Sandwesten: Kein Allheilmittel für unruhige Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Und doch – nach Aussage von Medizinern, Therapeuten und Pädagogen – ein wichtiges Hilfsmittel. Foto: Beluga Healthcare

Kiloschwere Sandwesten sollen Schulkindern zu mehr Ruhe und Konzentration verhelfen. Sie werden aber vor allem in der Kinder- und Jugendmedizin eingesetzt. Wie sie funktionieren und wie sinnvoll sie therapeutisch sind, erklärt der Stuttgarter Kinderarzt Andreas Oberle.

Stuttgart - Mit Sand gegen Verhaltensauffälligkeiten und Wahrnehmungsstörungen wie ADHS und Autismus. Kann das funktionieren? In rund 200 Schulen in Deutschland – darunter auch in Baden-Württemberg – werden spezielle, oft mehrere Kilogramm schwere Sandwesten eingesetzt. Die – nicht umstrittenen – Westen sollen die Kinder und Jugendlichen zu einem besseren Körpergefühl und damit zu besserem Konzentrationsvermögen zu verhelfen.

Sandwesten in der Pädiatrie

Ihr Haupteinsatzgebiet ist allerdings die therapeutische Unterstützung von Patienten etwa mit den Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätssyndrom ADHS in Kliniken und Therapieeinrichtungen. Wir sprachen mit dem Ärztlichen Direktor und Leiter der Sozialpädiatrie des Klinikums Stuttgart, Andreas Oberle, über den medizinischen Sinn und Nutzen von Sandwesten.

„Kinder brauchen solche Begrenzungen und Orientierungen“

Herr Oberle, wo kommen Sandwesten in der Pädiatrie im Klinikum Stuttgart zum Einsatz?
Pädiatrie meint die Kinder- und Jugendmedizin. Wir betreuen in unserem sozialpädiatrischen Zentrum im Klinikum Stuttgart in interdisziplinärer Sichtweise Kinder und Jugendliche mit Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten. Darunter sind mehrfach Behinderte, autistische und ADHS-Kinder. In diesem Zusammenhang haben wir jahrelange Erfahrung mit Sandwesten gemacht.
Wie groß ist ihr Team?
Inzwischen sind rund 50 Personen an der Arbeit der Pädiatrie des Klinikums Stuttgart beteiligt – Ärzte, Therapeuten, Psychologen, Pädagogen. Wir arbeiten gemeinsam im Team und sind massiv vernetzt nach draußen.
Wie gehen sie in der Therapie vor? Was sind Schwerpunkte?
Unsere Vorgehensweise kann man in drei Fragen zusammenfassen: Was hat das Kind? Was braucht das Kind? Wer tut das, was das Kind braucht? Unsere Patienten sind oft nicht bei sich, indem sie sehr unruhig und ohne Grenzen etwa in der Bewegung sind. Es gibt viele Formen der Begrenzung und Orientierung, die wir anbieten können. Pädagogisch beispielsweise, weshalb auch Lehrer in die Therapie involviert sind. Man kann die Begrenzung aber auch rein symbolhaft zum Ausdruck bringen.
Sie meinen mit Hilfe von Sandwesten. Wie funktioniert das?
Wenn ein Kind ständig rumhampelt, kann es durch eine Sandweste, die einen leichten Druck auf den Körper ausübt – wie wenn jemand mit der Hand liebevoll auf Brust oder Bauch drückt – positiv beeinflusst werden. Das Kind spürt durch den konstanten Druck eine Grenze. Kinder brauchen solche Begrenzungen und Orientierungen. Das ist sehr wichtig.
Sandwesten sind dort, wo sie eingesetzt werden – in Schulen, Krankenhäusern oder Behinderteneinrichtungen -, kein Allheilmittel. Wie sinnvoll und nutzbringend sind sie aus Sicht des Mediziners?
Sandwesten sind in der Therapie ein unterstützendes Instrument. Generell zu sagen, dass solche Westen gut für Autisten oder ADHS-Kinder sind, stimmt aber nur halb. Mit einer Sandweste kann man weder ADHS noch Autismus therapieren. Aber man kann damit die Therapie unterstützen.
In der öffentlichen Debatte haben Sandwesten, in der Schule eingesetzt, einen teilweise zweifelhaften Ruf - im Sinne einer Zwangsmaßnahme. Was sagen Sie zu solchen Einwänden?
Der Denkfehler ist, Wirkung und Nutzen von Sandwesten isoliert zu betrachten und sie als einzelnes, tolles Mittel zu sehen. Man muss es im Rahmen eines Gesamtkonzeptes sehen. Dann können Sandwesten sinnvoll und hilfreich sein. Sandwesten sind ein unterstützendes Instrument, aber weder der einzige noch der zentrale Punkt in der Therapie.
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