Das Stuttgarter Opernhaus am Eckensee Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Vor einem Jahr hat der Stuttgarter Gemeinderat die Sanierung der Stuttgarter Staatstheater beschlossen. Aber was ist seitdem geschehen?

Ein ganz normaler Mittwochabend im Stuttgarter Opernhaus: „Die Hochzeit des Figaro“ von Mozart steht auf dem Programm. Dumm nur, dass die Technik des Inspizientenpultes ausgefallen ist. Einem normalen Theaterbesucher muss das nichts sagen; diese Panne bedeutet: Es ist während der Vorstellung keine Kommunikation und deshalb keine Steuerung möglich zwischen Bühnentechnik, Kulissen, Licht, Künstlern, Garderoben, im Notfall auch mit dem Personal des Vorderhauses und somit dem Publikum. „Kein Wunder, dass so etwas passiert“, berichtet unserer Zeitung später ein Mitarbeiter des Hauses. „Das ist halt unsere veraltete Technik. Alles wie aus dem Theatermuseum.“ Eigentlich müsste die Vorstellung abgebrochen werden.

 

Wann wird es besser?

Zum Glück für das Publikum ist die Belegschaft des Theaters aber seit Jahr und Tag geübt im Umgang mit der musealen Ausstattung am Eckensee. Für solche Fälle liegen Walkie-Talkies bereit. Mit diesen Funk-Handsprechapparaten, die man sonst nur noch aus Kinderzimmern oder alten Spionagefilmen kennt, verständigten sich am Mittwochabend die Theatermitarbeiter und retteten so den „Figaro“. Eben so, wie ihr Ideenreichtum und Engagement hier schon so manche Vorstellung gerettet haben.

Wann beginnt die Modernisierung des Opernhauses? Elf Monate ist es her, dass der Gemeinderat Stuttgart dazu mit großer Mehrheit unter dem Titel „Sanierung und Erweiterung der Württembergischen Staatstheater Stuttgart“ einen Grundsatzbeschluss fasste. Im Einvernehmen mit dem Land als Eigentümer der Gebäude umfasst das Projekt drei Punkte: Am Schlossgarten werden das Opernhaus und das Kulissengebäude saniert und modernisiert; in der Cannstatter Zuckerfabrik wird das Kulissenlager ausgebaut zum zentralen Standort aller Theater-Werkstätten – und neben den Wagenhallen baut die Stadt bis Ende 2027 eine Interimsspielstätte, damit Oper und Ballett auch in den rund zehn Jahren Sanierungszeit am Eckensee eine Heimat haben.

Endlos von Gutachten zu Gutachten

Mit diesem Beschluss schien tatsächlich ein kulturpolitischer Knoten geplatzt. Mehr als 20 Jahre war Stadt und Land bereits bekannt, dass Technik und Arbeitsplätze im Opernhaus dringend der Erneuerung bedürfen. Doch trotz zum Teil haarsträubender Verstöße gegen Arbeitsplatzrecht und Arbeitssicherheit für die rund 1400 Beschäftigten der Staatstheater zog sich die Debatte ewig lang nur von Gutachten zu Gutachten. Immer wieder verkündeten Pressemitteilungen von Wendemarken der Entscheidungsfindung; hier las man vom „Durchbruch“ (2016), dort von „entscheidender Weichenstellung“ (2018); hier versprach ein Oberbürgermeister, mit einer „Taskforce“ nach Lösungen zu forschen (2018), dort forderte eine Ministerin, nun müsse der „Zug“ aber „Fahrt aufnehmen“ (2019). All das schien mit dem Beschluss des Gemeinderates am 28. Juli 2021 endlich abgehakt.

Doch wenn an diesem Montag der Verwaltungsrat der Stuttgarter Staatstheater zur regulären Sitzung zusammentritt, werden die Vertreter der Stadt und des Landes erst mal wieder Irritationen abarbeiten müssen. Verantwortlich ist dafür just die Stadt: Wird die Interimsoper an den Wagenhallen vielleicht erst Ende 2028 fertig? Verzögert sich der Umzug von Oper und Ballett um ein weiteres Jahr? Dauert die Sanierung rund um den Eckensee darum womöglich bis 2040? Und wird sie aufgrund aller Weltkrisen und der steigenden Baukosten womöglich nicht nur insgesamt eine Milliarde Euro kosten, sondern anderthalb?

Das Thema ist Chefsache

Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) hat sich gegen all diese Spekulationen inzwischen verwahrt; alles laufe wunderbar nach Plan, schließlich sei die Sanierung inzwischen „Chefsache“. Auch Petra Olschowski (Grüne), Kunststaatssekretärin des Landes, will beruhigen: Natürlich würden öffentliche Bauprojekte angesichts der aktuellen Lage nicht einfacher. „Das gilt für alle Projekte, nicht nur für die Sanierung des Stuttgarter Opernhauses. Aber wir können unsere Planungen nicht einfach einstellen aus Sorge vor Preiserhöhungen in einigen Jahren.“

Allenthalben herrscht das Bemühen, trotz der wachsenden Krisenstimmung keine Zweifel am Großprojekt aufkommen zu lassen – obwohl aus der CDU-Fraktion des Landtags schon wieder zu hören ist, solch enorme Kulturinvestitionen in Stuttgart ließen sich für die Wähler fern der Landeshauptstadt nicht begründen. „Das Land verfügt über zwei Staatstheater: in Karlsruhe und in Stuttgart“, meint dazu Martin Rivoir (SPD), Finanzausschuss-Vorsitzender im Landtag. „Das Sanierungsprojekt in Karlsruhe läuft bereits, nun müssen wir auch die Sanierung in Stuttgart weiter voranbringen.“

Eine Projekt-GmbH kommt 2023

Im Herbst soll ein Architektenwettbewerb für die Interimsoper starten; im kommenden Jahr soll eine Projekt-GmbH von Stadt und Land die Kräfte für das Riesenprojekt bündeln. Alles braucht weiterhin vor allem eines: viel, viel Zeit. Im Opernhaus wird derweil weiter unerschrocken gespielt. Wer das möglich macht? Die Künstler auf der Bühne. Vor allem aber die dahinter.

Verwaltungsrat
 Das Aufsichtsgremium der Stuttgarter Staatstheater ist paritätisch besetzt mit Vertretern aus Stadt und Land. Den Vorsitz führt derzeit der Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU).

Intendanz
 Ebenfalls auf der Tagesordnung des Verwaltungsrates an diesem Montag: die mögliche Verlängerung des Vertrages von Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski (60). Sein aktueller Fünf-Jahres-Vertrag endet im Sommer 2023.