Der Glanz trügt: Stuttgarts Opernhaus muss umfassend saniert werden Foto: dpa

Per Kabinettsbeschluss hat die Stuttgarter Koalition aus Grünen und CDU die Sanierung und Erweiterung des Staatstheaters Stuttgart zum Regierungsprogramm gemacht. Wir erklären, worum es geht.

Stuttgart - Es muss schon viel passieren, wenn ein Kulturthema Tagesordnungspunkt eins einer Kabinettssitzung der Grün-Schwarzen Landesregierung ist. Am Dienstag dieser Woche war es soweit. Das Thema: „Entwicklung des Badischen Staatstheaters Karls­ruhe und des Württembergischen Staatstheaters Stuttgart“. Das Ziel: Mit einem ­Kabinettsbeschluss die nächsten Schritte der Sanierung und Erweiterung des Staatstheaters Stuttgart sowie des Badischen Staatstheaters Karlsruhe abzusichern.

Das will das Land

„Ziel ist es“, heißt es in der verabschiedeten Kabinettsvorlage, „abschnittsweise bauliche und strukturelle Defizite zu beheben und für die Staatstheater einen zeitgemäßen und zukunftsfähigen Spielbetrieb sicherzustellen“. Und man kann das Volumen erahnen, wenn es heißt: „Die hohen Investitionen sind nur dann sinnvoll, wenn sie auf einen Zeithorizont bis zu 50 Jahren angelegt sind und außerdem architektonisch zur Strahlkraft und Identifikation der jeweiligen Stadt beitragen“.

Die Kostenfrage

Per Staatstheatervertrag finanzieren das Land und die Stadt Stuttgart beziehungsweise die Stadt Karlsruhe die Kosten für die beiden Dreispartenbühnen (Oper, Ballett, Schauspiel) gemeinsam – müssen also auch je zur Hälfte alle Baukosten tragen. Bei einer „aktuell geplanten 12-jährigen Bauzeit von 2019 bis 2030 ergeben sich“ für das Badische Staatstheater „Vollkosten in Höhe von 270 bis 325 Millionen Euro“. Im September 2017 hat der Karlsruher Gemeinderat auf dieser Zahlenbasis der Sanierung und Erweiterung des Badischen Staatstheaters zugestimmt.

Viele Diskussionen in Stuttgart

Soweit ist man in Stuttgart noch nicht. Dabei wird seit mehr als 20 Jahren über die dringend notwendige Sanierung des Stuttgarter Opernhauses (Spielstätte der Oper Stuttgart und des Stuttgarter Balletts) diskutiert. Im April 2013 hat der Verwaltungsrat des Staatstheaters Stuttgart – politische Vertreter aus Stadt und Land bilden das Aufsichtsgremium – grünes Licht für eine entsprechende Studie gegeben. Beauftragt wurde das Büro Kunkel Consulting in Bür­stadt (bei Darmstadt). Gemeinsam mit dem britischen Architekturbüro Chipperfield sollte zudem untersucht werden, welche baulichen Möglichkeiten im direkten Umfeld von Opernhaus und Schauspielhaus bestehen, um technische Nutzungen zu konzentrieren und neue Qualitäten für den Besucherservice zu entwickeln.

Bauliche Mängel und Infrastruktur-Mänel in allen Bereichen

Inzwischen bereits mehrfach überarbeitet sehen die Planungen unter anderem den Einbau einer Kreuzbühne im Opernhaus vor und einen Anbau entlang des Kulissengebäudes an der Adenauer-Straße. 10 000 Quadratmeter Nutzfläche sollen hinzukommen. Gingen erste Schätzungen im Jahr 2014 von einem Kostenrahmen von bis zu 320 Millionen Euro aus, kommt man bei jährlichen Baukostensteigerungen von 15 Prozent auf jetzt gut 500 Millionen Euro. Im Kabinettsbeschluss der Landesregierung findet sich keine Gesamtkosten-Zahl zum Vorhaben in Stuttgart. Man brauche, heißt es, zunächst weitere Untersuchungen.

Auszug aus dem Opernhaus frühestens 2024 – Rückkehr frühestens 2030

Was man weiß: Fünf Jahre werden die Arbeiten im Opernhaus Stuttgart selbst dauern. Entsprechend braucht man für die Oper und das Ballett eine Ausweichspielstätte mit 1400 Plätzen. Stand jetzt soll das ehemalige Paketpostamt zur Interimsoper werden – und es muss dafür entsprechend umgebaut werden. Unbestätigt werden hierfür Kosten von bis zu 50 Millionen Euro genannt. Die Bauzeit soll bis zu drei Jahren betragen – bei „frühestmöglichem Baubeginn Ende des Jahres 2021“.

Erst mit der Aufnahme des Spielbetriebs im Interim können dann die Arbeiten auf dem Staatstheater-Areal selbst beginnen – „grundsätzlich frühestens Ende des Jahres 2023“. Die Spielzeit 2024/2025 wäre dann – immer bei optimalen Planungs- und Umsetzungsverläufen – die erste Saison von Oper und Ballett im Interim. Bei fünf Jahren ­Bauzeit im Staatstheater-Areal stünde die erste Saison im sanierten Opernhaus ­Stuttgart in der Saison 2030/2031 an.

Auf den Spuren von Lothar Späths Innovationswillen

Im Kabinett zeigt sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann am Dienstag kämpferisch. Er weiß um die Vorbehalte im Landtag – wie berichtet von der CDU-Fraktion formuliert – und im Stuttgarter Gemeinderat (dort von SÖS/Die Linke). Kretschmann zieht eine Karte, an der auch die CDU nicht vorbeikann und erinnert an den Aufbruch des Landes unter Lothar Späth, an die bewusste Verbindung von Spitzentechnologie und Spitzenkunst.

Am Freitag äußert sich Kretschmann ­offiziell – im Opernhaus Stuttgart. Der ­Ministerpräsident ist nicht allein – er kommt mit Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne), Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne), der für Baufragen zuständigen Finanzstaatssekretärin Gisela Splett (Grüne) und Tamas Detrich, ­als Nachfolger von Reid Anderson designierter Intendant des Stuttgarter Balletts. Die Botschaft: Dieser Auftritt ist ein Antritt.

„Aufgabe der Politik, Notwendigkeit der Sanierungsmaßnahmen fortlaufend zu erklären“

„Die Sanierung der Staatstheater in Karlsruhe wie in Stuttgart sind Jahrhundertaufgaben“, sagt der Ministerpräsident. „Es wird vieler einzelner Schritte bedürfen“. Und viel Information. Kretschmann: „Mit Blick auf die erwartbar großen finanziellen Dimensionen ist es Aufgabe der ­Politik, die ­Notwendigkeit der Sanierungsmaßnahmen fortlaufend zu erklären“.

Das Ziel in Stuttgart: „ein offenes Haus“

Das Ziel für Stuttgart formuliert Wissenschaftsministerin Theresia Bauer am Freitag so: „Allen internationalen modernen Kulturbauten ist gemein, dass sie Raum für ­Begegnungen bieten, auch jenseits der eigentlichen Kernaufgabe eines Opern­hauses. Die ,Burg Oper’ muss ein offenes Haus werden, das auch abseits der ­Aufführungen neugierig macht.“

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