Die evangelische Kirchengemeinde Leonberg Nord hat Großes vor. Sie lässt eine neue Orgel in der Stadtkirche einbauen. Dafür muss das Kirchenschiff umgestaltet werden. Doch zuerst muss der marode Turm saniert werden.
„Jeremias Schwartz und seine Werkstatt haben hervorragende Arbeit geleistet“ ist die Leonberger Pfarrerin Heidi Essig-Hinz hoch oben auf dem Gerüst am Turm der evangelischen Stadtkirche St. Johannes der Täufer erfreut und zufrieden. „Wäre das nicht der Fall gewesen, dann wäre unser Vorhaben um einiges aufwendiger und wahrscheinlich teurer geworden“, ist auch Architekt Wolfgang Hartmann überzeugt. Gemeint ist die gerade anstehende Sanierung des dafür eingerüsteten Kirchenturmes. Der zeigt erhebliche Schäden am Natursteinmauerwerk. An zahlreichen Stellen sind die gelb-grünlichen Schilfsandsteine verwittert und bröckeln ab.
Nicht so die vier wappentragenden Löwen an der Haube des nördlich des Kirchenschiffes stehenden Glockenturmes. Die hatte Jeremias Schwartz 1574 geschaffen, als das Glockengeschoss mit dem achtseitigen Tambour und der Haube durch Baumeister Christoph Spindler aufgestockt wurde. Der nach Nordosten ausgerichtete Löwe trägt das Leonberger Wappen mit dem Löwen. Die Figur im Südwesten hält das aus vier Feldern bestehende herzogliche Wappen von Württemberg in den Pranken: die drei Hirschstangen, das Wappen der Herzöge von Teck, die Reichssturmfahne sowie die beiden Barben von Mömpelgard. Die beiden anderen Löwen bewachen das Wappen mit dem doppelköpfigen Reichsadler. Bekannt wurde Schwartz später für seine Grabdenkmäler, unter anderem für die Leonberger Ehrbarkeit. Diese kunstvollen Epitaphien sind in der Stadtkirche aufgestellt.
Vier wappentragende Löwen am Kirchturm
„Wäre da nicht die historische Patina, könnte man meinen, die Löwen sind gestern aus der Werkstatt gekommen und nicht vor 450 Jahren“, staunt die Pfarrerin. Eine Laune der Natur will es, dass der Bewuchs aus winzigen Flechten eine rot-bräunliche Farbe hat, ähnlich der von Löwen. „Auch die schmiedeeisernen Zungen der Figuren sind in einem tadellosen Zustand“, sagt Wolfgang Hartman. Allerdings lässt das aufgerissene Maul der Skulpturen vermuten, dass Schwartz bis dahin weder einen Löwen noch eine bildliche Darstellung des Tieres zu Gesichte bekommen hatte, denn sie haben ein ganz friedliches Gebiss, ohne die typischen Reißzähne – es ähnelt eher dem eines Menschen.
Es ist eine böse Überraschung gewesen, als plötzlich abgebröckeltes Gestein am Fuße des Turmes entdeckt wurde. Sich mit dem Glockenträger zu beschäftigen war überhaupt nicht die Absicht der Kirchengemeinde Leonberg Nord, denn sie war mit zwei weiteren Großprojekten beschäftigt – eine neue Orgel für die Stadtkirche anzuschaffen und dafür den Kirchenraum umzugestalten und zu ertüchtigen. Wolfgang Hartmann wurde von der Kirchengemeinde mit der Begleitung der Arbeiten beauftragt. Seit 25 Jahren freier Architekt, ist er davor auch im Denkmalschutz aktiv gewesen und hat reichlich Erfahrung besonders mit der Sanierung von Kirchenbauten. Und so lag es nahe, dass er auch die dringliche Sanierung des Turmes fachmännisch steuert.
Auf dem Kirchplatz lagern derzeit mehrere Paletten mit First- und Gratziegeln, dazu Dachplatten und alte Balken. „Das stammt alles von der achteckigen Turmhaube und ist wahrscheinlich noch von der Turmaufstockung 1574“, sagt Hartmann. Alles sei vorsichtig geborgen worden, denn es soll später wieder am angestammten Platz verlegt werden. Die Erbauer sind vorausschauend gewesen, denn in der Turmstube lagert noch eine Reserve. Das Dach wurde nicht nur abgedeckt um es zu erneuern, sondern auch um dem Denkmalamt die Möglichkeit zu geben, die Holzkonstruktion und ihre Geschichte zu dokumentieren. Deshalb wurden nicht nur Bohrproben aus dem Gestein des Turmes und dem Material des Fugenmörtels, sondern auch aus den unterschiedlichen Holzbalken des Turmes entnommen.
Der Turm als solcher wurde in mehreren Abschnitten errichtet. Der erste wohl gleichzeitig mit dem Bau der Kirche um 1290 bis 1300. Dann wurden die Arbeiten bis etwa Mitte des 14. Jahrhunderts unterbrochen. Im Glockengeschoss hängt heute eine Glocke aus dem Jahr 1311, welche aber nicht an ihrem ursprünglichen Platz hängen kann, weil der Turm ja 1574 zu seinen aktuellen Ausmaßen erhöht wurde. Woher diese Glocke stammt, bleibt ein Rätsel. Das Material für den Turm, der außen aus Schilfsandstein und innen mit einer Schale aus hammergerecht bearbeitetem rotem Sandstein errichtet wurde und im ersten Turmgeschoss 1,60 Meter dicke Mauern hat, musste nur wenige hundert Meter transportiert werden. Die Steine kommen wohl aus dem ältesten Leonberger Steinbruch, dem ehemaligen „Bildstöckle“.
Die letzte große Sanierung gab es 1915
Von hier stammt auch das Material für die letzte große Sanierung des Turmes im Jahr 1915. Davon zeugen eine Inschrift am Turm und die Steinmetzzeichen der Bauhandwerker Wilhelm Mörk und Paul Ludmann. Sie sind mit den Jahreszahlen 1915 und 1574 in die Balustrade über dem Glockengeschoss an dem Rundgang eingearbeitet, den heute die Turmbläser für ihre Auftritte nutzen. Der Familie Ludmann gehörte seinerzeit der inzwischen verfüllte und mit Wohnhäusern überbaute Steinbruch „Bildstöckle“. Dass der erste Turm wohl nur bis zur Traufkante des Kirchenschiffes reichte, zeigt die dendrologische Untersuchung eines Deckenbalkens. Die Bäume für diese Balken wurden im Winter 1354/1355 gefällt und wohl im Sommer 1355 eingebaut. Weitere Balken wurden 1741 eingesetzt, ein anderer bereits 1445, aber weil aus dieser Zeit keine Bauarbeiten dokumentiert sind, vermuten die Fachleute, dass es sich um wiederverwertetes Bauholz handelt.
Rundgang der Turmbläser ist stark beschädigt
Sind alle Untersuchungen des Denkmalamtes abgeschlossen, können die Arbeiten beginnen. „Die verwitterten Steine werden zurückgearbeitet, die losen Stellen vorsichtig abgemeißelt“, schildert Architekt Wolfgang Hartmann. Auch Fugenmörtel muss herausgekratzt und ersetzt werden, denn bei der letzten Sanierung wurde viel zu hartes Material verwendet. Viel zu tun gibt es an dem Rundgang der Turmbläser, denn hier funktioniert der Wasserabfluss nicht richtig, was Ursache für viele Schäden ist. Es gibt solche Risse, dass hier sogar ein etwa 30 Zentimeter hoher Holunder gut gedeiht. Die Steinarbeiten wird die auf Denkmalschutz spezialisierte Firma Dengel aus Schöntal übernehmen. Die Holzarbeiten an der Turmhaube und der Dachkonstruktion gehen an das Eltinger Zimmergeschäft Jürgen Ziegler. Dieses wird auch die stark verwitterten Schalläden aus Eichenholz an den Turmfenstern erneuern, die den Schall des Glockengeläuts lenken. Gesäubert wird zudem die Kupferabdeckung des achteckigen Turmaufsatzes. „Auch die Kirchturmzier, also die Kugel, der Hahn und das Kreuz, wird wieder vergoldet“, sagt Pfarrerin Heidi Essig-Hinz. Das übernehmen die Restauratoren der Ludwigsburger Firma Mäule und Krusch.
Insgesamt werden die Arbeiten am Turm, die wohl etwa ein halbes Jahr lang über die Bühne gehen werden, rund 940 000 Euro kosten. „Zu unserer großen Freude übernimmt die Stadt, unter anderem als Wertschätzung für dieses weithin sichtbare Wahrzeichen von Leonberg, die Hälfte der Kosten“, ist die Stadtpfarrerin dankbar. Den Rest steuern die Gesamtkirchengemeinde, der Kirchenbezirk, das Dekanat und Bürgerinnen und Bürger über Spenden bei.
Turmsanierung ist Nebenschauplatz der Arbeiten an der Stadtkirche
Die Turmsanierung ist zwar ein teurer, aber dennoch ein Nebenschauplatz der Arbeiten an der Stadtkirche. Die Hauptbauphasen sind der Einbau einer neuen Orgel und im Vorfeld die Vorbereitung der Kirche hierfür. „Um Platz für die neue Orgel zu schaffen, muss die obere Empore und der rechte Aufgang abgebaut werden“, zählt Architekt Wolfgang Hartmann auf. Gleichzeitig wird die Elektrik und die Beleuchtung der Kirche erneuert, der Putz saniert und Induktionsschleifen verlegt, damit Schwerhörige den Gottesdienst verfolgen können. Das soll 2025 über die Bühne gehen. Dafür sind insgesamt 1,1 Millionen Euro vorgesehen.
Der krönende Abschluss dieser Anstrengungen der Kirchengemeinde Leonberg Nord wird dann eine neue Orgel sein. Diese ist bei der traditionsreichen Eltinger Orgelbauerfirma Mühleisen bestellt. Entstehen wird eine Universalorgel mit einer Klangkonzeption für Musik des Barocks und der deutschen Romantik, nachdem – ebenfalls von Mühleisen gebaut – in der Leonberger katholischen Kirche eine im Stil der französischen Romantik steht. Ausgestattet wird die Orgel auch mit einer sogenannten englischen Trompete. Diese Orgel wird die Kirchengemeinde rund eine Million Euro kosten. „An dem Zeitplan, dass die Orgel 2027 zum ersten Mal an ihrem angestammten Standort erklingen wird, halten wir fest“, ist die Leonberger Stadtpfarrerin Heidi Essig-Hinz zuversichtlich.