Markus Oehlen, Ohne Titel, 2005 Foto: © Markus Oehlen Foto: Anders Sune Berg, Kopenhagen

Wie kann, wie muss für ein ­Kunstmuseum die Zusammenarbeit mit Sammlerinnen und Sammlern aussehen? Das Kunstmuseum Stuttgart stellt von diesem Samstag an seinen Blick auf die Sammlung Alison und Peter W. Klein zur Diskussion. Eröffnet wird die Schau am 14. Juli um 19 Uhr.

Stuttgart - Zeit und Raum sind relativ. Das sagt sich so einfach. Sagt sich so dahin. Karin Kneffel aber macht es konkret, malt über Räume und Zeiten, malt Räume, in denen sich Zeitebenen verschieben, malt eine Zeit, die sich ihrer Räume nicht sicher sein kann. Nicht immer in der gültigen Konsequenz wie sie nun im Obergeschoss des Kunstmuseums-Kubus in Stuttgart vorzufinden ist. Nicht immer auch in dieser hier zu sehenden ­Präzision im Detail.

Überraschende Auftritte

Doch es kommt noch besser: Grundsätzlich sucht Kunst den Dialog – und hier, auf der Bühne der Malerei innerhalb der Sammlung Alison und Peter W. Klein, antwortet die Leipzigerin Franziska Holstein mit einer ebenso rohen wie still-poetischen malerischen Tonlage. 20 Jahre jünger als die 1956 geborene Kneffel, wagt Holstein buchstäblich den Aufstand. Noch einmal – wie es immer wieder sein wird in der Kunst. Und sie schafft sich einen Widerspruch, der fruchtbarer kaum sein könnte – im Zweidimensionalen, in der Malerei, erarbeitet sie in „Ohne Titel (Fernseher und Pflanze) eine Rauminstallation, besser: ein Ensemble.

Der Begriff ist besetzt. Neu besetzt. ­Nachdem er eigentlich schon vergessen war, ­abgelegt als Teil der Kunst der frühen 1970er ­Jahre. Die Wiederentdeckung hat einen ­Namen: Anna Oppermann. Und einen Stock tiefer als der durch Werke von Corinne ­Wasmuht nicht nur farblich befeuerte ­Dialog zwischen Kneffel und Holstein ist denn auch ein Ensemble von Anna ­Oppermann zu finden.

Anna Oppermanns Vermächtnis

„Ensemble mit Dekor (Über den Umgang mit Menschen, wenn Zuneigung im Spiel ist) – Dekor mit Birken, Birnen und Rahmen (Detail) 1969–1984–1992“ ist die Arbeit der 1993 gestorbenen Künstlerin überschrieben, zusammengesetzt ist sie unter anderem aus elf Fotoleinwänden, 16 Objekten, 107 Fotos, 77 Zeichnungen und 40 Textabschnitten.

Der in Klammer gesetzte (Unter-)Titel hat Stuttgarts Kunst­museumsdirektorin Ulrike Groos und den Berliner Galeristen Klaus-Gerrit Friese, seit vielen Jahren Wegbegleiter des Sammlerpaares Alison und Peter W. Klein, offenbar fasziniert. Er dient nun gleichermaßen als Hauptitel der Schau wie als Wegweiser durch die sich über die drei Kubus-Stockwerke erstreckende Präsentation.

Kunst muss etwas aussagen wollen

„Für mich und meine Frau“, sagte Peter W. Klein vor drei Jahren unserer Zeitung, „muss die Kunst etwas aussagen wollen, eine soziale oder gesellschaftspolitische Komponente haben“. Und dass eine Arbeit im besten Fall etwas „Abgründiges“ transportiere – „selbstverständlich und geheimnisvoll“. Man wird all dies fraglos in den Ensembles der mit kräftiger Mithilfe der früheren ­Berliner Galerie Gmeiner & Kienzle wieder entdeckten und 2007 umfassend im Württembergischen Kunstverein Stuttgart gewürdigten Anna Oppermann wiederfinden.

Und doch will das Oppermann-Ensemble, jüngste Erwerbung der Kleins, nicht so recht in die Sammlung passen. Das Problem der Kluft zwischen dem Gedachten der Wirkung und der Realität einer sehr wohl inter­pretatorische n, Distanz schaffenden ­Wiederherstellung bleibt ja. Die Titel-Klammer aber ist – bezogen auf das Eigene des Sammlerpaares – unschlagbar.

Engagiert vor Ort – in Nussdorf

Sammlungsbeginn Mitte der 1980er Jahre

Dem Wesen so nah – das ist der Anspruch, das ist die Botschaft. Dem Wesen der Kunst, aber doch vielleicht mehr noch dem Wesen der Künstlerinnen und Künstler. Dabei war ihm, wie er selbst offen bekennt, beides fremd, als er und seine Frau in den 1980er Jahren die Kunst für sich entdecken. „Ich ­entdeckte“, sagte der Unternehmer 2015 als Gast unserer Gesprächsreihe „Über Kunst“ , „dass es eine Welt außerhalb der Firma gab“.

Eigenes Museum am Firmensitz

1947 in Stuttgart geboren, verkaufte Klein 2007 die Rectus AG in Nussdorf, ­konzentrierte sich auf das Geschäft mit ­Immobilien und erwarb den ehemaligen Landsitz Glenmere Mansion nahe New York, den er zu einem hochklassigen Hotelbetrieb umgestaltete. Zugleich eröffnete er in Nussdorf das private Kunstmuseum Kunstwerk – ein Motor längst der Kunstvermittlung in die Schulen der Region hinein. „Ich wollte“, sagte Klein hierzu als „Über Kunst“-Gast , „meinem Dorf etwas zurückgeben. Ich wollte es auf die Landkarte bringen.“

Das ist Alison und Peter W. Klein fraglos gelungen – aktuell etwa ist in Nussdorf unter dem Titel „Beide / both“ eine Schau mit Werken des irisch-amerikanischen Malers Sean Scully und Arbeiten seiner Frau Liliane ­Tomasko zu sehen.

Kraftfeld Sean Scully

Gewichtig ist Scully nun auch im Kunstmuseum präsent. Ulrike Groos und Klaus-Gerrit Friese vertrauen, unterstützt durch die Kunstmuseums-Mitarbeiterin Sarah Donata Schneider, Scully den zentralen Oberlichtraum im Kubus an. Mit gutem Grund. Scully macht den sich über zwei Stockwerke erstreckenden Raum zu einem eigenen Ort, zu einem Kraftfeld, das weit ausstrahlt, Farbfeld, Farbraum und Farblandschaft zu einer untrennbaren Einheit macht.

Die eigentliche Wucht dieses Auftritts erschließt sich von der Oberlichtsaal-Brücke im ersten Obergeschoss aus. Der Blick geht weit hinüber zu Annette Kelms vierteiliger Fotoporträt-Serie „Lucie“, stößt gleichermaßen auf spürbare Ablehnung wie auf eine eigentümliche Tiefe.

Freier Eintritt an den Wochenenden

Künstlerbezüge in die Region

Kelm ist in Stuttgart geboren, und mit der Region verbinden sich auch Künstlernamen wie Thomas Müller, Katharina Hinsberg – oder auch die Jüngste im Klein-Parcours, die 1988 in Nürtingen geborene Ann-Kathrin Müller. Ihr vertrauen Ulrike Groos und Klaus-Gerrit Friese den Auftakt des zweiten (der Fotografie gewidmeten) Stockwerks an – mit Arbeiten über die Fotografie, mit ­Szenerien, die das unmittelbare Davor und Danach einschließen und provozieren.

Herausragend: Rosenbach und Oehlen

Geschickt spielt die Schau mit solchen Überraschungsmomenten – um so mehr, als sie nicht auf die weniger bekannten Namen beschränkt sind. Umwerfend bleibt ja Ulrike Rosenbachs Videoinstallation „Das Bild der Frau in der Nachkriegszeit“ von 1991, unbedingt den Ausstellungsbesuch lohnen die die Realität der Aborigines – die Sammlung Klein bietet die weltweit größte Privatsammlung an Kunst der Aborigines auf) ­thematisierenden Szenerien von Rosemary Laing, und Markus Oehlens „Poor Boy“ ist schlicht ein herausragendes Werk aktueller Malerei.

Eigenwillig widersprüchlich bleibt der Parcours über die drei Kubus-Stockwerke, doch die verbindende Kraft ist stark. Dem Wesen so nah – das bleibt, das trägt.

Samstags und sonntags freier Eintritt

Ort Kunstmuseum Stuttgart (Schlossplatz), bis zum 5. November (Di bis So 10 bis 18, Fr 10 bis 21 Uhr).

Eintritt Tickets für die Sonderausstellung Sammlung Klein (inklusive Sammlungsräume des Kunstmuseums) kosten 11 Euro (ermäßigt 8 Euro), Kinder unter 15 Jahre frei. Kostenfrei ist der Eintritt in die Sonderausstellung Sammlung Klein freitags ab 18 Uhr sowie samstags und sonntags ganztägig. Der Katalog kostet 25 Euro.

Reihe Am 19. Juli um 19 Uhr beginnt – mit Sean Scully, Peter W. Klein und Florian Steininger – eine sechsteilige Gesprächsreihe. www.kunstmuseum-stuttgart.de.

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