Die Komponistin Sarah Nemtsov erfindet Klänge zu jüdischer Mystik. Sie ist zu Gast beim Stuttgarter Eclat-Festival, das an diesem Mittwoch im Theaterhaus beginnt.
Manche Stücke erkennt man sofort, sogar in der Neuen Musik: Ganz klar, dies ist ein Werk von X, und jenes kann nur Y komponiert haben. Nicht so bei Sarah Nemtsov. Wenn es Konstanten im Schaffen der in Oldenburg geborenen und heute in Berlin lebenden Komponistin gibt, dann sind es die Offenheit ihrer Konzepte, die Vielzahl der in musikalische Notation übersetzten Fragen und Gedanken, manchmal auch etwas Dünnhäutiges, feingliedrig-Nervöses.
Nemtsov erkennt man nicht an einem Personalstil, sondern an ihrer Haltung. Schon als Kind hat sie zu erfundenen Geschichten am Klavier improvisiert; heute geht sie mit offenen Augen durch Welt und Kunst und findet dort so viele Anregungen für ihre Kunst, dass sie problemlos eine 24/7-Komponistin sein könnte. Gäbe es nicht auch noch ein Privatleben (Sarah Nemtsov ist mit dem Pianisten und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov verheiratet und hat mit ihm drei Kinder) und gäbe es außerdem nicht noch die Kompositions-Professur, die sie seit 2022 am Salzburger Mozarteum bekleidet.
Nemtsov lebt sehr wach
Das will alles gelebt und bewältigt werden, und Sarah Nemtsov ist keine, die irgendetwas auf die leichte Schulter nimmt. Sie lebt sehr wach, und sie arbeitet akribisch. Details sind ihr wichtig, noch wichtiger die Details hinter den Details. Dennoch umfasst ihr Werkverzeichnis bis heute acht Werke für das Musiktheater, die sich teils mit hochkarätigen literarischen Vorlagen auseinandersetzen (das letzte über Jewgenij Samjatins Roman-Dystopie „Wir“ harrt noch seiner für 2026 in Dortmund geplanten Uraufführung), außerdem knapp vierzig Stücke für Orchester und Ensemble sowie Kammer- und Vokalmusik.
„Mich inspirieren“, sagt die 44-Jährige, „zuallererst Klänge selbst. Daneben kann im Prinzip alles, was mir im Leben begegnet, Eingang finden, indirekt, subtil, abstrakt oder konkreter, seien es andere Künste, Konzepte, Naturerlebnisse, Vögel, bis hin zu alltäglichen Vorkommnissen.“ Und überhaupt: „Themen, die mich berühren, berühren meist irgendwann auch meine Musik.“
In Kunst transformiert
Die Gabe, das Leben in Kunst zu transformieren, könnte Sarah Nemtsov auch von ihrer Mutter geerbt haben: Elisabeth Naomi Reuter war Malerin und Illustratorin. „Ich bin“, sagt Nemtsov, „zwischen verschiedenen Künsten aufgewachsen, und speziell was andere Medien betrifft, finde ich immer den Versuch einer Übersetzung (inklusive Lücke) sehr interessant: Was könnte eine bestimmte Maltechnik, ein Farbverlauf oder Duktus übertragen in meine Musik bedeuten?“
Für die Werke von Elisabeth Naomi Reuter und in Erinnerung an ihren wachen Geist haben Sarah und ihr Mann Jascha Nemtsov 2015 in Berlin eine Galerie gegründet. Der „Raum für Kunst und Diskurs“ versteht sich als Stätte des kulturellen Austauschs – und nimmt so jene Tradition großbürgerlicher, jüdischer Salons auf, wie sie etwa in der Familie Mendelssohn gepflegt wurde. Mit den Wurzeln des jüdischen Glaubens beschäftigt sich Sarah Nemtsov auch in ihrer Musik. Beim Stuttgarter Eclat-Festival kommen sieben neue Stücke eines Zyklus’ über die Sephirot der jüdischen Mystik zur Uraufführung. Sephirot, das sind Emanationen, also Hervorbringungen des Göttlichen, deren fein verästelte Verbindungen untereinander ein Baum symbolisiert. „Die Idee vom Baum des Lebens ist sehr alt“, sagt Nemtsov, „erwähnt wird er bereits in der Bibel. Mit der Kabbala, der jüdischen Mystik, wurden die Konzepte vertieft und über Jahrhunderte vor allem mündlich weitergegeben. Die Ideen sind sehr vielschichtig, sie sind einerseits sehr alt, zugleich sind die Konzepte abstrakt, modern und vielfach aktuell.“
Weisheit, Liebe, Erkenntnis
Tatsächlich lässt sich die Funktion der einzelnen Kräfte nicht ganz genau definieren. Es geht etwa um Ewigkeit, Weisheit, Liebe, Erkenntnis. Sieben Sephirot hat Sarah Nemtsov unterschiedlichen Instrumenten anvertraut – nein, genauer: unterschiedlichen Musikerinnen und Musikern, denn die Komponistin nimmt immer auch die Ausführenden in den Blick. „Wir sind“, sagt Sarah Nemtsov, „immer in Relation zueinander, Echo und Resonanz, einander (Zerr-)Spiegel. Das ist wunderbar und verwirrend. Aber nur so macht es Sinn. Gerade in einer Zeit, in der es eine Tendenz zu Vereinheitlichung und Polarisierung gibt, ist der eine, individuelle, andere Blick sehr wichtig, die Multiperspektive und zugleich das Zuhören der anderen, das Empfangen und Anerkennen dieser anderen Perspektive.“
Warum ist Nemtsov nicht Oboistin geworden ist, das hat sie auch studiert? Warum sie unbedingt komponieren muss? „Weil ich nichts anderes und nicht anders kann. Über Klänge versuche ich die Welt zu verstehen, mit ihr umzugehen und zu kommunizieren.“
Stuttgarter Eclat-Festival für Neue Musik
Konzerte
Von diesem Mittwoch (5. 2.) bis zum Sonntag (9. 2.) bietet Musik der Jahrhunderte im Theaterhaus 16 Konzerte, Performances, Installationen mit 25 Uraufführungen, darunter auch ein Musiktheater über die Kriege unserer Zeit (François Sarhan: „Les Murs meurent aussi“). Die Neuen Vocalsolisten ihr 25-jähriges Ensemble-Jubiläum mit zahlreichen Auftritten, u. a. am Eröffnungsabend (Alex Paxton: „How to eat your Sexuality“).
Trilogie
Der Komponist Uwe Rasch bringt in seinem dreiteiligen Zyklus „Mit Ach und Krach“ Gesellschaft und Kunst zusammen.
Kooperation
Im Rahmen des Festivals veranstaltet der SWR zwei Konzerte: Am Donnerstag spielt das SWR-Symphonieorchester neue Werke von Staud, Medoza und Posadas und am Freitag singt das SWR-Vokalensemble Uraufführungen von Agata Zubel und Ulrich Kreppein.
Informationen gibt es unter www.eclat.org. Dort kann man auch etliche Veranstaltungen des Festivals im Live-Stream mitverfolgen. Karten: im Theaterhaus unter 0711 / 40 20 720