Samir Bellahcene wird nur ein halbes Jahr für den TVB Stuttgart spielen. Bevor der französische Europameister ins Ausland weiterzieht, soll er zum Trumpf im Kampf gegen den Abstieg werden. Was zeichnet den 29-Jährigen aus?
Wie die Integration von Samir Bellahcene lief? „Ganz leicht. Er muss sich ja nur ins Tor stellen und Bälle halten“, sagte Geschäftsführer und Trainer Jürgen Schweikardt nach dem Debüt des französischen Nationaltorwarts am vergangenen Sonntag im Dress des Handball-Bundesligisten TVB Stuttgart. Der 29-Jährige konnte die 29:33(15:15)-Niederlage bei den Füchsen Berlin nicht verhindern. Doch er zeigte auf Anhieb, dass er zum entscheidenden Trumpf im Kampf gegen den Abstieg werden kann.
Mit spektakulären Paraden brachte er vor der Pause die Füchse fast zur Verzweiflung. Aber eben nur vor der Pause. In der 37. Minute löste ihn Miljan Vujovic ab. Der hielt nur zwei Bälle. „Mit der Torwartleistung der ersten Halbzeit hätten wir etwas Zählbares mitgebracht“, ist sich Schweikardt sicher.
Konstant gute Leistungen muss Bellahcene nun im Zusammenspiel mit seinem fünf Jahre jüngeren Gespann-Partner also über die kompletten 60 Minuten auf die Platte bringen. Und zwar möglichst schon an diesem Donnerstag (19 Uhr/Porsche-Arena) gegen den HSV Hamburg. Nach mickrigen 2:20 Punkten ist der Druck riesig. Bellahcene, dieser ohnehin positiv-offene Typ, dieses extrovertierte Emotionsbündel, sprüht vor Optimismus: „Der Wille ist da, das Potenzial in der Mannschaft ist da, ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir drinbleiben.“
Zuletzt wenig Spielanteile in Kiel
Diese knifflige Mission Klassenverbleib war genau das, was ihn gereizt hat, zum TVB zu kommen. „Die Wichtigkeit dieser Aufgabe ist für mich ein großer Ansporn. Es geht hier um den Verein, die Mannschaft und auch um die Menschen auf der Geschäftsstelle. Ich werde mein Bestes geben“, verspricht er. Zuletzt beim THW Kiel bekam er nicht mehr die Chance, das zu zeigen. Bellahcene hatte hinter dem deutschen Nationaltorwart Andreas Wolff und dem tschechischen Auswahlkeeper Tomas Mrkva nur noch ganz wenig Spielanteile.
Seine Zeit beim deutschen Rekordmeister möchte er dennoch nicht missen: „Das vergangene Jahr in Kiel war sehr schön für mich. Ich konnte mein erstes Champions-League-Final-Four mit dem THW spielen, und meine Tochter wurde dort geboren.“ Auch die Zusammenarbeit mit Wolff sei angenehm gewesen. „Ich konnte viel von ihm lernen und mich mit ihm austauschen“, sagt Bellahcene, dessen Vorbild früher der dänische Weltklassetorwart Niklas Landin war. Auch seine Landsleute Thierry Omeyer und Vincent Gerard hätten ihn inspiriert.
Hunger auf Erfolge
Überhaupt Frankreich. Der Gewinn des EM-Titels mit den Les Bleues vergangenen Januar war sein bisher größter Triumph. Jetzt hat er Appetit auf mehr bekommen. „Durch seine jüngsten Erfolge bringt er viel Biss mit. Samir will auch jedes Aufwärmspiel gewinnen, diese Mentalität tut uns gut“, betont Schweikardt mit Blick auf die anspruchsvollen kommenden Monate.
Wobei Bellahcene der Kampf gegen den Abstieg gar nicht fremd ist. Während seiner Zeit bei Dunkerque HBGL erlebte er „emotionale und stressige Spiele“ im Tabellenkeller der ersten französischen Liga. Davor spielte der Mann mit den algerischen Wurzeln in seiner Geburtsstadt Montpellier, zeitweise zusammen mit dem derzeit verletzten TVB-Spieler Jonas Truchanovicius. Bellahcene stammt aus einer großen Sportfamilie, sein jüngerer Bruder Nassim spielt ebenfalls Handball in den Niederlanden bei HV KRAS/Volendam, der Vater war ein erfolgreicher Boxer.
Dinamo Bukarest lockt
Sein Engagement in Stuttgart ist auf ein halbes Jahr beschränkt. Dann zieht Bellahcene weiter. Der Vertrag bei einem neuen Verein ist bereits unterschrieben, verraten will er ihn noch nicht. Nach Informationen unserer Redaktion handelt es sich dabei um den rumänischen Champions-League-Teilnehmer Dinamo Bukarest. Das passt ganz gut zu seinen Fernzielen, irgendwann in seiner Karriere die Königsklasse gewinnen zu wollen und den WM-Titel mit Frankreich zu holen. Doch davor hat er noch eine Aufgabe zu erledigen: die Mission Klassenverbleib mit dem TVB. Dafür muss er sich ja nur ins Tor stellen und Bälle halten.
Ergebnisse und Termine
Pflichtspiele
SC DHfK Leipzig – TVB Stuttgart 33:24, TVB – SG Flensburg-Handewitt 25:39, HC Erlangen – TVB 25:26, TVB – VfL Gummersbach 28:35, TVB – HSG Wetzlar 23:26, HSC 2000 Coburg – TVB (25:22/DHB-Pokal, zweite Runde), THW Kiel – TVB 29:24, TVB – MT Melsungen 27:36, TBV Lemgo Lippe – TVB 28:24, TVB – SC Magdeburg 25:36, TSV Hannover-Burgdorf – TVB 33:20, Füchse Berlin – TVB 33:29, TVB – HSV Hamburg (28. November, 19 Uhr), TVB – Frisch Auf Göppingen (5. Dezember, 19 Uhr), SG BBM Bietigheim – TVB (9. Dezember, 19.30 Uhr), ThSV Eisenach – TVB ( 14. Dezember, 20 Uhr), TVB – Rhein-Neckar Löwen (23. Dezember, 19.30 Uhr), TVB – 1. VfL Potsdam (27. Dezember, 19 Uhr). (jüf)