Nur sieben Tage vor dem Superwahlsonntag hat sie ihren 16. Geburtstag gefeiert. Am 9. Juni ist Sara Tadix aus Kernen dann zur Gemeinderätin gewählt worden – der jüngsten in Baden-Württemberg.
Sweet Sixteen: Mit 16 Jahren darf man Bier, Sekt und Wein kaufen, sich bis Mitternacht in Gaststätten aufhalten oder so lange in der Disco tanzen. Man darf im Kino Horrorfilme wie „Scream“ oder das „Schweigen der Lämmer“ anschauen. Oder sich neuerdings in Baden-Württemberg auf ein Gemeinderatsmandat bewerben. Sara Tadix hat das bereits mit 15 gemacht – und ist eine Woche nach ihrem 16. Geburtstag in das Gremium ihrer Heimatgemeinde Kernen gewählt worden. Laut dem „Staatsanzeiger“, der Wochenzeitung für wichtige Dinge der Öffentlichen Verwaltung, ist sie die jüngste Gemeinderätin im ganzen Land.
„Das war schon echt krass!“
Zugegeben, am Montag nach der Wahl ist der Unterricht am Staufer-Gymnasium in Waiblingen für sie nicht ganz so interessant gewesen wie an anderen Tagen. Sara Tadix hat nebenher auf die ersten Schnellmeldungen für die Gemeinderatswahl in Kernen geschielt. Dass sie vom Start weg hinter dem etablierten Fraktionschef Matthias Kramer Rang zwei auf der Offenen Grünen Liste (OGL) belegte und am Ende mit exakt 1609 Stimmen in das Parlament ihrer Heimatkommune gewählt wurde, kann sie noch immer kaum fassen: „Das war schon echt krass!“
Wie aber kommt man als Teenager auf die Idee, sich für ein politisches Amt in einem Gremium zu bewerben, in dem sich in der Regel eher langjährig in ihren Parteien angediente lokale Politgrößen tummeln? „Ich habe mich schon immer für Politik interessiert“, antwortet die Schülerin der zehnten Klasse routiniert, als ob sie schon zig Jahre auf dem Buckel hätte.
Aufruf der Grünen Jugend
Auf die Idee zu kandidieren hatte sie letztlich ein Aufruf der Grünen Jugend auf deren Instagram-Seite im Internet gebracht. Darin seien junge Menschen aufgefordert worden, sich aktiv in der Politik zu engagieren. Als dann noch eine Art Anwerbebrief der OLG hinzu kam, signalisierte Sara Tadix ihr Interesse, sich die Sache etwas genauer anzusehen. Nach einem Gespräch mit dem Fraktionsvorsitzenden Matthias Kramer und ihrer ersten Gemeinderatssitzung als Gast habe sie noch ein bisschen nachdenken müssen, sagt sie. Nicht, weil sie von der mitunter lebhaften und kontroversen Diskussion im Ortsparlament abgeschreckt worden sei. Sondern weil ihr bewusst geworden sei, „wie viel an Verantwortung da drin steckt, und wie viel ich darüber noch lernen muss“, wie sie sagt. Dann aber habe sie sich entschlossen, Verantwortung übernehmen zu wollen, um „der Jugend im Ort eine Stimme“ zu geben und sich aktiv für „Belange meiner Generation sowie von Frauen“ einzusetzen. Vor allem stadtplanerisch könne noch einiges besser zugeschnitten werden, glaubt sie.
Aber nicht nur bei der Formulierung ihrer Ziele lässt die Jugendliche in ihrem ersten Zeitungsinterview anklingen, dass sie verbal durchaus das Zeug zur Politikerin hat. Ob sie denn vom Agieren der ihr wohl am nächsten stehenden Partei in der Regierungsverantwortung nicht genauso enttäuscht sei, wie es der Ausgang der Wahlen bei vielen anderen vermuten lässt? Gemessen an dem, was sie versprochen habe, stehe die Ampelkoalition doch bisher nicht so schlecht da, wie gemeinhin behauptet werde, sagt Sara Tadix. Und speziell, wie sich die Außenministerin Annalena Baerbock als junge Frau in Krisen- und Kriegszeiten behaupte, das sei „wirklich stark“, sagt die Gymnasiastin.
Kernenerin, nicht Stettenerin
Auch bezogen auf ihre Kommune gibt sie sich fast schon routiniert-diplomatisch. Auf die Frage, ob sie eigentlich Stettenerin oder Rommelshausenerin sei, sagt sie: „Ich würde lieber Kernenerin sagen, wir sind ein Ort, den Vieles verbindet.“ Wohl wissend, dass nicht wenige Alteingesessene die zwangsweise Zusammenführung der einst selbstständigen Ortsteile bei der Gemeindereform, die lange vor Sara Tadix’ Geburtsstunde datiert, nach wie vor nicht überwunden haben und im Gremium nicht selten der Verdacht wabert, einer der Teilorte könnte womöglich übervorteilt werden.
Hat sie politische Vorbilder? Es gebe einige gute und mutige Politiker, sagt Sara Tadix und nennt aus der Historie Elisabeth Selbert, geborene Rohde (SPD), die als eine der Mütter des Grundgesetzes gilt. Aber irgendjemanden imitieren sei nicht ihr Ding. „Ich will meinen eigenen Weg finden.“
Der Gemeinde vielfach verbunden
Aber ist die Gemeinderatstätigkeit in Kernen nicht ohnehin nur eine kurze Episode, die schon vor Ablauf der Wahlperiode wieder vorbei ist, weil es zum Studieren nach Berlin oder Hamburg geht? Ein Studium sei nach dem Abitur durchaus geplant, sagt die 16-Jährige, die sich in ihrer Schule auch in der Schülermitverwaltung (SMV) engagiert. Aber wahrscheinlich werde sie in der Nähe und der Kommune verbunden bleiben. Denn dort ist sie noch in mehreren anderen Bereichen ehrenamtlich verwoben: in der Kirche als Konfigruppenbetreuerin etwa oder als Jugendtrainerin im Karateverein. Und jetzt eben noch im Gemeinderat – ungewöhnliche Sweet Sixteen.
Die neue Wählbarkeit
Aktives Wahlrecht
In den meisten Bundesländern Deutschlands müssen Wählerinnen und Wähler mindestens 16 Jahre alt sein. Sie müssen eine Staatsbürgerschaft der Europäischen Union und ihren Wohnsitz in der jeweiligen Kommune haben. In Rheinland-Pfalz, Sachsen und dem Saarland gilt – wie bei der Bundestagswahl auch – ein Mindestalter von 18 Jahren.
Passives Wahlrecht
Das für die Wählbarkeit notwendige Alter beträgt bei der Wahl in den Deutschen Bundestag, in die deutschen Landtage oder Kommunalvertretungen in der Regel 18 Jahre, eine Ausnahme ist die Wahl in den hessischen Landtag, für die man 21 Jahre alt sein muss. Neu und bundesweit einmalig ist seit diesem Jahr, dass Jugendliche in Baden-Württemberg zusätzlich zu ihrem aktiven Wahlrecht erstmals auch in einen Gemeinderat gewählt werden durften. Die Regelung ist nicht unumstritten: Befürworter erhoffen sich mehr politische Teilhabe junger Menschen. Kritiker, etwa von FDP und den Freien Wählern, verweisen auf eine vermeintliche fehlende Reife und die Nichtgeschäftsfähigkeit der Kandidaten.