Sarah Alongi im eleganten roten Wollkostüm Foto: Andy Reiner

Sarah Alongi ist ein bisschen exzentrisch, verspielt und ein modisches Unikat: Sie trägt nur Kleidung aus den 1940er Jahren – vom Wollkostüm bis zum Luftanzug.

Wenn man im Straßencafé sitzt und die vorbeigehenden Leute beobachtet, kann man sich zum Zeitvertreib das Ganze als Modenschau vorstellen. Dann wird der Marktplatz von Ettlingen zum Catwalk. Die Jugend in der badischen Kleinstadt setzt im Frühjahr 2026 mit pludrigen Trainingshosen und alpinweißen Jogginganzügen auf sportive Lässigkeit. Auch bei den Erwachsenen dominiert ein Casual Look, der keine überraschenden Akzente erkennen lässt. Rentner hüllten sich früher oft in ein Graubeige, das sie unsichtbar machte. Inzwischen geht der Trend zu tropischen Farben, doch auch sie vermögen keine Eleganz zu entfalten. Nur eine Frau blitzt aus dem modischen Einerlei hervor.

 

Wer sich manchmal zurücksehnt in eine Zeit, als man sich noch in Schale warf, wenn man vor die Tür ging, kann sich an Sarah Alongi erfreuen. An diesem Mittag hat sie sich für ein rotes Wollkostüm entschieden, eine rote Cordétasche, Schlangenlederschuhe und einen roten Fedora-Hut über ihrem dunkelblonden Haar, das sie jeden Morgen trocken eindreht. Wie ein Starlet der alten Traumfabrik Hollywood.

Sie hat sich daran gewöhnt, von allen angeguckt zu werden. „Es ist nicht so, dass ich das suche“, sagt sie, „aber die Blicke stören mich nicht.“ Sie bekomme auch häufig Komplimente – von Kindern, Senioren oder von Fans ihrer Nylonstrümpfe mit Naht.

Sarah Alongi trägt nur Kleider aus den 1940er Jahren – mit kleinen Abstechern in die Ausläufer der 30er und Anfänge der 50er. Sie mag die Schnittführung. Die Art, wie vor allem französische und amerikanische Mode jener Zeit die Silhouette zur Geltung bringt. Die damalige Freiheit: „In den USA konnten sich die Frauen richtig ausprobieren.“ Warum keinen pinken Hut zum roten Kostüm? „Herrlich bunt, verspielt, provokant.“ In Deutschland standen die 40er unter ganz anderen Vorzeichen, auch modisch. Mit NS-Idealen hat sie natürlich nichts am Hut. Und nach 1945 machten die Trümmerfrauen erst mal Fashion-Pause. „Ich bewundere ihren Einfallsreichtum“, sagt Alongi: „Aus dem abgewetzten Mantel des Vaters wurde noch eine prima Kinderjacke genäht, der Wollpullover wieder aufgezogen und zu was ganz anderem gemacht.“

Alongi, Jahrgang 1987, beschäftigt sich mit Kleidung, seit sie sich selber anziehen kann. Schon mit drei verteidigt sie ihren Geschmack standhaft gegen die Vorstellungen ihrer Mutter.

Mit elf hat sie lila Dreadlocks, ihre Anziehsachen schneidert sie selber, das hat sie von der Mutter gelernt. „Ich weiß noch, es gab mal Supermarkttaschen mit Regenbogen und Schildkröte, die hab ich irgendwo draufgenäht.“ Oder sie trennt das riesige Bikiniunterteil von Oma auf und trägt es als Minirock über der Jeans. Einmal sagt jemand, sie sei eine Nonkonformistin. Sie schlägt nach, was das bedeutet. Ja, passt. Nach der Antifa- und Punkperiode wendet sie sich dem 60er-Jahre-Style zu. Sie liebt ihre weißen Barbarella-Stiefel. Die Augenpartie schattiert sie in Grün und Gold. „Ich wollte nie wie die anderen sein. Ja, vielleicht bin ich etwas extrovertiert.“

Im Baumwollbadeanzug mit Badetuch und Strohhut für beschwingte Sommertage Foto: Andy Reiner

Vor der Haustür des kleinen Reihenhauses am Ettlinger Stadtrand sieht es wenig originell aus, das übliche Alltagschaos aus Gummistiefeln, Spielzeug, Fahrrädern. Doch dann betritt man einen Retrokosmos: der Stabparkettboden, die Sektbar aus den 50ern, Gläser-Sets, Stehleuchten, Schälchen und hundert andere Dinge, die in Wirtschaftswunderzeiten entführen. Nur der große Flachbild-Fernseher passt nicht – „ein Kompromiss wegen meinem Mann“, sagt Alongi. Der trägt in der Freizeit Vintage Work Wear – robuste Arbeitshosen und alte Flanellhemden. Aber wenn sie zusammen unterwegs sind, geht da ein normaler Mann an der Seite einer auffallenden Frau.

Eigentlich sieht sie jeden Tag anders aus. Viele Sachen trägt sie ein, zwei Mal im Jahr, manche nur alle zwei Jahre. „Und je nachdem, wie man etwas kombiniert, ist es ja auch wieder wie was ganz Anderes.“

Wie viele Kleider ihre Schränke füllen, kann sie schwer sagen. „Es verliert ja auch an Charme, wenn man zählt.“ Kopfbedeckungen müssten es um die 300 sein. Sie hat alles aus der Zeit: Turnschuhe, Nachtkleider, Unterleibchen, Strümpfe, Mieder, Schneeanzüge, Morgenmäntel, Nachmittagskleider. Die exquisiten Ballkleider und Pelze kommen bei Frauenwochenenden mit ihren Freundinnen zum Einsatz.

Mode für den Luftschutzbunker

Es gibt die „Siren-Suits“ zum Schnelldrüberziehen für den Luftschutzbunker, dazu passende Taschen für die Atemmasken. Oder Luftanzüge: „Die liebe ich, Einteiler mit kurzer Pumphose fürs Luftbaden, sehr modern damals, ein schöner Begriff, wie ich finde.“

Der Mensch braucht eine Leidenschaft. Wenn sie sich anschaut, was sie alles hat, bringt ihr das Freude. „Wenn ich damit rausgehe, fühle ich mich gut und finde es schön“, sagt Alongi. „Vielleicht ist das materialistisch, aber ich bin nun mal keine Minimalistin, ich mag Dinge.“ Die findet sie auf dem Pfennigbasar, bei Haushaltsauflösungen, auf Flohmärkten, durch Tausch mit Gleichgesinnten, im Internet. „Neulich habe ich einen Mantel geschenkt bekommen aus Karlsruhe, der Stoff dafür wurde von den Frauen noch in der Küche auf einem Tischwebrahmen gewebt.“

Viele ihrer Textilschätze sind selbst genäht. Sie schneidert nach den original Schnittmustern. Ziemlich komplizierte Dinger, weil damals vorausgesetzt wurde, dass Frauen nähen können. Die Anleitung besteht meist nur aus drei Sätzen, der Bogen sieht aus wie mit endlosen Ameisenstraßen durchzogen. Später kam „Burda“, die erste Zeitschrift, die das Nähen für Anfängerinnen leicht machte und mit mehreren Farben arbeitete. Den jeweiligen Schnitt rädelte man dann auf Durschlagpapier.

Früher war Kleiderkauf eine ernsthafte Sache. Bevor man ins Konfektionshaus ging, machte man sich Gedanken: Was brauche ich denn? Welche Farbe? Für welche Jahreszeit? Welchen Anlass? „Man hatte eine enge Verbindung zu jedem Kleidungsstück“, sagt Alongi. Entsprechend wertig, sorgfältig, detailverliebt wurde gefertigt. Schlafanzüge mit Öffnung am Bund zum Beispiel, um gerissene Gummibänder erneuern zu können. Oder mit Saumstoffüberschuss in der hinteren Mittelnaht für den Fall, dass man um den Leib herum zulegt und die Hose anpassen muss.

Mit Wanderhose, Wanderrucksack, Wanderstrümpfen und handgenähter Bluse aus Edelweißstoff Foto: Andy Reiner

Textilfabrikanten kamen früher auch erzieherische Aufgaben zu. Alongi liest aus dem Beipackzettel einer Strumpfhose: „Eine Farbe von erlesener Eleganz, vorzüglich bestimmt für Kleider in Perlgrau, Schiefergrau, Königsblau oder Burgunderrot, also für alle gedeckten ruhigen Farben.“ Modezeitschriften beschrieben schlechte und gute Formen, schließlich gab es ein allgemeingültiges Stilempfinden.

Den ästhetischen Prinzipien der 40er kann Alongi voll zustimmen. Sie kennt Frauen, die sich auf die Mode der Jahrhundertwende mit den langen Röcken, der nach unten versetzten Taille kaprizieren. Ihr gefällt das nicht. „Auch so unpraktikabel.“ Bis zu den frühen 40ern wurde die Rocklänge immer kürzer, dann ging es zum Glück wieder in die andere Richtung. „Das Knie sollte bedeckt sein, das macht die Proportionen stimmiger“. Dazu stark betonte Schultern und Wespentaille. „Diese X-Form spricht mich an“, sagt Alongi. Schuhe sollten spätestens am Knöchel aufhören, „denn Stiefeletten und Rock, das staucht“. Vor kurzem hat sie ein Kleid aus den 50ern wieder verkauft. Sie hätte es wissen können: Zu weit geschnitten, viel zu viel Stoff. „Da seh ich mich nicht drin.“

Der Farbklecks im Ettlinger Gymnasium

Ihre Kleider haben alle die gleiche Größe. Sollte sie abmagern oder zu arg in die Breite gehen, das wäre fatal. Aber ihre drei Söhne (fünf, acht und neun Jahre) halten sie eh auf Trab. In der Schule ist sie auch immer in Bewegung, neulich waren es 18 000 Schritte.

Alongi ist Kunstlehrerin am Ettlinger Gymnasium. „Dort laufen fast alle in Schwarzgrau oder Jeansblau rum, ich bin gern der Farbklecks.“ Die Jugend, sagt sie, will vor allem Kleider, die praktisch sind. „Und wenn es um Mode geht, spielt das auf einer sehr sicheren Ebene, eher ohne eigene Handschrift.“ Sie bedauert das. „Wenn man jung ist, sollte man sich ausprobieren. Und greift man mal daneben, na und?“

Ihre Kinder haben auch schon ihre eigenen Geschmäcker. Der Große geht mit Stetson-Filzhut zur Schule, trägt nur klassisch Schwarz oder Dunkelblau, keine T-Shirts, nur Polos und ja nichts Bedrucktes. Der Mittlere beharrt auf einfarbigen Langarmoberteilen und weiten Hosen mit Bund am Bein. Schade um all ihre Kleider – bei drei Söhnen. „Ach, das Geschlecht ist doch nicht wichtig“, sagt Alongi, „Vielleicht hab ich ja Glück und sie tragen später meine Sachen auf.“

Es kommt auch vor, dass die Zeit eines Kleids abgelaufen und sie zu alt dafür ist. Dann tut sie es weg. Nur ein paar Stücke, die würde sie niemals hergeben, weil sie handwerklich so wundervoll sind. „Schauen Sie, das hier: vom Ausschnitt bis Taillenhöhe 30 stoffüberzogene Knöpfe mit Schleifverschluss. Oder das: handbestickt mit Goldgarn, man kann schon spüren, wie viel Zeit und Hingabe da drin ist. Oder diese Bluse, die hab ich gerade noch vor dem Wegwerfen gerettet. Das kann ich doch nicht zulassen, dass da hundert Stunden Handarbeit in der Tonne landen.“

Das blau-rot-weiße Kostüm von 1938 aus den USA, die Farbkombination mag sie ohnehin: „Wenn man sich vorstellt, wer das schon anhatte, diese alten Seelen sind ja alle präsent.“ Das handgewebte aus Ostdeutschland mit den Herzknöpfen. Das französische mit angesetztem Bolero. „Das war so kaputt, ich hab alles geflickt, die Nähte geöffnet, den Reißverschluss neu eingenäht – als hätte ich einen verbrauchten Körper noch mal etwas in Schuss gebracht.“

Beim Kinderfasching ging sie als Erdbeere

Die Stoffe von damals seien nicht unbedingt gröber als heute, sagt Alongi. Es gab ja schon Viskose. Das fällt anscheinend ganz leicht und ist unempfindlich in der Pflege. „Haben Sie eigentlich schon meine Taschen gesehen?“ Die Paketschnurtasche die Telefonkabeltasche, die Häkeltasche, die tschechische Holzperlentasche. „Ich sammle übrigens auch Schmuck.“

Hat sie manchmal nicht das Bedürfnis, alles abzustreifen? „Ich weiß, was Sie meinen“, sagt Alongi. „Ich kenne Gleichgesinnte, die im Urlaub nur moderne Sachen tragen und sich damit irgendwie frei fühlen. Aber das ist für mich verkleiden.“ Und sich zu verkleiden, reizt sie gar nicht. Höchstens beim Kinderfasching, dieses Jahr ging sie als Erdbeere.

Es gibt Freundinnen, die über viele Jahre ähnlich wie sie angezogen waren, dann aber plötzlich alles ablegten und sämtliche Kleider verkauften. Wahrscheinlich, weil es ihnen zu viel wurde, auch das ständige Ausbessern. „Dann frage ich mich schon, ob mir das auch passieren könnte? Aber nein, kann es nicht“, sagt Sarah Alongi. „Ich stelle ja keine Kunstfigur dar, ich bin das wirklich.“