aktion mit anschließender Kampagne könnte Anwohnern und Geschäftsleuten helfen“, sagt Wenk. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass das Übel auch an seiner Wurzel bekämpft werden müsse: Also Un­terstützung für die Klientel geleistet werden sollte, die sich um die Leonhardskirche aufhält und laut den Clubbetreibern Hauptverursacher des illegalen Urinierens ist.

Auch Renée-Maike Pfuderer von den Grünen kennt die Problematik. „Als Kirchengemeinderätin habe ich miterlebt, wie Urin-Reste um die Leonhardskirche bis zu einen halben Meter tief im Erdreich nachgewiesen wurden“, sagt sie. Dass die Lage auf der anderen Seite der Unterführung, die die Eberhardstraße mit dem Leonhardsviertel verbindet, ähnlich ist, wundert sie wenig. Pfuderer würde auf Abschreckung setzen: Eine Festbeleuchtung. „Das Beleuchtungskonzept, das jetzt um die Leonhardskirche geplant ist, muss auch durch die Unterführung zur anderen Seite fortgesetzt werden“, sagt sie. Es gehe darum, dunkle Ecken im Quartier auf ein Mindestmaß zu reduzieren, die Wildpinkler „magisch anziehen“ würden.

Festbeleuchtung und Appelle beim Kassieren

Heinrich-Hermann Huth von der SPD dagegen setzt auf die Vernunft aus der Zivilgesellschaft. „Gastwirte schenken beispielsweise berauschende Getränke aus und erhalten hierfür eine Lizenz, verbunden mit Verantwortung für die möglichen Auswirkungen“, sagt der Sozialdemokrat. Ein Appell beim Kassieren, doch noch mal kurz die Toilette aufzusuchen, wirke manchmal Wunder. Die Stadtverwaltung sei bei ­dieser Frage nicht der einzige Ansprechpartner.

Gleichzeitig betont Huth, dass die Problematik des Wildpinkelns in keinem Zusammenhang mit Herkunft oder sozialem Status stehe. „Das ist ein Resultat mangelhafter Erziehung, die sich leider durch alle Milieus zieht“, sagt er. Huth regt einen Erfahrungsaustausch mit anderen Städten an: „Manche von ihnen haben öffentliche Urinale installiert.“ In Amsterdam ist das beispielsweise der Fall.

Ordnungsbürgermeister Schairer gefordert

Auch Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle pflichtet Huth bei, dass es sich beim Windpinkeln vor allem um eine Folge „schlechter Kinderstube handle. Die „unübersichtlichen Zwickel“ um die Passage böten aber zusätzliche Anreize für solche Personen. Sie plädiert dafür, die Problematik an den runden Tisch zu tragen, der für die Innenstadt als Vermittlungsforum zwischen Wirten und Verwaltung eingerichtet wurde. Dort sitzt auch Stuttgarts Ordnungsbürgermeister Michael Schairer (CDU), der womöglich etwas an der Situation ändern könne.

Inwiefern das Konzept „Sauberes Stuttgart“ den Forderungen für die Passage unter der Hauptstätter Straße Rechnung trägt, ist indes noch unklar. Bis 2022 sind für mehr Sauberkeit in der Stadt Haushaltsmittel in Höhe von insgesamt 45,4 Millionen Euro vorgesehen – eine Menge Geld.

„Für 2018 stellt die Stadt 5 Millionen Euro und für 2019 10,1 Millionen Euro bereit“, sagt Ann-Katrin Gehrung, eine Sprecherin der Stadt. Schwerpunkte des Konzepts seien umfangreiche Reinigungen, verstärkte Prävention, mehr Kontrollen und eine breit angelegte Öffentlichkeitskampagne – welcher Stellenwert Windpinkeln da zugeschrieben wird, darüber ist allerdings noch nicht gesprochen worden.

Frauen kommen ja auch zurecht

Ein weiteres Problem: Der Bereich vor dem Club White Noise, der Tiefhof im Schwabenzentrum, liegt nicht in der sogenannten Reinigungszone I. Sprich: Die Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS), eine Tochtergesellschaft der Stadt, zählt den Bereich nicht zu ihrem Aufgabengebiet.

„Wie für das restliche Stadtgebiet gilt auch hier, dass die Anwohner für das Reinigen verantwortlich sind“, erklärt Gehrung. Welche Pflichten damit verbunden sind, stehe in der sogenannten „Satzung über das Reinigen, Räumen und Bestreuen der Gehwege in Stuttgart“.

Abgesehen von Satzungen, hofft zumindest Veronika Kienzle, könnte aber auch ein Appell an den gesunden Menschenverstand der Männer Wirkung zeitigen – selbst wenn jemand im Nachtleben mal einer zu viel getrunken wird: „Wir Frauen kommen doch auch zurecht!“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: