Jürgen Pintscher aus Esslingen-Mettingen liebt die Feiertage: Zu Ostern blüht er auf. Um sich das ganze Jahr über dieses gute Gefühl zu bewahren, sammelt er österliche Dekoartikel. Postkarten etwa. Sie bergen viele Geheimnisse und eine seltsame Art der Beschriftung.
Gern macht er es nicht. Doch dann überwiegt der Sammlerstolz über die Sammlersorgfalt. Widerstrebend holt Jürgen Pintscher aus Esslingen-Mettingen seine Schätze aus ihren schützenden Klarsichtfolien heraus: „Die sind alle geordnet und nach einem bestimmten System einsortiert“, sagt er wie zur Warnung an sich selbst. Doch dann kann er nicht mehr an sich halten. Er möchte zeigen, was er in vielen Jahrzehnten angesammelt hat, und reißt viele seiner Osterpostkarten ohne Rücksicht auf System und Ordnung aus den Hüllen heraus.
Es ist zu verlockend. Besucher dürfen seine geliebten Schätze nicht nur ansehen, sondern sie müssen auch mit zwei, drei Fingern sanft darüberstreichen. Manche österliche Postkarten, besonders aus der Zeit von 1900 bis in die 1930er Jahre hinein, sind Deluxe-Kunstwerke. Bei vielen ist das Motiv eingeprägt, manche wurden mit einer Gold- oder Lackfarbe aufgehübscht, fetzige Versionen sind mit kleinen Glitzersteinchen versetzt. Beim sensiblen Drüberstreichen können diese Verzierungen und Verschönerungen mit den Fingern erfühlt werden. In den Jahren während und nach dem Zweiten Weltkrieg war es mit einem solchen Luxus vorbei. Material war knapp, Geld war knapp, alles war knapp – meist wurde ein österlicher Gruß auf ungebleichtem Papier abgedruckt.
Kriegszeiten. Auch an den Osterpostkarten und ihrer Machart sind Not, Elend und Verzweiflung ablesbar. Heiteres gibt es in der Sammlung von Jürgen Pintscher aber auch. Eine Postkarte wurde nicht abgeschickt. Sie ist weder abgestempelt noch beschrieben. Er hat sie auf einer seiner Suchexpeditionen nach Sammelobjekten durch Flohmärkte und Auktionen dennoch gekauft.
Des Humoreffekts wegen. Eine mondän gekleidete Dame mit kessem Federhut lehnt lässig gegen ein großes, rotes Osterei. Aus einer Schnittstelle im Ei ragen winzige Männerbeine, -hände, -gesichter heraus. Die offensichtlich sehr willensstarke Dame lässt ihnen wenig Chancen, aus ihrem unbequemen Eiergefängnis zu entkommen: „Frohe Ostern“, steht ganz unten. Dass die Karte nicht abgeschickt wurde, zeugt von Sensibilität. Adressat oder Adressatin hätten pikiert reagieren können. Vielleicht hätte ihnen die Darstellung aber auch ein breites Lächeln entlockt.
Zu Ostern lässt der Esslinger Jürgen Pintscher die Hasen tanzen
Fantasie hat viele der Osterkarten kreiert. Radelnde Osterhasen, Fußball spielende Hühner, tanzende Lämmer gehören zu den Motiven. Viele Karten sind nur auf der Bildseite beschrieben, auf der Rückseite steht allein die Adresse. Diese Art des Schreibens ist kein Spleen der Absender, sondern postalischen Notwendigkeiten geschuldet, sagt Jürgen Pintscher. Auf der Rückseite von Postkarten durften bis 1905 nur die Adressen und keinerlei Mitteilungen platziert werden. Danach erhielten die Rückseiten der Karten Extra-Felder jeweils für die Adresse und für die Mitteilungen.
Keine Regel ohne Ausnahme. Jürgen Pintscher zieht aus seinen Klarsichtfolien mehrere Karten mit einem Poststempel nach der Zeit um 1905 heraus, bei denen nur die Bildseite beschrieben ist. Es könne sein, dass sich viele fleißige Kartenschreiber nur langsam an die neuen Modalitäten und das nun mögliche Beschreiben der Rückseite gewöhnen konnten, mutmaßt Jürgen Pintscher. Vermutlich hätten aber auch Menschen Karten aus der Zeit vor 1905 zu Hause gehabt, die sie erst Jahre später verschickt haben. Es seien bestimmt noch „alte“ Karten im Umlauf gewesen.
Karten und Beschreibmodus mögen sich im Laufe der Jahrzehnte verändert haben. Doch die Postkarteninhalte meist älterer Verwandter sind die gleichen geblieben. Eine „Eva“ wird auf einer der Karten aus der Sammlung von Jürgen Pintscher gefragt: „Was macht die Schule? Wie ist das Zeugnis ausgefallen?“ Nicht unbedingt Erkundigungen, die Schülerinnen und Schüler während der unterrichtsfreien Ostertage gerne beantworten. Aber selbst diese Fragen sind ein Stück Zeitgeschichte. Wie viele Großeltern noch zu erzählen wussten, begann bis in die Mitte der 1960er Jahre hinein mit dem Osterfest ein neues oder für die Abc-Schützen das erste Schuljahr. So konnte mit Osterpostkarten auch ein guter Schulstart gewünscht werden.
Doch auf vielen Postkarten ist das oft sehr klein Geschriebene schwer zu entziffern. Manches ist unleserlich. Aber eines fällt auf: Auf den Feldern für die Adressen werden weibliche Empfänger noch mit „Fräulein“ angesprochen – eine Anrede für unverheiratete Frauen, die inzwischen längst weggegendert wurde.
Aber Horst Pintscher achtet weniger auf solche Finessen. Er freut sich an den Motiven seiner Karten. Der in Hessen Geborene musste einen Teil seiner frühen Jahre aufgrund schwieriger familiärer Verhältnisse in einem Kinderheim verbringen. Ostern und Weihnachten waren Seelentröster in jenen oft schwierigen Zeiten, erinnert er sich. Die Liebe zu den Feiertagen hat er sich bis ins Erwachsenenalter bewahrt. Bis zu seinem 75. Geburtstag, den er am Ostersonntag feiert. Dann bekommt er wohl eher Geburtstags- als österliche Grußkarten – oder beides.
Sammler und Sammelobjekte
Person
Jürgen Pintscher wurde 1950 in Hessen geboren und kam der Liebe wegen an den Neckar. Seine Ehefrau Hannelore ist gebürtige Esslingerin. Doch der Umzug war kein großes Opfer. Er fühlte sich hier schnell heimisch: Viele Jahre hat er Wasserball beim SSV Esslingen gespielt, und württembergischer Meister im Schwimmen war er auch. Jürgen Pintscher ist gelernter Dekorateur und hat lange Jahre für Breuninger gearbeitet. Das Sammeln von Oster- und Weihnachtsartikeln ist seine große Leidenschaft.
Blütezeit
Mit Blick auf seine Sammlung bemerkt Jürgen Pintscher, dass im Ersten Weltkrieg sehr viele Osterpostkarten versandt wurden. Im Zweiten Weltkrieg wurde weniger fleißig geschrieben. In den letzten Jahrzehnten sind Osterpostkarten auch wegen der E-Mails wieder aus der Mode gekommen.