Die steigenden Baukosten gehen auch an der Oper in Stuttgart nicht spurlos vorüber. Experten rechnen mit bis zu einer halben Milliarde Euro Mehrkosten.
Noch vor wenigen Wochen zeigten sich die Träger der Staatstheater, die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg, verhalten optimistisch, dass ihre Kalkulation inklusive der angenommenen Preissteigerungsraten und eines Budgets für Unvorhergesehenes trotz gestiegener Rohstoff- und Baupreise und trotz galoppierender Inflation Bestand haben werde. Das finanzielle Volumen für die Sanierung des Großen Hauses im Oberen Schlossgarten von über einer Milliarde Euro sei derzeit ausreichend dimensioniert, hieß es unisono. Dabei pfiffen es die Spatzen längst von den Dächern, dass auch der Kostenrahmen für die Opernsanierung wie bei allen anderen Bau- und Sanierungsvorhaben angesichts von Coronakrise und Ukraine-Krieg nicht zu halten sein wird. Nun hat das Finanzministerium erstmals eingeräumt, dass „bei der aktuellen Baupreisentwicklung der bisherige Kostenrahmen nicht ausreicht“. Insider prognostizieren Mehrkosten von bis zu 500 Millionen Euro, wenn die Inflation und die Lieferschwierigkeiten beim Baumaterial länger anhalten. Aber auch aus anderen Gründen knirscht es beim Thema Oper zwischen den Partnern gehörig im Gebälk.
Land und Staatstheater zeigen sich überrascht über Terminverschiebung
Stein des Anstoßes war eine beiläufige Verkündung im Ausschuss für Stadtentwicklung. Dort informierte der städtische Hochbauamtsleiter Peter Holzer die Stadträte, dass sich die eigentlich für 2027 geplante Eröffnung der Interimsoper bei den Wagenhallen um etwa ein Jahr auf Ende 2028 verschiebt. Auch die damit einhergehende, vom SPD-Fraktionschef Martin Körner hochgerechnete Kostensteigerung von 224 auf mindestens 260 Millionen Euro (inklusive der dort entstehenden Gebäude für Opernverwaltung und Wohnungen, die nach der Opernsanierung Bestandteil des Kreativquartiers Maker City werden) nahm das Gremium mehr oder weniger achselzuckend zur Kenntnis. Die Projektpartner Land und Württembergische Staatstheater dagegen staunten nicht schlecht, als sie von der Terminverschiebung tags darauf aus unserer Zeitung erfuhren. „Unser Kenntnisstand entsprach bis dato dem Grundsatzbeschluss des Gemeinderats vom Juli vergangenen Jahres mit Fertigstellung Ende 2027“, so ein Sprecher des Finanzministeriums.
Der Geschäftsführende Intendant der Staatstheater, Marc-Oliver Hendriks, zeigte sich auf Anfrage unserer Zeitung ebenfalls überrascht über die verkündete Verzögerung: „Für uns würde das bedeuten, dass wir frühestens im Spätsommer, eher Herbst 2029 aus dem Littmann-Bau an die Wagenhallen umziehen können.“ Ein Umzug sei vorher während des laufenden Spielbetriebs nicht zu organisieren. Tatsächlich war das Thema auf der letzten Verwaltungsratssitzung der Württembergischen Staatstheater vor drei Wochen nach Angaben von Teilnehmern nicht angesprochen worden. Die Stadt wiederum betont auf Nachfrage, die veränderte Zeitschiene sei zumindest „auf Arbeitsebene“ dem Finanzamt bekannt gewesen. Zur Erinnerung: Ein Jahr Verzögerung bei der Sanierung des Littmann-Baus schlägt nach Angaben des Finanzministeriums mit 30 Millionen Euro zu Buche.
Gründung der Projektgesellschaft lässt weiter auf sich warten
Es hapert offenbar nicht nur mit der Kommunikation zwischen den Projektpartnern. Nach den jahrelangen Debatten über die Opernsanierung und das vom Land einberufenen Bürgerforum hatte es so ausgesehen, als ob das milliardenschwere Sanierungsvorhaben auf einem guten Weg sei. Der von OB Frank Nopper (CDU) im vergangenen Sommer herbeigeführte Grundsatzbeschluss zur Beteiligung der Landeshauptstadt und der damit einhergehenden Freigabe von Planungsmitteln für die Interimsoper markierte so etwas wie den Startschuss. Doch seither ist nicht mehr viel passiert, und im Rathaus war lange unklar, wer beim Thema Oper den Hut aufhat. Seit Kurzem erst gibt es einen Lenkungskreis unter Leitung des OB – das Äquivalent zu der von Noppers Vorgänger Fritz Kuhn (Grüne) gegründeten Opern-Task-Force. Dennoch ist im Augenblick nicht ersichtlich, wohin das Projekt steuert – und wer am Steuer steht. Weiterhin nicht existent ist etwa die angekündigte Projektgesellschaft, die nach dem Vorbild der Projektgesellschaft Neue Messe (PNM) die Sanierung respektive den Bau der Interimsoper vorantreiben sollte.
Doch die Konstruktion ist nicht eins zu eins übertragbar: Bei der Messe war die PNM auch Eigentümer der Grundstücke, bei der Oper ist es zu großen Teilen das Land. Außerdem ist die Frage der Finanzierung der Projektgesellschaft noch ungelöst, es fehlt zudem an Personal und vor allem an einem Geschäftsführer, der im Zweifel den Kopf hinhält, wenn etwas schiefläuft. Außerdem soll er dafür sorgen, dass die Kosten nicht noch weiter aus dem Ruder laufen.
Opern-Nachbar Königin-Katharina-Stift braucht offenbar mehr Platz
Ungemach droht jenseits der Finanzen auch von einer anderen Seite. Nach Recherchen unserer Redaktion hat der direkte Nachbar der Oper, das Königin-Katharina-Stift, Bedarf an zusätzlichen acht Klassenräumen nebst Nebenflächen angemeldet. Sie könnten eventuell in der Mehrzweckhalle untergebracht werden, die auf der nordwestlichen Seite der Schule beim Ferdinand-Leitner-Steg entstehen soll.
Die derzeitige Turnhalle muss laut der Planung dem neuen Opern-Kulissentrakt an der Konrad-Adenauer-Straße weichen. Dass die Ersatzhalle inklusive Mensa und Aula offenbar mehr Platz beansprucht als ursprünglich gedacht, könnte den Anlieferverkehr für die Oper erschweren, befürchtet man dort. Stuttgarts Hochbauamtsleiter Peter Holzer sieht darin allerdings kein Problem: Die neue Halle werde als mehrstöckige „Stapelhalle“ konzipiert.