Die Motorsporthalle der Mercedes-Benz-Sammlung: Hier lagern weit über 100 Fahrzeuge an einem geheimen Platz Foto: Gottfried Stoppel

160 Exponate. Mehr geht nicht im Stuttgarter Mercedes-Benz-Museum. Doch die Sammlung des Konzerns wächst ständig. Die meisten historischen Autos lagern deshalb in geheimen Hallen. Ein Besuch hinter sonst verschlossenen Toren.

Stuttgart - Nico Rosberg macht mächtig Probleme. Nicht etwa, weil der Formel-1-Weltmeister des vergangenen Jahres zurückgetreten ist. Das hat man bei seinem Ex-Arbeitgeber Mercedes inzwischen verkraftet. Nein, vielmehr bringt der Titelgewinn des Rennfahrers die Mitarbeiter im Mercedes-Benz-Museum in Zugzwang. Positiver Art zwar, aber das Problem bleibt. „Die Rennabteilung sieht ohnehin schon fast aus wie ein Parkplatz“, sagt Kurator Benedikt Weiler mit kritischem Blick auf den einer Steilkurve nachempfundenen Bereich. Dort drängen sich die Erfolgsfahrzeuge. Platz für ein weiteres Auto? Fehlanzeige. Also wird ein Fahrzeug für Rosbergs Weltmeister-Wagen weichen müssen.

Etwa 160 Exponate finden sich im Museum, das in den elf Jahren seines Bestehens nicht nur zum Aushängeschild des Unternehmens, sondern auch zum Stuttgarter Publikumsmagneten avanciert ist. Nur 160, würde mancher wohl sagen. Denn die komplette Sammlung des Konzerns umfasst derzeit rund 1100 Fahrzeuge. Jedes Jahr kommen 30 bis 50 neue dazu. Belegstücke der aktuellen Serien sind ebenso darunter wie Rennfahrzeuge oder Oldtimer. Eine gewaltige Menge heiligs Blechle – die im Museum niemals Platz hätte.

Ein 20 Tonnen schwerer Kran tauscht Exponate im Museum

Und die sich dort auch nicht beliebig austauschen lässt. „Wir haben nunmal ein Hochhaus“, sagt Ursula Wehinger. Die Leiterin der Museumsentwicklung schwärmt von den Freiflächen für Sonderaktionen ums Haus herum, die sich dadurch ergeben haben. Sie macht aber auch keinen Hehl aus den Schwierigkeiten, die der imposante Bau für sie und ihre Mannschaft aufwirft. „Die Konzeption sieht vor, nicht ständig die Exponate durchzuwechseln.“ Das geht schon allein des Aufwandes wegen nicht. Sollen einzelne Fahrzeuge ausgetauscht werden, geschieht das montags, wenn für Besucher geschlossen ist. Dann fährt ein 20 Tonnen schwerer Kran auf Luftkissen ins Atrium. Brüstungen werden abgebaut, Spezialisten holen ein Auto aus dem Ausstellungsbereich und stellen ein anderes hinein. Das passiert nur einige Male im Jahr. Zusätzlich werden auf Sonderflächen immer mal wieder andere Fahrzeuge gezeigt. Ein Weltmeisterauto wie das von Nico Rosberg ist allerdings Pflicht. Doch wo steht das derzeit eigentlich?

Ortswechsel. Die Tür einer unscheinbaren Lagerhalle in der Region Stuttgart öffnet sich. Von außen deutet nichts darauf hin, welche Schätze sich darin verbergen. Doch wer nur ein bisschen Benzin im Blut hat, staunt ungläubig beim ersten Blick auf das Inventar. Dicht an dicht, so eng, dass man kaum durchkommt, stehen da die Rennautos. An die 150 mögen es sein, geballte Historie, Formel-1-Boliden, Tourenwagen, Safety Cars, Forschungsfahrzeuge. Rosbergs Weltmeisterauto steht mittendrin. An den Wänden reihen sich Porträts von Rennfahrern. Am hinteren Ende sind Autos wie im Setzkasten in Boxen übereinandergestapelt. „Adventskalender für Jungs“ nennen das die Mitarbeiter scherzhaft.

„Hier drin lassen sich Jahrzehnte Renngeschichte nachvollziehen“, sagt Jürgen Wittmann und schaut andächtig um sich. Wittmann ist Herr der gesamten Mercedes-Benz-Sammlung. Die umfasst nicht nur 1100 Fahrzeuge, sondern auch jede Menge historische Zeichnungen, Handbücher, Dokumente – ein Archiv mit 15 000 laufenden Regalmetern. Es sucht seinesgleichen.

Riesensammlung hinter geheimen Türen

Auch wenn mancher Autoliebhaber viel Eintritt zahlen würde, um allein die Motorporthalle zu sehen – die Türen öffnen sich nur sehr selten. Das Unternehmen hält die Standorte der rund ein Dutzend Hallen in Stuttgart und der Region geheim. Das bedeutet aber nicht, dass alles, was nicht im Museum Platz findet, für immer verborgen bleibt. Viele Fahrzeuge aus der Sammlung gehen auf Reisen. Sie nehmen an historischen Autorennen teil oder sind auf Sonderschauen weltweit zu sehen. „Unsere Aufgabe ist es, zu sammeln und zu bewahren – aber auch, unsere Sammlung für die Kommunikation und die Präsentation der Marke zu nutzen. Wir haben etwa 1000 Fahrzeug-Bewegungen pro Jahr. Das ist ein ständiges Hin und Her“, sagt Wittmann.

Dabei ändern sich die Ansprüche auch des Publikums. Früher wurden historische Wagen meist komplett restauriert. Heute ist man da deutlich vorsichtiger. „Es geht nicht mehr nur um Technik. Die Besucher, gerade die jüngeren, wollen auch die Geschichte hinter den Autos erfahren“, weiß Museums-Expertin Ursula Wehinger. Original-Patina ist da wichtig. Im Museum ist deshalb ein von Rapper Cro handbemaltes Auto zu sehen. Oder der 190 SL des Nasa-Astronauten David Randolph Scott, des siebten Menschen auf dem Mond.

Geschichten wie diese kann Wittmann zuhauf bieten. Die Tour geht weiter in eine andere Halle. Dort stehen Nachkriegsfahrzeuge. Ganz hinten parkt, ziemlich unscheinbar, eine ganze Reihe Papamobile. Darunter das berühmte Gefährt mit dem Glaskasten, in dem sich gleich zwei Päpste, nämlich Johannes Paul II. und Benedikt XVI., durch die Massen chauffieren ließen. Ein paar Meter weiter folgt auf die geistliche die politische Macht: die gepanzerte, fünf Tonnen schwere Limousine von Altkanzler Helmut Kohl. „Der saß gerne vorn“, erzählt Wittmann und lächelt. Und so geht es grade weiter. Etwa – in einer weiteren Halle – mit jeder Menge Oldtimern. Unvorstellbare historische Schätze hinter unscheinbaren Fassaden.

Ständig wird mehr Platz benötigt

„Wenn man nicht anständig sammelt, kann man nicht in Platznot geraten“, sagt Wittmann. Hier aber wird anständig gesammelt. Deshalb sind immer wieder neue Hallen notwendig. Und Überlegungen, wie es weiter gehen soll. Derzeit sucht der Konzern dem Vernehmen nach einen einzigen Standort in der Region für seine komplette Sammlung. Zudem soll das Classic-Center, die offizielle Oldtimer-Abteilung, vom heutigen Standort Fellbach früher oder später auf ein Gelände neben dem Museum in Bad Cannstatt ziehen. Die Details sind noch offen. Fest steht nur, dass sowohl Jürgen Wittmann als auch Ursula Wehinger sich vorstellen können, in diesem Zuge etwas mehr aus der Sammlung öffentlich zu machen. Etwa in einer Art Schaulager. „Nicht als Erweiterung des Museums oder als Konkurrenz dazu, sondern als Ergänzung“, so die Leiterin der Museumsentwicklung.

An möglichen Exponaten wird es nicht mangeln. Die Sammlung wächst ständig. Und das nicht nur durch Fahrzeuge, die aus dem eigenen Unternehmen kommen. „Wir haben weltweit ein großes Netzwerk“, sagt Kurator Weiler. Jeden Tag kämen mehrere Angebote. Seriöse, etwa von Autohändlern, sind ebenso darunter wie kuriose. Den WM-Bus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft von 1974 etwa hat man lange gesucht. „Da kamen Angebote selbst aus dem Iran und Aserbaidschan“, erinnert sich Ursula Wehinger und lacht. Auf Fotos war meist schnell zu sehen, dass es sich nicht um das Original handelt. Inzwischen steht ein entsprechend umgestaltetes typgleiches Modell im Museum. Doch gegen den ein oder anderen Fund eines Schatzsuchers hätte man nichts einzuwenden. Wittmann träumt von einem Rennwagen SSKL, der Ende der 20er nur kurz gebaut wurde. „Den gibt’s nicht mehr“, sagt er mit Bedauern – und hofft doch noch ein bisschen. Denn im zweiten Weltkrieg hat das Unternehmen diverse Fahrzeuge ins Ausland ausgelagert. „Manches haben wir später wiederbekommen, manches ist verschollen“, sagt Wittmann. Eine Art Bernsteinzimmer, nur mit Autos.

Nico Rosbergs Weltmeisterbolide wird die geheime Halle demnächst verlassen. Sobald im Museum Platz geschaffen worden ist. So mancher andere Schatz wird deutlich länger warten müssen, bis er ans Licht darf.

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