Santiano stellen am 21. September in Stuttgart ihr neues Album „Wenn die Kälte kommt“ vor. Frontmann Björn Both verspricht eine arktische Show, sagt, welche Lehren die Musikszene aus der Pandemie ziehen sollte und warum er Zusammenhalt für elementar hält.
Ihre aktuelle Tournee führt Santiano im September nach Stuttgart. Sänger Björn Both erklärt, was die Songs ihres neuen Albums mit der Pandemie-Gesellschaft zu tun haben und warum er Zusammenhalt für elementar hält.
Herr Both, Santiano wollten im Frühjahr 2020 mit einem MTV-unplugged-Konzert nach Stuttgart kommen. Daraus wurde nichts.
Wir hatten tierisch Bock auf die Tour und haben hart daran gearbeitet. Wir haben mehrmals versucht, es zu schieben, aber schließlich haben wir uns gesagt: Wir hauen jetzt das Album raus. Wir haben alle etwas Neues gebraucht. MTV unplugged war ja ein Best-of. Wir wollten aber einen neuen Drive bekommen, nach vorne schauen. Ich glaube, das geht auch den Menschen so, die auf unsere Konzerte kommen. Wir wollen nicht rückwärtsgewandt sein in diesem Moment.
Das wird man auf den Konzerten dann auch spüren?
Absolut. Wir werden natürlich unser Potpourri abfeuern, jeder soll auf seine Kosten kommen. Aber wir haben ein Konzeptalbum gemacht, das die Liveshow und das Bühnenbild wesentlich bestimmen wird. Es wird arktisch, es wird kalt, es wird aber auch schön – sich von Polarlandschaften und -lichtern erschlagen zu lassen.
Die Songs haben eine zweite Ebene
Gibt es Pläne, die Unplugged-Konzerte nachzuholen?
Gerade ist das nicht in Sicht, aber sicher werden wir irgendwann einmal schauen, ob der Zeitgeist es hergibt und wir die Leute zusammenbekommen. Es hängt viel dran, es wäre sehr aufwendig, aber der Wunsch ist da.
„Wenn die Kälte kommt“ – so heißt das neue Album. Darf man bei diesem Titel gesellschaftliche Bezüge mitlesen?
Das ist voll auf den Punkt. Wer den Titelsong hört, der hört auch, dass dort eine zweite Ebene eingezogen ist. Das zieht sich durchs ganze Album. Vordergründig geht es um diese Expedition vor mehr als 100 Jahren, mit all ihren Strapazen, Entbehrungen, ihrer Lebensgefahr – und die Geschichte, die Gemütszustände, die man da hat, spiegeln das, was wir gerade durchgemacht haben als Gesellschaft, aber auch als Einzelmensch.
Menschen, die für ein besseres Morgen fighten
Gibt es historische Vorbilder für die Nordpolexpedition, von der das Album handelt?
Wir haben unsere eigene Geschichte gemacht, anstatt uns entlang zu hangeln an Vorbildern, die letztlich alle am Nordpol gestorben sind. Wir wollten ja überleben. Ganz zu Beginn dachten wir daran, uns die Geschichte von Shackleton zu schnappen, das wäre aber an den Südpol gegangen. Es war die einzige Expedition, die heil zurückgekommen ist – Mission not accomplished, aber lieber nicht gestorben.
Die Gesellschaft hat sich verändert, seitdem Santiano zuletzt planten, in Stuttgart zu spielen. Zu Corona kommt nun auch der Konflikt in der Ukraine hinzu.
Wir haben eigentlich ganz andere Sorgen, und dann kommt Putin und bricht dieses Ding vom Zaun. Wir haben einfach keine Zeit für solchen Scheiß. Ich sehe die zunehmende Härte und den Rechtsruck in den Gesellschaften, aber ich sehe auch den Gegenruck, den das alles bringt. Mein Fokus liegt auf den Menschen, die gerade an allen Ecken für ein besseres Morgen fighten, aus irgendeiner Spur von Hoffnung heraus. An denen nehme ich mir ein Beispiel, die machen mir Mut.
„Lobbyismus ist nicht immer etwas Schlechtes“
Die Konzertbranche hat unter Corona gelitten. Was hat sie daraus gelernt?
Viel ist in die Brüche gegangen, gerade am Anfang der Krise. Es gibt auch die Leute, die nicht die Stars auf der Bühne sind, aber ohne die bei keiner Show etwas geht, die um jeden Pfennig kämpfen mussten und die sich jetzt schon wieder herumärgern müssen, weil sie nicht durch irgendeinen bürokratischen Filter kommen. Was wir gemerkt haben, ist: Wir sind nicht gut genug vernetzt. Wir brauchen das. Lobbyismus ist nicht immer etwas Schlechtes. Die Musikszene braucht eine Vereinigung, die ihre Interessen vertritt, mit einem guten Standing.
Wie kommt man durch diese Zeiten als Seemann? Und was bringt die ganze Menschheit jetzt weiter?
Als Seemann scheint es auf den ersten Blick ja noch recht einfach: Wir fahren da raus, Richtung Horizont, und lassen das alles mal eben hinter uns. Aber vor den Problemen auf dieser Welt kann man nicht mehr einfach davonsegeln. Die werden an Land gelöst. Und da fällt mir zunächst Zusammenhalt ein. Wir sollten uns nicht länger von Demokratieverächtern und Quergläubigen im In - und Ausland auseinanderdividieren lassen. Auch in der Klima- und Umweltpolitik fehlt es noch an Einsicht und Handlungsbereitschaft. Und bei allem Entsetzen über den Ukraine Krieg: Die Hoffnung ist berechtigt, dass diese Zeit des Erwachens westlichen Demokratien Mut machen könnte, in Zukunft genauer hinzuschauen, wenn mal wieder gefragt wird, wie hoch der Preis der Freiheit ist. Und das ist dann nichts weiter als gute Seemannschaft. Zack Ahoi!
Santiano und ihr Konzert in Stuttgart
Band
Santiano kommen aus Schleswig-Holstein, gründeten sich 2011und bestehen aus Hans-Timm „Timsen“ Hinrichsen, Axel Stosberg, Björn Both, Andreas Fahnert und Peter David „Pete“ Sage. Sie veröffentlichten bislang sechs Alben, die sämtlich auf Platz 1 der deutschen Charts kamen und sich auch im deutschsprachigen Ausland gut platzierten.
Musik
Santiano verbinden Elemente von Pop, Rock, Schlager mit traditionellen Seemannsliedern und der Folklore unterschiedlicher Länder. Die spielen Shanties, Cover-Versionen von The Hooters oder Bob Geldof und eigene Stücke. Viermal wurden Santiano mit dem Echo in der Sparte volkstümlicher Musik ausgezeichnet. Am 21. September treten Santiano in der Porsche-Arena auf.