Maccia und Felsen prägen die Wanderwege. Foto: Maier

Sardinien ist die zweitgrößte Insel im Mittelmeer. Sie ist als Bade- und Wanderziel beliebt. Abseits der üblichen Urlaubsorte lohnt vor allem der Besuch zweier Gesteinslandschaften - wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Cabras - Hinter einem unscheinbaren Holztor beginnt das Abenteuer. Ein sandig-felsiger Pfad schlängelt sich durch die macchiabewachsene Felslandschaft. Das immergrüne Hartlaubgewächs kratzt an den Beinen. Eingebettet zwischen haushohen Granitfindlingen führt der Weg nach unten, es riecht verlockend nach Meer. Und da, wo der Pfad in eine halbmondförmige Bucht mündet, steht er: der Marterpfahl der Aussteiger. Ein dünner Stamm, an dem Federn, bunte Ketten und ein Windspiel baumeln.

Auf dessen Spitze ein holzbraunes Geweih thront und an dessen Wurzeln geflochtene Körbe auf Opfergaben warten. In der Mitte des Pfahls, aufgespießt an Bambusstäben: ein bleicher Tierschädel mit orange bemalten Hörnern und gelb-grünem Friedenszeichen auf der Stirn. Nur wenige Meter entfernt, mit Blick auf die türkisfarbenen Wellen, sitzen Massimo, Adamo und Gin. Im Schatten eines windgebeugten Wacholderbaums lassen sie einen Joint kreisen - „alles Natur, alles Sardinien“, sagt Adamo und lacht. Seine braun gebrannte Haut erinnert an gegerbtes Leder. Seit den 1960er Jahren zieht das Valle della Luna, das „Tal des Mondes“ auf der Halbinsel Capo Testa, dem nördlichsten Punkt Sardiniens, Kurzzeit-Aussteiger und Hippies an - Menschen auf der Suche nach der großen Freiheit und ein bisschen Abenteuer.

Sie hausen in Zelten und in den Felsspalten und Höhlen, welche die jahrtausendelange Erosion in der zerklüfteten Landschaft hinterlassen hat. Zwischen Lorbeerbäumen, Stechpalmen und grotesk geformten Felsen spannen sie Tücher und Planen als Sonnenschutz über den Sand. Einige von ihnen kommen nur im Sommer, übers Wochenende, andere lassen sich auf unbestimmte Zeit im Mond-Tal nieder. Heute, an der Feuerstelle unter dem Wacholderbaum, sind sie zu zwölft: sieben Männer, zwei Frauen und drei Hunde.

Leben in zahlreichen Grotten

„Wer kommt, sucht sich einfach einen Platz. Regeln gibt es keine“, sagt Massimo. Der 33-Jährige lebt seit fast zwei Jahren in einer der zahlreichen Grotten des knapp 500 Meter langen Tals. Seine bunt gefärbten Dreadlocks hängen gelb, rosa und blau über die nackten Schultern. Wovon er lebt? „Manchmal verkaufe ich Pinienkerne in der Stadt. Aber eigentlich komme ich mit dem, was ich hier finde, ganz gut aus.“ Bevor er ins Valle della Luna kam, war Massimo „mal hier, mal da“. Im Mond-Tal, inmitten der Natur und seiner Freunde, hat er vorübergehend eine Heimat gefunden.

„So wie ihm ergeht es vielen“, sagt Gin mit einem Kopfnicken zu Massimo. Die zierliche 29-Jährige kam vor zwei Monaten auf der Halbinsel an, sie wollte ursprünglich drei Tage bleiben. Das Valle della Luna steht jedem offen - daher ändert sich die Zusammensetzung der Gruppe stetig. Aus diesem Grund müssen sich Adamo, Massimo und Gin die Bucht aber auch mit den Touristen teilen, und das sind in den Sommermonaten nicht wenige. „Manchmal ist es etwas ermüdend“, sagt Adamo, mit 46 Jahren der Älteste der Gruppe.

Keine 50 Meter hinter ihm planschen Kleinkinder im Wasser, Taucher schnorcheln nahe dem Ufer, Kajakfahrer paddeln die Küstenlinie entlang. Trubeliges Leben am Aussteiger-Strand. „Manchmal kommen die Touristen zu uns herüber und wir unterhalten uns eine Weile“, sagt Adamo. „Sie sind wie wir, wir sind wie sie.“ Traurig ist er dennoch nicht, wenn die Besucher die Sonnenschirme abends einklappen, um die bizarre Granitlandschaft und ihre Bewohner hinter sich zu lassen. Die Touristen ziehen weiter - zu anderen Stränden, zu neuen Abenteuern. Sardinien ist nach Sizilien die zweitgrößte Insel im Mittelmeer. Obwohl sie häufig im Schatten ihrer kleinen, nördlichen Schwester Korsika steht, ist sie ein beliebtes Ziel für Bade- und Wanderreisen. Die Berge sind etwas flacher als auf dem französischen Eiland, die Touren etwas leichter.

Das macht Sardinien insbesondere für Familien mit Kindern und ältere Reisende attraktiv. Bekannt ist die italienische Insel vor allem für ihre Nuraghenkultur und ihre von Sarazenentürmen geprägte Küste. Doch auch die vielfältige Küche - diese Antipasti! der Wein! der Käse! - sowie abwechslungsreiche Steinlandschaften sind typisch. „Wer interessante Gesteinsformationen sehen möchte, wird eigentlich auf ganz Sardinien fündig“, sagt Franco Carta. Der 40-Jährige wurde im Sauerland geboren. Nun arbeitet er im städtischen Museum für Archäologie in Cabras, einem rund 9000 Seelen großen Ort im Westen Sardiniens auf der Sinis-Halbinsel. Dort ging es lange Zeit eher beschaulich zu. Die überschaubare Dauerausstellung des Museums mit Artefakten aus der Steinzeit zog nur wenige Besucher an. Mit acht Sandsteinfiguren aus der Nuraghenzeit, den „Giganten vom Mont’e Prama“, hat sich das grundlegend geändert. Allein zur Ausstellungseröffnung am 22. März 2014 kamen 500 Besucher - so viele wie sonst in einem ganzen Jahr. Inzwischen haben mehr als 10 000 Menschen die Kolosse gesehen, die aus der Zeit zwischen dem elften und neunten Jahrhundert vor Christus datieren. „Für uns sind die Figuren ein echter Glücksfall“, sagt Carta. „Das Museum ist zu einer Anlaufstelle für Archäologen geworden.“

Aus bis zu 400 Kilogramm schwerem Sandstein gehauen

Carta erhofft sich von dem Fund neue Erkenntnisse für die Interpretation der sardischen Geschichte - die Giganten vom Mont’e Prama sind die einzigen überlebensgroßen Statuen aus der Nuraghenzeit und möglicherweise sogar die ältesten freistehenden Großplastiken Europas. Gefunden wurden sie in einer bronzezeitlichen Nekropole auf der sandsteinreichen Sinis-Halbinsel. „Sie standen auf den runden Grabstätten junger Männer, die fast alle unter 20 Jahre alt waren“, so Carta. Ein Bauer hatte sie 1974 nahe dem Berg (Monte) Prama entdeckt. Die Skulpturen wurden aus bis zu 400 Kilogramm schweren Sandsteinblöcken aus dem örtlichen Steinbruch gehauen - bei der Ausgrabung kamen insgesamt 5178 Bruchstücke zu Tage.

Doch erst 2007, nachdem das italienische Ministerium für Kulturgüter und Tourismus die Finanzierung gesichert hatte, konnte mit den aufwendigen Restaurierungsarbeiten begonnen werden. Vor tiefschwarzer Wand präsentiert das Museum in Cabras nun die bis zu 2,5 Meter großen Giganten - Bogenschützen, Krieger, Boxer und Nuraghen. Einige sind mit einem verzierten Rundschild, andere mit einem Bogen oder einem bewehrten Handschuh ausgerüstet. Hier und da fehlt ein Arm, ein Bein, ein Kopf. Vor dem dunklen Hintergrund wirkt die Reihe der Kämpfer trotz ihrer weit aufgerissenen, kreisförmigen Augen still und bleich. Auf einem Touchpad in der Mitte des Raums können die Besucher die Figuren als 3D-Modelle en détail erkunden - bis aufs gröbste Körnchen können sie an den weißen Stein heranzoomen.

Daneben können sie auch die fehlenden Brüder der Steinkrieger im Archäologischen Museum in Cagliari betrachten. Dort sind 22 weitere Giganten ausgestellt. Sie sollen irgendwann nach Cabras kommen. Doch das könnte eine Weile dauern: „Das Museum hat nicht genügend Ausstellungsflächen“, sagt Carta. Bis es so weit ist, müssen sich die Besucher abends wohl wieder auf den Weg machen - zu anderen Museen, zu neuen Exponaten.

Infos zu Sardinien

Anreise
Die Fluggesellschaften EasyJet ( www.easyjet.com/de ) und Air Berlin ( www.airberlin.com ) fliegen von Stuttgart nach Olbia im Norden Sardiniens sowie nach Cagliari im Süden der Insel, ab 200 Euro, je ein Zwischenstopp. Germanwings bietet zwischen Juni und Oktober Direktflüge ab Stuttgart nach Olbia ( www.germanwings.com ).

Unterkunft
Das Vier-Sterne-Hotel La Baja bietet einen schönen Ausblick auf die Bucht von Santa Caterina. Doppelzimmer inklusive Frühstück ab 98 Euro. Via Su Paris de sa Turre, S. Caterina di Pittinuri (Cuglieri), www.hotellabaja.it

Im Zentrum des mittelalterlichen Bergdorfs Santu Lussurgiu liegt das Drei-Sterne-Hotel Antica Dimora del Gruccione. Im dazugehörigen Restaurant werden regionale Erzeugnisse serviert. Doppelzimmer inklusive Frühstück ab 90 Euro. Via Michele Obinu 31, S. Lussurgiu, www.anticadimora.com

Von den oberen Stockwerken des Hotels Panorama Olbia hat man einen tollen Blick auf die Altstadt von Olbia, Doppelzimmer inklusive Frühstück ab 80 Euro, Via Mazzini 7, Olbia, www.hotelpanoramaolbia.it

Essen und Trinken
Das Restaurant Sa Pischera e Mar e Pontis gehört einer Fischerkooperative. Es ist die beste Adresse für frischen Fisch im Westen Sardiniens, Strada Provinciale 6, Cabras, www.consorziopontis.it

Im Landhaus Agriturismo S’Ispiga werden vor allem hauseigene Produkte aufgetischt. Von den Antipasti bis zur Nachspeise: das Essen schmeckt vorzüglich, www.sispiga.it

Sehenswürdigkeiten und Ausflüge
Im Museo Civico in Cabras sind die einzigen Steinstatuen aus der Nuraghenzeit, die „Giganten vom Mont’e Prama“, ausgestellt. Via Tharros, Cabras. www.museocabras.it .

Das Capo Testa mit seinen bizarr geformten Granitfelsen und Badebuchten ist ein beliebtes Ausflugsziel. Auf der Halbinsel im Norden Sardiniens befindet sich auch das Valle della Luna, wo Aussteiger ganzjährig am Strand leben.

Pauschalen
Der Reiseveranstalter Erde und Wind bietet eine Reise mit leichten Wanderungen im Westen Sardiniens an. Die Touren führen entlang der Küstenlinien und ins Binnenland, fast immer mit Blick aufs Meer. Acht Tage im Doppelzimmer für 1045 Euro (ohne Flug), Tel. 09 403 / 96 92 54, www.erdeundwind.de

Bei Berge & Meer gibt es eine 15-tägige Flug-Rundreise durch Sardinien, ab 1099 Euro im DZ, Tel. 02 634 / 96 26 169, www.berge-meer.de

Allgemeine Informationen
Italienische Zentrale für Tourismus (ENIT) in der Barckhausstr. 10 in Frankfurt am Main, Tel. 069 / 23 74 34, www.enit.de

Weitere Informationen bietet die Webseite von Sardinien Tourismus: www.sardegnaturismo.it/de

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