Wer auf der „Sanctuary“ Sex haben möchte, reiht sich in eine Schlange ein. Für einen Abend wollen die Menschen dort loslassen. Ein Besuch im Club Proton.
Im Treppenaufgang des Clubs streifen Menschen hastig ihre Kleidung ab, stopfen Jeanshosen in Sporttaschen und Jacken in Schließfächer. Für zwei Euro geben diese Menschen ihren Alltag an der Garderobe ab, für 42 Euro kaufen sie sich von gesellschaftlichen Zwängen und Konventionen frei –zumindest für eine Nacht.
Im Ledergeschirr, im Ganzkörperlackanzug, im futuristischen Kostüm marschieren sie anschließend auf der Tanzfläche ein und bilden eine Masse, die weder zu einer Motto- noch zu einer Sex-Party passt. Sex können die Gästinnen und Gäste auf dem Event trotzdem haben.
Konzepte wie das der sexpositiven Party „Sanctuary“ im Proton in Stuttgart gibt es mittlerweile zuhauf, das Interesse zumindest im städtischen Raum ist groß. Anders als Swinger-Partys sind solche Veranstaltungen nicht primär auf heterosexuelle Paare, Partnertausch und Sex fokussiert. Auf sexpositiven Partys sollen alle so sein dürfen, wie sie sind, ganz unabhängig von ihrem Aussehen, ihrem Geschlecht oder ihrer Sexualität. Diversität ist das Stichwort, frei ausgelebte Sexualität das Motto – alles kann, nichts muss.
Wie weit entfernt ist das, was auf diesen Partys passiert, vom gesellschaftlichen Mainstream? Und was nehmen die Besucherinnen und Besucher davon mit in ihr bürgerliches Leben?
„Sanctuary“-Party in Stuttgart: Eine Nische in der Nische
550 Menschen plus Gästeliste, ausverkauft. Zum vierten Mal findet die Partyreihe am Samstag (25. Oktober 2025) in Stuttgart statt, organisiert von Elmar Jäger. Jäger: 50 Jahre alt, lässiger Gang und an diesem Abend „postapokalyptischer Rocker“. Er möchte mit seiner Party eine Art Utopie, eine Parallelwelt erschaffen, in der die Besucherinnen und Besucher eine selbstgewählte Rolle spielen können.
Sein Konzept ist gewissermaßen eine Nische in der Nische. Der sexpositive Aspekt steht für ihn nicht im Fokus, sondern ist eine logische Erweiterung: „Für viele Menschen ist es sehr viel einfacher, sich von bestimmten Zwängen oder Schamgefühlen loszumachen, wenn sie in einer Rolle sind.“ Um den Weg in die Parallelwelt zu ebnen, sorgt der Veranstalter für das passende Setting.
Zwischen Bar und Tanzfläche räkeln sich junge, schlanke, leicht bekleidete Frauen an der Pole-Dance-Stange. In einer Ecke lässt sich eine Frau mit Seilen fesseln; sie lehnt den Kopf wie in Trance zurück. Auf der Bühne zuckt eine Peitsche über den nackten Oberkörper einer Frau, die an einem erleuchteten Kreuz hängt. An jedem Schauplatz steht eine Gruppe Menschen, guckt interessiert. Dazwischen die tanzende Masse. Wenn sich an jeder Ecke erotische Szenen abspielen, ist daran nichts mehr skandalös. Stattdessen wippt, nickt und fummelt die Party so vor sich hin.
Fünf Matratzen liegen für Sex bereit
Trotz oder viel mehr wegen der sexuellen Freiheit, die hier möglich sein soll, gibt es Regeln: Wer Sex haben möchte, lässt den Tanga nicht auf der Tanzfläche fallen, sondern reiht sich nach deutscher Manier in einer Schlange ein. Fünf Matratzen liegen auf der Galerie, wenige Meter über der Tanzfläche, bereit. Sie sind mit halbhohen Wänden notdürftig voneinander abgeschirmt. Dort spielen sich die eigentlichen Höhepunkte der Party ab.
Seit den 90er-Jahren finden sich ähnliche Veranstaltungen in Deutschland, zuerst in Berlin, dann in anderen Großstädten. Was auf diesen Events in zugespitzter Form passiert, schlägt sich auch im Rest der Gesellschaft nieder: Mittlerweile sei Sexualität nicht mehr unbedingt ein Tabuthema, sagt Jana Ammann. Sie promoviert an der Pädagogischen Hochschule Freiburg zu Sexpositivität. Durch die Digitalisierung sei die Sexualität noch weiter „entdramatisiert“ worden. Trotzdem sei in unserer Gesellschaft streng geregelt, was normal ist und was nicht.
Warum? „Weil ich heute mal nicht Mama, mal nicht Ehefrau bin“
„Im Kindergarten sind ganz viele Dinkel-Dörtes“, beschwert sich Elif, die in Wirklichkeit anders heißt. Sie steht am Rand der tanzenden Menge, schreit über die Techno-Beats hinweg. Ihr glatt frisierter brauner Bob steht im starken Kontrast zu ihrem ledernen Dessous, das mehr in Szene setzt als verdeckt. Ihre monogamen Freundinnen halten davon nichts. Elif ist 37, Mutter und Hausfrau aus Esslingen, führt eine einseitig geöffnete Ehe. Mit einem Berufsschullehrer aus Göppingen, den sie von einer Erotik-Plattform kennt, ist sie hier.
Seit fast einem Jahr gehen die zwei zusammen auf sexpositive Partys. Warum? Sie: „Weil ich heute mal nicht Mama, nicht Ehefrau bin.“ Er: „Weil ich konnte.“ Und wegen der schönen Frauen und Brüste. Beide lachen, er leckt an ihrem Ohr und stößt eine Mischung aus Wolfsgeheul und rollendem R aus. Es scheint sein Partyruf zu sein.
Auf einer Plattform tanzt ein Mann, der ein wenig aussieht, wie der Herr aus der Elitepartnerwerbung, anzüglich mit einem sexy Cowboy. Beide sind „zu 100 Prozent hetero“, erklärt Matthias, der in Wirklichkeit anders heißt, später. Er ist das Elitepartner-Double, mit nacktem Oberkörper und figurbetonter Hose, „schon ewig verheiratet“ und mittlerweile in einer offenen Beziehung. Meist ist der 40-Jährige auf Swinger Partys im Rhein-Pfalz-Kreis unterwegs; auf der Stuttgarter Party ist Matthias wegen der „netten und toleranten“ Menschen und der Atmosphäre. „Hier geht es mehr ums Tanzen als ums Ficken.“ Und darum, zu sich selbst zu stehen. Das möchte er später auch mal seinen Kindern vermitteln.
Ganz frei von gesellschaftlichen Zwängen?
Hinter sexpositiven Veranstaltungen stecke oft der Wunsch nach einer „gesamtgesellschaftlichen Befreiung der Sexualität“, sagt die Wissenschaftlerin Ammann. Ob das gelingt, stellt sie zumindest infrage: „Wir alle geben unsere Sozialisation nicht an der Garderobe ab.“ Verinnerlichte Rollenbilder und Standards landen unter Umständen einfach im neuen beziehungsweise in weniger Gewand auf der Tanzfläche. Vielleicht verschiebt sich die Grenze dessen, was akzeptiert ist, also nur, statt ganz zu verschwinden.
„Meine Mama weiß, dass ich hier bin“, sagt Michelle. Sie heißt eigentlich anders, ist eine 30-jährige Sozialpädagogin aus Reutlingen. Lange dunkle Haare, je ein Piercing in der Augenbraue, so lehnt sie an einem Stehtisch, ganz entspannt. Michelle ist frisch getrennt. Ein Event wie dieses wollte sie schon immer ausprobieren, heute ist das erste Mal. Was ihre Mama dazu sagt? Schulterzucken, dann grinst sie. „Wenn ich mich nicht wohlfühle, soll ich anrufen, dann holt sie mich ab.“ Bisher hatte sie das Bedürfnis aber nicht, ganz im Gegenteil: Als sie alleine auf ihre Begleitung gewartet hat, habe eine fremde Frau darauf geachtet, dass ihr nichts passiert.
Drei Uhr morgens: Stau vor der Unisex-Toilette. Hier müssen auch die Männer warten. Die Tür einer Klokabine öffnet sich, heraus kommt eine junge Frau, in der Hand hält sie ihr zerknülltes Party-Outfit. Entweder sie selbst oder Stuttgarts Gassen oder vielleicht beide scheinen dafür noch nicht bereit zu sein. Also geht sie in Jeans und T-Shirt zurück nach Hause, ihr Outfit sicher verwahrt in der Tasche.
Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst in der Südwest Presse.
Was ist der Unterschied zwischen einer offenen und einer polyamoren Beziehung?
In einer offenen Beziehung einigt sich das Paar im Gegensatz zu einer geschlossenen, monogamen Beziehung darauf, Sex auch mit Menschen außerhalb der Beziehung zu haben. Ist eine Beziehung halboffen, gilt diese Erlaubnis nur für eine Seite. Sex mit anderen Menschen zählt also nicht als fremdgehen.
In einer polyamoren Beziehung geht die Vereinbarung über reine Körperlichkeit hinaus: Die Menschen in einer Beziehung gehen unter Umständen gleichzeitig mehrere Liebesbeziehungen zu unterschiedlichen Personen ein. Dabei bleibt offen, ob die jeweiligen Partnerinnen und Partner auch zueinander in Beziehung stehen.