Das Opernhaus ist in der Diskussion wegen einer Milliarde Euro Baukosten – doch ein Teil davon hat nur indirekt mit dem Max-Littmann-Bau zu tun. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Noch ist es ein Plan, vom Landtag und vom Gemeinderat als den zuständigen Gremien nicht genehmigt. Rund eine Milliarde Euro an Investitionen am Eckensee steht zur Debatte – und eine Frage im Raum: Wie kommt es zu dem schockierenden Betrag? Wir schlüsseln ihn auf.

Stuttgart - Rund eine Milliarde Euro in die Sanierung und Erweiterung der Stuttgarter Staatstheater am Eckensee stecken? Das Ergebnis der vertieften Kostenuntersuchung hat viele geschockt. Und in den ARD-Tagesthemen am Dienstag zog es die Botschaft an die deutschen Haushalte nach sich, dass die Schwaben beim Bauen ihre sprichwörtliche Bescheidenheit wohl ablegten; dass nach dem umstrittenen Milliardenprojekt Stuttgart 21 vielleicht wieder geklotzt werde: für die Staatsoper und das Ballett. Unmäßigkeit für die Oper?

 

Auf dem Tisch ist eine Prognose, die – nach heutigen Preisen – mindestens 550 Millionen Euro an Kosten vorhersagt, je nach Fortgang der Planungen bis zu 715 Millionen. Bei angenommenen Baupreissteigerungen von im Mittel etwa 3,5 Prozent in den nächsten zehn Jahren komme man auf eine Bandbreite von 737 bis 958 Millionen Euro für Sanierungen und Erweiterungen am Eckensee. Die Interimsoper, die das Land und die Stadtverwaltung im Nordbahnhofviertel ansiedeln möchten, ist ein gesonderter Posten von über 100 Millionen Euro.

Die Baustelle Opernhaus

Zu der Milliarde für den Standort Eckensee tragen das Zuschauerhaus und das Bühnenhaus für die Staatsoper und das Ballett in dem von 1912 stammenden Max-Littmann-Bau einen Teil bei: laut Prognose bis zu 453 Millionen Euro. Darin enthalten sind gut 30 Millionen Euro Mehrkosten für eine Kreuzbühne, die Stand heute etwa 20 Millionen koste, so das Finanzministerium. Der Oper verschafft sie mehr Möglichkeiten für die Aufführungen, manch einer in der öffentlichen Debatte würde hier aber gern sparen. Zumal die denkmalgeschützte Südfassade versetzt werden muss. Andere Maßnahmen im Littmann-Bau, wo manchmal nach Pausen der Vorhang nicht gleich wieder aufgeht, wo Bausubstanz und Installationen verrotten und wo schlechte Arbeitsbedingungen herrschen, gelten vielen Augenzeugen als unabwendbar.

Die Baustelle Kulissengebäude

Bis zu 348 Millionen Euro drohen der Abriss und der größere Wiederaufbau des Kulissengebäudes zu kosten. Zum Vergleich: Ihre neue Bibliothek, im Jahr 2011 im Europaviertel eröffnet, hat die Stadt rund 80 Millionen Euro gekostet. Weniger als ein Viertel von dem, was das Kulissengebäude knapp 20 Jahre später bei der Auftragsvergabe an Kosten verursachen dürfte. In der Summe fürs neue Kulissengebäude seien Technik-Einbauten enthalten, mehr Platz im Untergrund und bessere Lkw-Bedienung, sagt Benjamin Hechler, Sprecher des Ministeriums. Das neue, auch dem Schauspielhaus dienende Gebäude soll besser an die beiden Spielstätten am Eckensee angeschlossen sein, außer mehr Flächen auch bessere Arbeits- und Produktionsbedingungen bieten, bessere Probenräume, bessere Werkstätten. Dafür soll die Turnhalle des Königin-Katharina-Stifts Platz machen. Den alten Kulissenbau zu erhalten und Richtung Schillerstraße einen Anbau zu errichten, würde finanziell keinen großen Unterschied machen, sagt Hechler. Der bestehende Bau müsste völlig entkernt werden.

Dass dergleichen teuer werden kann, sehe man auch bei dem Projekt, das Naturwissenschaftliche Zentrum der Uni Stuttgart im Stadtbezirk Vaihingen zu sanieren. Dort drohten für die Sanierung von zwei Hochhäusern im Zeitraum 2020 bis 2036 auch hohe Kosten: 600 bis 800 Millionen Euro, noch nicht einmal auf die Bauzeit hochgerechnet.

Die Landesbauverwaltung hat auch sehr betont, wie komplex besonders das Vorhaben Kulissengebäude sei: Hier müsse man, um die angeforderten 10 450 Quadratmeter zusätzliche Nutzfläche am Standort zu schaffen, die von der Stadt gesetzten Baugrenzen voll ausschöpfen. Unter einem Teil des Baufeldes verläuft ein Stadtbahntunnel. Es gebe Gipskeuper und Grundwasser, dicke Fernwärmeleitungen, Telefonleitungen und ein unterirdisches, nicht verrückbares Technikbauwerk der EnBW. Und auf Wunsch der Stadt muss auch Platz für die Hauptradroute 1 durch den Talkessel gewahrt bleiben.

Das Vorhaben mutet daher fast wie die Quadratur des Kreises an. Das mag ein Grund dafür sein, dass Alexander Kotz, Fraktionschef der CDU im Rathaus, mit einem Opernneubau im künftigen Rosensteinviertel von S 21 liebäugelte. Es ist ganz sicher ein Grund dafür, dass die Stadtverwaltung jetzt die Option ins Spiel gebracht hat, einen großen Teil der zusätzlichen Flächen nicht an der B 14 draufzusatteln, sondern in Bad Cannstatt, wo die Theater schon ein Kulissenlager haben.

Weitere Baustellen

Hier geht es um einen Neubau in Hof 3 mit einem weiteren Haupteingang, Maßnahmen im Verwaltungsgebäude und im Schauspielhaus. Fürs Opernhaus bringt der Neubau eine barrierefreie Erschließung. Vieles andere, wie Bar und Restaurant und Kartenverkauf, soll den ganzen Standort aufwerten. Bei letztendlichen Gesamtbaukosten von 121 bis 157 Millionen Euro gebe es 26,8 bis 34,8 Millionen, die man nicht auf die drei Teilbereiche verteilen könne, so das Ministerium. Und warum Eingriffe im Schauspielhaus, dessen teure Sanierung erst sechs Jahre her ist? Damals sei der Änderungsbedarf, der mit dem neuen Kulissengebäude einher gehe, noch nicht absehbar gewesen, sagt Hechler.

Und wofür so viele Ausgaben?

OB Fritz Kuhn und Kunstministerin Theresia Bauer (Grüne) betonen, ihnen sei es um ehrliche Prognosen gegangen. Er wolle, so Kuhn, „eine sensationell starke Einrichtung“ neu aufbauen, weil „sie sonst zerfällt“. Kulturbürgermeister Fabian Mayer (CDU) sieht darin eine wichtige Bildungsstätte und einen „weichen Standortfaktor“ für die Region.