Interimsgebäude der Stuttgarter Oper anfang des 20. Jahrhunderst Foto: Schaller

Die Oper Stuttgart steht vor einer grundlegenden Sanierung. Der Stuttgarter Architekt Roland Ostertag plädiert für Mut bei dieser Maßnahme und gibt einen historischen Rückblick auf die Stuttgarter Oper.

Stuttgart - Die Debatte

In der Diskussion über die Sanierung des Staatstheaters und vor allem des Opernhauses wurde der Vorschlag für eine „Interimsspielstätte“ gemacht, um die Schließzeit des Opernhauses zu überbrücken. Angenommen werden sieben bis acht Jahre für die ­Sanierung. Mit der Interimsspielstätte soll der laufende Betrieb des Opernhauses – also Aufführungen von Staatsoper und Stuttgarter Ballett sowie Konzerte des Staatsorchesters – sichergestellt werden.

Historische Linien

In der Stuttgarter Theatergeschichte, den Jahrhunderten der herzoglichen und königlichen Dynastie, gab es schon des öfteren die Notwendigkeit ein Interimstheater zu errichten. Vor allem nach dem ein Brand 1902 das königliche Hoftheater im mehrmals umgebauten Neuen Lusthauses von 1593 zerstört hatte. Man entschied sich 1902 innerhalb weniger Wochen dazu, ein Interimstheater zu errichten, das bis 1912, bis zur Fertigstellung des neuen Württembergischen Staatstheaters mit Kleinem und Großem Haus bespielt werden sollte.

Es ist deshalb naheliegend und sinnvoll, die nachfolgend skizzenartig dargestellte Theatergeschichte Stuttgarts als Grund­lage in die laufende Diskussion einzu­beziehen.

Der Beginn

Die Stuttgarter Theateraktivitäten und ­Hoffestivitäten fanden 1593 nach Fertigstellung des Neuen Lusthauses an diesem Ort statt. Selbstverständlich gab es bereits vor dieser Zeit an anderen Orten Theateraufführungen. Im 17. Jahrhundert wurden verschiedene Anläufe gemacht, ein eigenes Theatergebäude zu errichten. Zum Beispiel der Umbau des sogenannten Schießhauses zum Komödienhaus. 1750 beauftragte ­Herzog Carl Eugen Oberbaudirektor ­Leopoldo Retti mit dem Umbau des Lusthauses zu einem Opernhaus, das mit rund 1200 Sitzplätzen zu den schönsten und ­geräumigsten Theatern seiner Zeit zählte. Bereits 1758 wird dieses Opernhaus erneut um- und angebaut.

In der zweiten Hälfte des 18. und in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts wurden andere Spielstätten errichtet: das kleine Schauspielhaus an der Planie, das zum Interimstheater umgebaute Reithaus bei der ­Carlsschule. Im Zuge des dritten Umbaus des Lusthauses von 1811/1812 durch den Architekten Nikolaus von Thouret wurden weitere Abbrüche und An- und Umbauten vorgenommen.

In den folgenden Jahrzehnten wurden Theater-Neubauten an unterschiedlichen Orten von verschiedenen Architekten ­geplant, die jedoch nicht ausgeführt ­wurden. Thourets Generalbauplan für den gesamten Schlossbereich sah an der Stelle des heutigen Königsbaus das „neuzuerbauende Theater“ vor. Die Überlegungen führten zu einer intensiven Umbau-Planungsphase des Lusthauses und Planungen für ein neues Hoftheater mit verschiedenen ­Entwürfen und Gutachten, die jedoch zu keinen Realisierungen mit Ausnahme des Wilhelma Theaters des Architekten Karl Ludwig Zanth 1838-1840 führten.

Ein Umbau-Neubau

1840 befahl König Wilhelm I. den Umbau des Lusthaustheaters durch die Architekten Gaab und Gabriel. Bei der Realisierung 1844-1846 erfolgte der weitgehende Abriss der noch vorhandenen Renaissance-Teile des Lusthauses. Lediglich die heute im ­Mittleren Schlossgarten stehenden ruinösen Teile wurden in den „Neubau“ integriert. Dieser Umbau-Neubau war der weitgehendste Eingriff in die noch vorhandene Bausubstanz und der verhängnisvollste Schritt der Zerstörung des alten Neuen Lusthauses.

Der große Brand

In der Nacht vom 19. auf den 20. Januar 1902, nach einer Aufführung von Wagners Lohengrin, erfolgte schließlich die ultimative Zerstörung des mehrmals umgebauten Neuen Lusthauses durch verheerenden Brand. Die Freitreppe samt einem Teil des anschließenden Umgangs, die den Brand überstanden, wurden nach Zwischenlagerung 1904 als Relikte des Neuen Lusthauses in den Mittleren Schlossgarten versetzt. Diese Ruine wurde gerettet und von 2010 bis 2013 saniert.

Nach dem Brand des Lusthauses, des ­Königlichen Theaters, wurde nördlich der Akademie an der damaligen Schlossgartenstraße, in etwa dort, wo heute der Landtag steht, ein Interimstheater gebaut Nach den Plänen der Architekten Eisenlohr und ­Weigle, war Bernhard Pankok zuständig für den Innenausbau. Kaum glaubhaft: In nur sechsmonatiger Bauzeit durch einen, heute würde man sagen Generalunternehmer errichtet und dem König Wilhelm II. mit einer Vorstellung des „Tannhäuser“ bereits am 12. Oktober 1902 übergeben. Eine architektonisch und terminlich beispielhafte Leistung. Es war das erste und letzte öffentliche Jugendstilgebäude in Stuttgart.

Ein Interimsbau mit Stil

Der damals noch aktuelle Jugendstil hatte zwei unterschiedliche stilistische Hauptströmungen, die dominierende florale und die funktionale. Die florale Variante nahm die Themen der symbolistischen Dichter und Maler mit fließend bewegten, pflanzenhaften, nicht-rechtwinkligen Linien und Formen auf. Architekten und Künstler wie Louis Sullivan, ­Antoni Gaudí, und Hermann Obrist waren wichtige Vertreter. Die funktionale Variante nahm Bezug zur Konstruktion der Pflanzen, zur Funktionsästhetik, zur Welt der Technik, der Aufbruchstimmung des beginnenden 20. Jahrhunderts und nimmt durch eine Präferenz rechtwinkliger, geometrischer Formen den Übergang zu etwas Neuem, dem „Morgenrot der kommenden Moderne“, vorweg. Das Stuttgarter Interimstheater der Architekten Eisenlohr und Weigle ist stilistisch der funktionalen Variante des Jugendstils zuzuordnen. Ein höchst qualifiziertes, architektonisch hervorragendes Beispiel der damaligen Zukunftsorientierung.

Die bemerkenswerte Innenausstattung durch den national und international ­bekannten Stuttgarter Maler, Architekten und Grafiker Bernhard Pankok machte das Interimstheater zu einem international höchst geschätzten Gebäude. Pankok war auch am Bau der Stuttgarter Kunstakademie beteiligt, an der er Lehrer für Innenraumgestaltung und Direktor von 1913-37 war. Trotzdem wurde das Interimstheater leider, völlig unverständlich, nur wenige Wochen nach Einweihung der neuen Staatstheater 1912 abgebrochen.

Der Littmann-Bau

Der für das Kleine und Große Haus auf dem Gelände des ehemaligen Botanischen Gartens an der Neckarstraße ausgeschriebene Wettbewerb für das württembergische Staatstheater wurde von dem Münchener Theater-Architekten Max Littmann gewonnen, realisiert und im Juli 1912 eingeweiht.

Im zweiten Weltkrieg wurde das Große Haus nur geringfügig, das Kleine Haus fast vollständig zerstört. Sein Neubau wurde nach dem von den Architekten Hans Volkart, Bert Perlia und Kurt Pläcking 1956 gewonnenen Wettbewerb bis 1962 realisiert. Interimistisch ­bespielte das Schauspiel das Alte Schauspielhaus in der Kleinen Königstraße, ein in der Theatergeschichte Stuttgarts bedeutendes Privattheater von Claudius Kraushaar. Ab 1962 sind beide Theater, das Kleine und Große Haus der Württembergischen Staatstheater, wieder am alten Standort im Oberen Schlossgarten vereinigt.

Das Schauspiel des Württembergischen Staatstheaters kehrte für eine Spielzeit 1983/1984 während der ersten Sanierung des Großen Hauses noch einmal in das Alte Schauspielhaus zurück, um sein Haus der Oper für diese Spielzeit als Interimstheater zur Verfügung zu stellen. Ab der Spielzeit 1984/1985 spielen alle drei Sparten wieder am vorgesehenen Ort. Die ehemals Herzoglichen, die ehemaligen Königlichen sind als Württembergische Staatstheater am alten Standort im Oberen Schlossgarten wieder vereinigt. Das Schauspielhaus, das Kleine Haus, wurde von 2008 bis 2012 saniert, Das Schauspiel bespielte in dieser Zeit interimistisch die Spielstätten Türlenstraße und Nord.

Die Aufgabe

Da das Große Haus, die Oper, seit 1983/1984 keinerlei Sanierung erfahren hat, ist die nun anstehende beabsichtigte Generalüber­holung in den kommenden Jahren dringend erforderlich. Ob die erforderliche Bauzeit in einer Spielstätte Interimstheater oder in einem umzubauenden vorhandenen Bau oder durch Ringtausch gewonnenen Bau überbrückt werden kann, ist reiflich und ­zügig zu überprüfen und zu entscheiden.

1902 hat man sich innerhalb weniger ­Wochen qualifiziert entschieden. Welche, Konsequenzen können dabei aus der ­Geschichte der Stuttgarter Theaterlandschaft, vor allem der Interimstheater ­gezogen werden? Die Theatergeschichte Stuttgarts der vergangenen Jahrhunderte ist reich an Planungen und Realisierungen von Interimstheatern/-Spielstätten. Darüber müssen die Beteiligten bei der aktuellen ­Diskussion über die Sanierung des Staatstheaters/des Opernhauses Bescheid wissen. Vor allem über das Interimstheater während der Realisierung des Staatstheaters 1902 bis 1912.

Bei den meisten Interimstheater-Projekten wurde zunächst als erster Schritt über Inhalte, Tendenzen, Zukünfte in der Theaterwelt nachgedacht, um daraus als zweiten Schritt Perspektiven, alternative Möglichkeiten abzuleiten. Mit diesem Wissen wurde in einem dritten Schritt die Diskussion über Größe, Standort und Kosten geführt. Als Grundlage für die Entscheidungen der weiteren Schritte.

Auf dieser fundierten Grundlage wurde die Entscheidung, ob Interimstheater, ­Umbau- oder Umnutzungstheater innerhalb kürzester Zeit getroffen, anschließend Standort und Größe festgelegt. Diese ­logische Vorgehensweise führte beim Interimstheater 1902 nicht zu Zeit- oder Qualitätsverlust. Im Gegenteil: Dadurch konnten die Entscheidungen abgesichert und zügig getroffen werden. In sechs Monaten war das Interimstheater realisiert. Aus solch positiven historischen Realitäten ließe sich für die aktuelle Diskussion und die anstehenden Entscheidungen über die Sanierung des Stuttgarter Opernhauses lernen.

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