Daniel Richter, Kein Gespenst geht um, 2002 Foto: Kunstmuseum Bonn, VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Zum dritten Mal nach 1973 im Württembergischen Kunstverein Stuttgart und nach 2004 in der Staatsgalerie hat die Sammlung von Ute und Rudolf Scharpff in Stuttgart einen großen Auftritt. Das Kunstmuseum Stuttgart schärft mit „Cool Place“ den Blick für die Malerei in der Sammlung.

Stuttgart - Seit nun fünf Jahrzehnten zählen Rudolf und Ute Scharpff zu den international ­ebenso bekannten wie auch umgarnten Sammlerpersönlichkeiten. Auch, weil die Scharpffs früher als andere mit einem Bekenntnis zur jeweils unmittelbaren Gegenwart überraschten. Zunächst Künstlern des deutschen Südwestens verbunden, veränderten die Kunststürme der späten 1950er und beginnenden 1960er Jahre erstmals die Orientierung des Stuttgarter Sammlerehepaars – Richtung Nouveau Realisme und Richtung Zero. Mit ausgelöst, wie Rudolf und Ute Scharpff sich gerne erinnern, „durch die ­Galeriearbeit von Hans-Jürgen Müller“.

Lesen Sie auch das große StN-Interview zur Ausstellung "Cool Place" mit Rudolf Scharpff.

Viel Aufsehen erregte in den frühen 1990er Jahren das engagierte Eintreten für den US-amerikanischen Installationskünstler Robert Gober. Umfassende Leihgaben für den Erweiterungsbau der Hamburger Kunsthalle katapultierten die Kunsthalle 1997 in die Europaliga der internationalen Gegenwartskunst. Und nichts könnte das Selbstverständnis von Rudolf Scharpff ­besser skizzieren als seine dieser Zeitung ­gegebene Antwort auf die Frage „Wie sehen Sie Ihre Rolle als Privatsammler?“: „Ich sehe da gar nichts. Ich möchte den Museen die Chance geben, nach vorne zu blicken, sich mit der Gegenwartskunst zu beschäftigen.“ Und die Künstler? „Ich fühle mich für die Künstler, mit denen ich arbeite, verantwortlich“, sagt Scharpff. „Ihre Werke müssen in den öffentlichen Raum, sie müssen in Ausstellungen, in Kunstvereine, Kunsthallen und natürlich in Museen, sie müssen gesehen und diskutiert werden.“

Bis zum 16. November nun im Kunstmuseum Stuttgart. Die drei Geschosse des ­Kubus am Stuttgarter Schlossplatz hat Kunstmuseumsdirektorin Ulrike Groos für „Cool Place“ geräumt. „1000 Quadratmeter“, wie Groos sagt.

„Cool Place“ ist einem Bildtitel der britischen Malerin Bridget Riley entliehen. Auf Vermittlung des Stuttgarter Galeristen ­Michael Sturm hatte Christoph Becker, ­heute Direktor des Kunsthauses Zürich und seinerzeit in der Stuttgarter Staatsgalerie für das 19. Jahrhundert verantwortlich, ein ­Riley-Großformat in den Burne-Jones-Raum gehängt. Geometrie-Poesie contra Heldenepos. Eine Herausforderung. Das (geglückte) Experiment blieb folgenlos – die Staatsgalerie wies den möglichen Riley-Ankauf ab.

Jetzt sind auf der zweiten Kubus-Etage drei Riley-Arbeiten zu sehen. Sie bleiben, trotz des angestrebten Dialogs mit Arbeiten des Briten Glen Brown, für sich. Wie man „Cool Place“ überhaupt mehr als Abfolge denn als Ganzes erlebt.

Malerei ist angekündigt – die angenehm zurückhaltend präsentierte Textbildarbeit „More Survival“ der US-Amerikanerin ­Jenny Holzer aber eröffnet die Schau noch im Foyer des Kunstmuseums. Ein Laufband als Malerei? „Bilder werden Worte“ summierte der Kritiker Wolfgang Max Faust 1987 den breiten Strom entsprechender künstlerischer Äußerungen vor allem der 1980er ­Jahre. Holzers „More Survival“-Solo verneint Wurzeln und zeigt sich auch selbst entwurzelt. Die Deutungshoheit von Kunst, sagte Rudolf Scharpff jüngst dieser Zeitung, gehöre in das öffentliche Museum. Gehört aber, um diese Rolle überhaupt wahrnehmen zu können, nicht der kritische Vergleich zwingend hinzu? Die Einordnung in den mit dem Alles-und-nichts-Begriff Kontext meist oberflächlich skizzierten Zusammenhang von Zeitläuften und künstlerischen Positionen?

„Cool Place“ provoziert diese Frage, weil die Schau wie auch die gezeigten Werk­gruppen für sich bleiben. Albert Oehlen, ­guter Begleiter, Analytiker und oft genug Kommentator der Kunst seit den späten 1980er Jahren, setzt den „Cool Place“-Reigen im ersten Obergeschoss des Kunstmuseums-Kubus fort. Zehn Arbeiten sind versammelt – eine Ausstellung in der Ausstellung wie sie sich für Christopher Wool auf der gleichen Ausstellungsebene und für André Butzer im zweiten Obergeschoss ­wiederholt. Oehlen tritt als Souverän des Dazwischen auf, als Akteur des Aufscheinens und bewussten Verwischens – und ­allein schon Oehlens Großformat „Waffensammlung“ (2004) ist den Besuch der Ausstellung wert.

Eine Werkgruppe des US-Amerikaners Christopher Wools schließt sich an. Wools, dessen Buchstabenfigurationen Schule machten, Wools, der die Ornamentik zu kühler Blüte brachte, Wools schließlich, der das Raster im zwar expressiv bewegten, doch nicht nur farblich kalten Pinselstrich infrage stellt. Im besten Sinn ein Auftritt aus dem Lehrbuch – befeuert noch durch Skulpturen der Britin Rebecca Warren.

Sind Skulpturen Malerei? Um Malerei soll es ja bei „Cool Place“ gehen. Warrens Arbeiten lassen die Frage verstummen. Sie verbinden in sich künstlerische Äußerungsformen, in ihnen konzentriert sich die Kunstentwicklung seit 1900, sie sind die Überraschung dieser Schau und machen den ­Wool-Raum zum eigentlichen Herzstück der Ausstellung.

Das zweite Obergeschoss eröffnet mit einem Bilderreigen des in Berlin lebenden Stuttgarter Malers André Butzer. Von den aus der Auseinandersetzung mit der Bildwelt der Gruppe Cobra Ende der 1940er Jahre und der Neuen Figuration zu Beginn der 1960er Jahre entwickelten Figurationsstürmen bis hin zu nur mehr durch knappe weiße Linien durchzogene schwarze Farbräume. Eine Künstlerentwicklung ist ablesbar – die Frage, ob und wie sich Butzer innerhalb der aktuellen Malerei reibt, bleibt offen.

Wie meist, setzt Ulrike Groos auch für „Cool Place“ im dritten Obergeschoss mit Neo Rauch und Daniel Richter als Stars der 2000er Jahre auf Offenheit. Oder doch nicht? Ein Aufführungsraum für Darren Almonds Videoarbeit „Schacta“ von 2001 ist zum Schlossplatz hin eingestellt. Die Diskussion, ob Videoarbeiten malerisch sind, haben Bill Viola oder auch Tony Oursler erledigt. Das Almond-Solo in „Cool Place“ verrät darüber nichts, ist eher auch einfach da.

Mehr und mehr erscheint „Cool Place“ damit weniger als ein Fazit der Sammlungsarbeit von Ute und Rudolf Scharpff denn als Aufforderung, die Werke – unterstellt ganz im Sinn des Sammlerpaars – aus ihrer ­Geborgenheit herauszuholen. Entwicklungslinien sichtbar zu machen und unterschiedliche Positionen auf dem jeweiligen Weg kritisch zu hinterfragen – ist das nicht die Aufgabe öffentlicher Kunstmuseen? „Cool Place“ verlagert diese Fragestellung aus den Ausstellungsräumen in die am 30. September beginnende Gesprächsreihe „Private View – Privat gesammelt, öffentlich präsentiert“.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: