Stuttgarts Oper will auch künftig „Opernhaus des Jahres“ bleiben Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Absehbar für fünf Jahre muss das Opernhaus für die geplante Sanierung geschlossen werden. Wo sollen Oper und Ballett dann spielen? Stuttgarts OB Fritz Kuhn kann sich einen Standort neben dem Mercedes-Museum vorstellen. Die Staatstheater-Chefs zeigen sich überrascht und verärgert.

Stuttgart - Tamas Detrich ist ein zurückhaltender, stets äußerst höflicher Mann. Doch nun wird der stellvertretende Intendant des – jüngst von einer umjubelten ­China-Tournee zurückgekehrten – Stuttgarter Balletts, der zur Spielzeit 2018/2019 als Nachfolger des seit 1996 amtierenden Intendanten Reid Anderson in die Zukunft führen wird, überraschend deutlich. „Eine Bauzeit von bis zu fünf Jahren“, sagt Detrich unserer Zeitung, „entspräche etwa einem Drittel der aktiven ­Berufslaufbahn eines Tänzers. Wenn wir keinen attraktiven Standort ­finden, werden wir einen Exodus unserer besten Tänzerinnen und Tänzer erleben. Die müssen nicht in einem wüsten Gewerbe­gebiet in Stuttgart tanzen. Die gehen dann einfach nach London, Paris oder New York.“

Daimler als möglicher Partner

Detrichs mahnende Worte zielen auf einen Vorstoß von Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne). Im Interview hatte Kuhn unserer Zeitung in der vergangenen Woche neben einem bereits inofiziell dis­kutierten Standort für die während der ­geplanten Sanierung des Opernhauses ­notwendige Ausweichspielstätte (das ehemalige Postverteilzentrum Ehmannstraße) überraschend auch zwei neue Möglichkeiten genannt: „Option zwei“, so Kuhn, „ist ein neuer Bau auf einem Grundstück des ­Bundes in der Nähe des Planetariums. ­Dieser Bau stünde zunächst für Oper und Ballett zur Verfügung und wäre nach ­Abschluss der ­Sanierung als neues, zusätz­liches Konzerthaus zu nutzen. Option drei schließlich wäre ein echter Interimsbau ­direkt am Mercedes-Museum auf einem Grundstück des Unternehmens.“

Bereits am vergangenen Donnerstag war klar: Mit diesem Vorstoß („Selbstverständlich habe ich darüber mit dem Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche Vorgespräche ­geführt, die mich sehr optimistisch stimmen“) überraschte Kuhn zuvorderst die eigentlich Betroffenen. Immerhin sollten Vorschläge für einen Interimsstandort an diesem Montag eingebracht werden – bei einer Sitzung des Verwaltungsrates der Staatstheater. Fritz Kuhn hat vorzeitig zum Solo angesetzt – und dies als Vorsitzender des Gremiums. Zumindest in der Landes­regierung wusste man jedoch Bescheid. Ein Sprecher der zuständigen Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst bestätigte unserer Zeitung, dass Theresia Bauer (Grüne) sehr wohl in die Gespräche mit Daimler-Chef Zetsche eingebunden war.

Staatstheater fürchtet wirtschaftlichen Schaden

Mit gemischten Gefühlen reagiert man denn auch im Staatstheater Stuttgart auf die aktuellen Entwicklungen. Warnungen kommen von einem, der die Sanierung als „große Lösung“ seit Jahren entschieden vorantreibt. „Die Staatstheater dürfen durch die Interimszeit weder künstlerisch noch wirtschaftlich beschädigt werden“, sagt Marc-Oliver Hendriks, Geschäftsführender Intendant der Staatstheater Stuttgart, unserer Zeitung. „Dafür sind Lage und Ausstattung der Ausweichspielstätte von entscheidender Bedeutung.“ Für Hendriks sind die Erfahrungen mit der Sanierung des Schauspielhauses Mahnung genug: „Bereits einmal haben wir gut zwei Drittel unseres Publikums in einem schlecht erschlossenen Gewerbegebiet ­verloren. Eine Wiederholung bei Oper und Ballett wäre für die Staatstheater wirtschaftlich verheerend.“

Die Rechnung des Finanzsteuermanns der Staatstheater Stuttgart, mit Oper, Ballett und Schauspiel eines der größten Drei­spartenhäuser der Welt, ist einfach: 1400 Plätze braucht man für die Aufführungen von Oper und Ballett, um wirtschaftlich arbeiten zu können (320 000 ­Besucher zählte man in der Saison 2014/2015 im Opernhaus), und ­anders als während der Schauspielhaus-Sanierung wird man bei Oper und ­Ballett auch weder auf eine Obermaschinerie noch eine Untermaschinerie verzichten können. Das Schauspiel entwickelte seinerzeit für sein Ausweichquartier in der Türlenstraße Stücke, die nur dort und jeweils am Stück gespielt wurden. Oper und Ballett aber arbeiten bewusst mit der Weiter­entwicklung im Repertoire vorhandener Stücke und entwickeln auch neue Projekte mit Blick auf eine mögliche spätere Wiederaufnahme.

Staatstheater-Chefs drängen ins Stadtzentrum

Staatstheater-Chefs drängen ins Stadtzentrum

Kuhns Solo hat für Hendriks aber auch einen zweiten Aspekt. Er sei sehr wohl „überrascht“ gewesen – „aber sehr positiv, da sich ja nun eine produktive Dynamik in diesem Prozess einstellt“. Daran schließt Viktor Schoner an. „Die Diskussion gewinnt erfreulich weiter an Dynamik“, sagt der künftige Intendant der Oper. Von der Saison 2018/2019 an wird er als Nachfolger von ­Jossi Wieler – der 2016 den von deutschsprachigen Opernkritikern vergebenen Titel „Opernhaus des Jahres“ nach Stuttgart holte – die Oper in die Zukunft führen.

„Daimler“, sagt Schoner weiter, „wäre ­sicherlich ein vorzüglicher Partner für die Oper Stuttgart. Der Standortvorschlag stimmt mich allerdings skeptisch. Denn bei zu erwartenden fünf Jahren Interim, und ­damit über 1000 Ballett- und Opernvorstellungen, und damit weit über einer Million Zuschauern und Abonnenten, sollten wir die Möglichkeit haben, den Kulturauftrag der Staatstheater in der Mitte der Gesellschaft und der Stadt in Angriff nehmen zu können, nicht an der Peripherie.“

Erfolgsintendant Jossi Wieler selbst zeigt sich diplomatisch klar: „So konkret die Standortüberlegungen des OB sind“, sagt Wieler unserer Zeitung, „so gründlich und ernsthaft sollten sie jetzt auch geprüft ­werden. Ich hätte mir jedoch gewünscht, dass alle Vorschläge schon im Vorfeld mit den Staatstheatern abgestimmt werden.“

Bau am Planetarium auch als Konzerthaus nutzbar

Doch nicht nur mit seinen Standortvorschlägen für das Ausweichquartier von Oper und Ballett überraschte Stuttgarts OB die Staatstheater-Spitze. Nach Informationen unserer Zeitung hatte man sich in den ­vergangenen Wochen wieder verstärkt mit einer möglichen Verlegung des unmittelbar an das jetzige Staatstheater-Areal angrenzenden Königin-Katharina-Stifts beschäftigt. Kuhn formulierte in unserer Zeitung eine klare Absage: „Einen Abriss dieser ­Traditionsstätte kann man nicht ernsthaft diskutieren.“

Noch in Sichtweite des Staatstheaters immerhin läge eine mögliche Bühne neben dem Planetarium. Abhängig fraglos von den Baufortschritten beim Tiefbahnhof des Verkehrs- und Infrastrukturprojekts Stuttgart 21, zugleich aber mit allen Optionen eines kompletten Neubaus – inklusive der Nutzung als Konzerthaus. „Und das“, betont Michael Russ, Geschäftsführer der Konzertdirektion SKS Russ, „ist ein gewichtiges Argument.“ Seit Jahren engagiert sich Russ, der im Klassik- wie im Pop-Bereich zu den Großen der Branche zählt, für einen Konzerthaus-Neubau. „Wir brauchen dieses Projekt für den Wirtschaftsstandort Region Stuttgart unbedingt“, sagte Russ denn auch jüngst als Podiumsgast bei der Feier zum 70-jährigen Bestehen unserer Zeitung.

Bis 2021 soll der Interimsbau stehen

Ein Bau aber, der zunächst Oper und ­Ballett als Spielstätte dient und anschließend „Konzerthaus von internationalem Format“ (Russ) wird, dürfte nicht unter einem höheren zweistelligen Millionenbetrag zu bekommen sein. Nicht zuletzt wohl deshalb weckt der OB-Vorstoß Hoffnungen, man könnte Daimler zu einer weiter ausgreifenderen Partnerschaft bewegen. Statt der Oper am Stadion also eine kulturelle Mercedes-Arena am Schlossgarten? Vieles bleibt offen – und nicht nur weil der Sportwagenhersteller Porsche Hauptsponsor des Stuttgarter Balletts ist.

Wie es weitergeht? Viktor Schoner und ­Tamas Detrich planen ihre ersten drei Spielzeiten im Opernhaus. 2021 also muss das Ausweichquartier stehen. Der Anspruch an die eigene Leistung und die Qualität der Bühne formuliert Marc-Oliver Hendriks so: „Wir wollen auch dort ,Opernhaus des ­Jahres‘ werden.“

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