Sardinien im Herbst: Müßiggänger unterwegs auf der Sinis-Halbinsel. Foto: Miethig

Um diese Jahreszeit nicht viel los in Oristano. Entspannte Tage an Sardiniens Westküste.

Sie sind überall: die vier markanten schwarzen Köpfe mit dem Piratenstirnband. Auf Flaggen und Aufklebern, auf Plakaten und Häuserwänden. Die Alten auf Sardinien begrüßen sich mitunter mit „Bonardis“, nicht mit „Buon giorno“. Schon seit 1948 ist die zweitgrößte Mittelmeerinsel eine autonome Region mit Sonderstatus. Doch das aufmüpfige Symbol der Separatisten täuscht. Über der Westküste Sardiniens liegt eine entspannende provinzielle Schläfrigkeit.

Heuballen und Zypressen auf weiten goldgelben Herbst-Feldern, eingerahmt von einer olivgrünen Landschaft, aus der vereinzelt karge Hügel und Kegel herausragen. In der Ferne eine blaue Bergkette. Am Straßenrand behaupten sich knorrige, windgebeugte Korkeichen, die „Windflüchter“. Es gibt auf Sardinien mehr Schafe (drei Millionen) als Zweibeiner (1,6 Millionen). Wo man auch fährt und steht: Unüberhörbar bimmeln die Glöckchen, die Schafe dominieren sogar den Verkehr und blockieren gelegentlich die Landstraßen.

Am weiten Golfo di Oristano hantiert ein Fischer weit draußen auf seinem Boot mit Netzen. Silbrig glitzernde Fische fliegen wie kleine Pfeile übers Wasser. Den Strand bevölkern Ende September viele Rentner vom Festland. „Ein Tag wie aus dem Märchen!“, schwärmt eine dralle, braun gebrannte Signora und sie scheint mit beiden Armen den Himmel dafür umarmen zu wollen. Recht hat sie: Strahlend blauer Himmel spannt sich über die 40 Kilometer weite Bucht des Golfes. Die betagten Damen und Herren schwingen Arme und Beine bei der Wassergymnastik oder beim Boccia.

Alle stürmen wie auf Kommando gleichzeitig das Meer und später das Büfett. Ab 12 Uhr sind die Liegen vor dem einzigen Hotel, dem Horse Country Resort, wie leer gefegt. Die Bademeister haben die Musik abgestellt, jetzt rauscht nur noch das Meer. Ein Glück, dass an diesem Strand keinerlei Trubel wie im Norden an der Costa Esmeralda herrscht. Die kilometerlange Sandbahn am Golfo di Oristano teilen sich nur wenige Strandläufer, aber es ist immerhin auch schon Nebensaison. Kleiner Makel: Der Sand ist eher gräulich, und in der Ferne zeigen sich als Silhouetten die Kräne des zehn Kilometer entfernten Industriehafens Oristano.

Doch wenn man beide Augen zukneift und der Himmel so klar ist wie heute, sieht man im Norden auch das Ende der Penisola del Sinis, die langgestreckte Halbinsel mit den Ruinentürmen von Tharros. „Je tiefer man auf Sardinien gräbt, desto mehr alte Epochen entdeckt man“, erklärt unser Führer Gian Franco am nächsten Tag beim Wandern an der Felsspitze des Capo San Marco auf Sinis, „das ist wie bei einer Zwiebel.“ Naja, vielleicht eher wie eine Lasagne.

Zuerst kam das Volk der Nuragher vor fast 4000 Jahren nach Sardinien und baute seine konischen Festungstürme. Abgelöst wurden sie von den Phöniziern im 8. Jahrhundert v. Chr. und den Puniern aus Karthago, und um ca. 200 v. Chr. wurde Sardinien schließlich römische Provinz. Von Tharros, der Hafenstadt der Phönizier, ist nicht viel übrig geblieben – sie wurde von jedem neuen Eroberer als Steinbruch benutzt und so allmählich abgetragen. Der besterhaltene und bedeutendste Nuragher-Turm ist der rund 3000 Jahre alte Nuraghe Losa bei Abbasanta, der heute unter dem Schutz der Unesco steht.

Die schöne Wanderung auf der Sinis-Penisula führt auf und ab an der Küste, vorbei an Stränden und kleinen Buchten, an Resten von antiken Thermen und einigen schlanken dorischen Säulen. Beidseits des Weges sind sattgrüne Macchia, Tomaten- und Artischockenfelder zu sehen. Der Reiz Westsardiniens liegt in dieser Mischung: Stranddasein in einsamen stillen Landstrichen, Bummeln durch alte Städtchen mit typischem Gassengewirr und dem Stauen über archäologische Schätze.

Abends genießen wir leckere Nudelteigtaschen mit Käsefüllung im Borgo Sant’Ignazio, einem urigen Lokal im mittelalterlichen Bilderbuchstädtchen Bosa, das sich inmitten von Oliven- und Zitrushainen unweit der Küste erhebt. In allen Tuschkastenfarben klettern die schmalen Häuschen wie in einem Patchwork den Hügel hinauf, auf dem die genuesische Burgruine thront, das Castello dei Malaspina. Zu ihren Füßen schmiegt sich die Altstadt mit palmenbestandener Promenade an den Fluss Temo. Krumme Gassen führen stets in die Irre, treppauf, treppab zu winzigen Piazettas, auf denen Stöckelschuhe gnadenlos scheitern.

Die Ponte Vecchio schwingt ihre drei Bögen seit Urzeiten über den Temo, nachts wunderschön beleuchtet. Am frühen Morgen gegen 7 Uhr betreten die schwarz gekleideten Signoras, die alten Witwen, mit ihren übergroßen Handtaschen am Arm die kleine Kathedrale, machen einen Knicks vor der Madonna und verharren auf den Bänken in absoluter Stille. Danach beginnt vermutlich ihr Tagewerk: Stickereien und Spitzenklöppeleien, die viele alte Damen , an die Touristen verkaufen.

Am nächsten Tag wandern wir mit Antonello Cossu entlang der hügeligen Küste oberhalb von Bosa, wo das schroffe, zerklüftete Land aus Vulkangestein steil zum Meer abbricht. Kaktusfeigen, Lorbeer, Korkeichen und Erdbeerbäume gedeihen hier. Von den mehr als 100 Vogelarten auf Sardinien sind die Gänsegeier mit Abstand die hässlichsten. Und dennoch gerät Antonello in euphorische Aufregung, als rund 30 der gefiederten Exemplare die Thermik über der Küste ausnutzen und minutenlang nur wenige Meter über uns kreisen. Es ist die letzte Gänsegeier-Kolonie auf Sardinien, nur noch 89zählt man an dieser Steilküste, auf einem Wandbild im nahen Dorf Montresta sind sie sogar verewigt. Wir lassen sie noch eine Weile majestätisch kreisen, ehe wir auf dem holprigen Pfad zurückkehren. Und wie sagt man hier zum Abschied: „Nos bidimus da’inoghe a pag’ora“ – bis bald auf Sardinien!

Oristano

Unterkunft
Horse Country Resort, Arborea, www.horsecountry.it, DZ ab 77 Euro inkl. Frühstück– weitläufiges Hotel am Strand.

Corte Fiorita, Bosa,www.albergo-diffuso.it, DZ ab 80 Euro – Minipension mit herrlicher Aussicht.

Golf-Hotel Is Arenas, Narbolia, www.golfhotelisarenas.com, DZ ab 276 Euro: Fünf-Sterne-Herberge mit Golfpatz, ruhig und abgelegen.

Essen und Trinken
Antica Dimora del Gruccione in Santa Lussurgiu, www.anticadimora.com – uriges Familienlokal.

Borgo Sant’Ignazio in Bosa – herzhaft sardisch speisen mitten im Altstadtkern.
Auskunft im Internet
www.sardinien.com
www.sardinienforum.de
www.sardinien-reiseinfo.net
www.oristanowestsardinia.it/en

Was Sie tun und lassen sollten
Auf jeden Fall sollten Sie in Bosa auf den Hügel des Castello dei Malaspina kraxeln – Sie werden mit einem tollen 360-Grad-Panorama belohnt! Am Sonntag vor dem Rosenmontag den Karnevalsritt Sartiglia in Oristano erleben. Testen, wie gut ein Gläschen Kaktusfeigenlikör zum würzigen sardischen Pecorinokäse passt.

Auf keinen Fall sollten Sie sich beim Autofahren auf die Beschilderung verlassen: Straßen- und Ortsschilder werden oft geklaut.

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