Sarah Kuttner hat mit „Kurt“ einen einfühlsamen Roman geschrieben. Jetzt wurde er verfilmt – von und mit Til Schweiger. Ein Gespräch über Trauern und ihr Ziel einer Zwei-Tage-Woche.
Sarah Kuttner hat den Sommer mit Mann und Hunden auf dem Land verbracht. Zurück in Berlin erzählt sie von ihren Büchern, von Trauer und Trauernden, warum sie Kondolenzkarten nicht mag und was für sie ein gutes Leben ausmacht. Der Shitstorm, den sie vor ein paar Wochen entfacht hat, weil sie den Fehler gemacht hatte, das N-Wort öffentlich zu reproduzieren, wurde im Gespräch ausgeklammert, da es derzeit nichts weiter hinzuzufügen gibt.
Sarah Kuttner, kommen wir direkt zum Thema, das kein leichtes ist: Warum muss da ein Kind in Ihrem Buch sterben?
Eigentlich wollte ich eine Patchworkgeschichte erzählen. Doch ich hatte mich zu der Zeit, als die Idee entstand, viel mit dem Thema Tod auseinandergesetzt. In meinem Umfeld sind Menschen gestorben. Ich stand daneben, habe geholfen, war aber nie aktiv betroffen. Diese Perspektive wollte ich einnehmen. Und dann war da schon diese kleine Familie. So hart es klingt: Da musste einer sterben. Und es ergab für mich Sinn, dass das Kind stirbt, damit ich die Geschichte zweier Erwachsener weitererzählen konnte. Ich hatte den kleinen Kurti da auch schon sehr lieb gewonnen.
In „Kurt“ geht es dann eben um das Leben danach: Wie geht eine Patchworkfamilie damit um, wenn ein Junge vom Klettergerüst stürzt und stirbt. Wer darf wie viel trauern? Gibt es da überhaupt irgendwelche Regeln?
In meinen Augen nicht. Aber ich habe da vielleicht eine andere Meinung. Ich finde, Trauer ist etwas wahnsinnig Individuelles. Jeder trauert auf seine Art, je nach Charakter. Aber ich denke schon, dass manche glauben, mehr Recht zu haben, trauriger zu sein. Ich weiß nicht, wie da die Regeln sind. Man sollte in der Trauer das tun, was einem guttut.
Warum haben Sie sich überhaupt so ein schwieriges Thema ausgesucht?
Weil ich schwierige Themen mag. Wenn ich Musik höre, Serien schaue, Bücher lese, kriegen mich die Themen dann, wenn Geschichten realistisch sind. Ich war nie ein Märchenkind. Ich finde das Leben an sich unfassbar anstrengend, aufregend und vielschichtig. Zum Entstehungszeitpunkt all meiner Bücher hat immer etwas gebrannt, mit dem ich mich auseinandergesetzt habe. Ich bin ein großer Fan von Realität.
Auch wenn die wehtut?
Gerade weil sie wehtut. So kann man lernen, damit umzugehen. Gerade in diesen Zeiten, wo im Internet jeder zeigen kann, wie es ihm geht, sieht man oft nur die schönen Seiten. Ich finde es gut, auch mal zu zeigen, dass man auch traurig sein kann. Meine Erfahrung ist, dass das den Leuten hilft. Es gibt eben Sachen, die einen machtlos machen.
Ihre Hauptfiguren sind völlig überfordert, sind auch mal unfair. Ihr Ton ist lakonisch, die Menschen reißen Witze, haben Sex.
Das war mir wichtig, dass es ja irgendwie weitergeht. All diese Sachen finden ja statt. Es muss Wurst gekauft werden, man muss auf die Toilette gehen. Da gibt es nichts zu beschönigen. Traurigkeit ist nicht nur, dass man weinend herumliegt. Man muss ja weiter seine Miete zahlen, sich weiter um seine Beziehung kümmern.
Was ist Ihre Erfahrung, was hilft denn Trauernden?
Ein halbes Jahr wohnte eine Freundin bei mir, deren Partner gestorben ist. Ich habe sie aus ihrer Pärchenwohnung herausgeholt. Und habe gesehen, was sie brauchte in dem Moment – aber auch, was gut gemeint von anderen war, aber nur schlechte Sachen mit einem macht. Trauern dürfen Trauerende ja sowieso. Man muss aber das restliche Leben mit ins Boot holen. Man darf auch Spaß haben, das Gefühl haben, dass es weitergeht. Das wird oft falsch gemacht, wenn die Leute nur betroffen sind und nicht wissen, was sie sagen sollen. Traurige Menschen neigen dazu, sich an den Rand zu stellen. Man muss sie in die Mitte holen. Trauernde Leute dürfen mitten im Leben stehen – eben mit anderen Konditionen.
Wie meinen Sie das?
Ich habe meine Freundin damals gezwungen, morgens mit meinem Hund rauszugehen. Dann konnte ich auch länger schlafen. Aber vor allem, weil sie genau das brauchte – eine Aufgabe. Danach hat sie Kaffee getrunken und stundenlang geweint.
Es gibt viele Standards rund um das Thema Trauer. Kondolenzkarten etwa gehören dazu.
Ich hatte nicht das Gefühl, dass die helfen. Es würde auch ein Post-it tun, auf dem steht: „Wenn Du was brauchst, werde ich da sein. Und auch wenn Du nichts brauchst.“ Auf einer Kondolenzkarte hat sich ein Grafikdesigner einen Spruch überlegt. Natürlich ist das in bestimmten Gesellschaftskreisen noch ein Ding, und vielleicht brauchen es manche Leute auch. Ich persönlich aber finde Kondolenzkarten etwas feige. Das ist wie Schlussmachen per E-Mail.
Haben Sie mal über Ihre eigene Beerdigung nachgedacht?
Immer mal wieder. Mein Ex-Freund ist noch während unserer Beziehung Bestatter geworden. Mir ist meine Bestattung aber wirklich egal. Ich denke mehr und mehr über mein eigenes Sterben nach. Aber wenn man tot ist, hat man ja von allen das kleinste Problem. Ich nehme mal an, dass das wie weg sein ist, in etwa wie schlafen. Für die, die übrig bleiben, ist es schlimm. Deshalb ist mir persönlich die Beerdigung egal. Ich möchte mich darum nicht kümmern, was da für ein Song laufen soll. Ich denke, mein Teil ist dann gegessen. Das sollen die anderen machen.
Einer vom Verlag hatte Sie im Vorfeld gewarnt: „Tote Kinder verkaufen keine Bücher.“ Er sollte nicht recht behalten.
Es war ein Risiko. Vor allem von Frauen, speziell von Müttern, habe ich die Rückmeldung bekommen, dass sie Angst davor hatten. Doch an Verkäufe denke ich nicht. Ich versuche, mich von den Zahlen fernzuhalten.
Die Einnahmen sind ja insofern wichtig, dass Sie unter anderem Hundefutter kaufen und Ihr Leben bestreiten müssen. Sie haben vor drei Jahren eine Ausbildung zur Hundetrainerin gemacht. Wollen Sie sich den Medien entziehen?
In Teilen schon. Ich fühlte mich vor ein paar Jahren festgefahren in meinem Beruf. Von außen wird der als wahnsinnig toll empfunden, aber ich habe vergessen, darüber nachzudenken. Ich wusste irgendwie schon immer, dass mein Nervenkostüm für diesen Beruf nicht unbedingt gemacht ist. Das war der Preis, den ich dafür bezahle. Doch ich habe gemerkt, dass es das nicht mehr wert ist. Das mit den Hunden macht mich glücklich.
Was macht für Sie ein gutes Leben aus?
Machen, was man möchte. Ich bin in die Medien so reingerutscht, dass ich immer das Gefühl hatte, dass ich das machen sollte. Das ist zum Teil auch noch so. Aber es hängt auch viel daran, wie etwa Meetings, Reisen, Schein, Gesehenwerden. All die Begleitprodukte waren irgendwann zu viel. Und ich brauche Zeit für mich und zum Ausruhen.
Sie träumen von einer Zwei-Tage-Woche?
Ja, auch wenn das nicht unbedingt realistisch ist. Ich bekomme es nicht hin. Natürlich wäre das ein absolutes Privileg. Mit Hunden würde ich auch eine Vier-Tage-Woche schaffen. Davon träumen, glaube ich, viele Menschen. Deshalb bin ich auch ein großer Fan des bedingungslosen Grundeinkommens. Ich glaube, dass Menschen die Lust am Arbeiten genommen wird. Es ist natürlich eine sehr deutsche Sache. Wenn ich Zwei-Tage-Woche sage, kommt ein Preuße in mein Hirn gerumpelt, dass man eben arbeiten muss, und macht mir ein schlechtes Gewissen.
Ein Erfolgsfilm könnte daran etwas ändern. War es schwer, das Buch für die Verfilmung aus der Hand zu geben?
Ich sehe das inzwischen wie eine Coverversion. Ich gebe das Stück aus der Hand, damit jemand etwas Neues daraus machen kann.
Til Schweiger hat sich „Kurt“ angenommen. Verstehen Sie die Häme, der Schweiger ausgesetzt ist?
Ich hatte mit Til vor 15 Jahren oder so ein Interview, in dem es genau darum ging. Damals habe ich ihm vorgeworfen: „Alter, in deinen Filmen brennen 800 Kerzen. Wer hat die denn angemacht?“ Und er meinte, dass er dieses Märchenhafte eben mag. Genau das ist es doch: Jeder kann machen, wie er will, und Til Schweiger ist mit seinen Filmen sehr beliebt. Der Erfolg gibt ihm recht. Das ist halt nur kein Arthouse-Kino. Ich habe in dem Film geweint, gelacht und auch gemeckert. Als Filmemacher ist er eine große Nummer, und er bekommt immer auf die Fresse dafür. Er wollte „Kurt“ unbedingt verfilmen, mit einer fast schon hysterischen Leidenschaft.
Zur Person
Sarah Kuttner
Die Moderatorin und Autorin wird am 29. Januar 1979 in Berlin geboren. Ihr Vater ist der Radiomoderator Jürgen Kuttner. Nach verschiedenen Praktika wird Kuttner 2001 für den Musiksender Viva gecastet, bekommt dort bald ihre eigene Sendung („Kuttner – die Show“). Sie ist in den folgenden Jahren in verschiedenen Sendungen Gastgeberin und auch in Podcasts zu hören, wie derzeit zusammen mit Katrin Bauerfeind. Ihre Bücher – vor allem ihr Debüt „Mängelexemplar“ – sind Bestseller. Ihr vierter Roman „Kurt“ wurde von und mit Til Schweiger verfilmt und ist ab 15. September im Kino zu sehen.