Sami Khedira vor der Fußball-WM 2018 „Es gibt keine Grenzen für mich“

Von Marco Seliger 

Voller Einsatz im letzten WM-Test: Sami Khedira gegen Saudi-Arabien Foto:  
Voller Einsatz im letzten WM-Test: Sami Khedira gegen Saudi-Arabien Foto:  

Nationalspieler Sami Khedira spricht vor der Abreise des DFB-Teams über die Titelchancen bei der WM, seine beseitigten Zweifel an sich selbst, das Gastgeberland – und den Fall Erdogan.

Stuttgart - An diesem Dienstag ist es so weit. Sami Khedira besteigt mit seinen Teamkollegen der Nationalelf das Sonderflugzeug LH 2018 in Frankfurt, wo von aus es von 13 Uhr an vor die Tore Moskaus in Richtung WM-Quartier geht. Vor dem Abflug gibt Khedira Einblicke in seine Gefühlswelt – auch, was sein verpasstes Finale von 2014 angeht.

Herr Khedira, 2014 haben Sie dem Bundestrainer wenige Minuten vor dem Anpfiff des WM-Finals in Rio mitgeteilt, dass Sie aufgrund einer Verletzung nicht spielen können. Wie groß ist Ihre Sehnsucht, am 15. Juli in Moskau Ihr erstes WM-Finale zu spielen?
Keine Sorge, ich habe nicht das Gefühl, 2014 etwas verpasst zu haben, und ich habe auch kein Trauma oder so etwas. Natürlich wünsche ich es mir immer, auf dem Platz stehen zu können, aber ich würde im Rückblick alles wieder genauso machen. Sowohl für mich selbst als auch für das gesamte Team wäre es die absolute Krönung, wenn wir den WM-Titel in Russland verteidigen.
Sie sagen, Sie hätten 2014 beim Finale nichts verpasst, obwohl Sie nicht selbst spielten. Das müssen Sie genauer erklären.
Ich bin ein Mannschaftssportler, ansonsten könnte ich Tennis oder Golf spielen. Ich habe es von klein auf in der Jugend so gelernt, dass man nur mit seinen Teamkollegen zusammen etwas gewinnen kann. Und wenn ich nicht in der Lage bin, diesen Kollegen zu helfen, warum auch immer das der Fall ist, dann muss ich so ehrlich sein und das klar sagen. Es wäre 2014 beim Finale viel schlimmer gewesen, wenn ich gespielt hätte und dann nach zehn Minuten hätte ausgewechselt werden müssen. Dann hätte ich heute noch Albträume. So ist alles gut.
Kann die aktuelle Mannschaft eine ähnliche Gier auf den Erfolg und einen ähnlichen Zusammenhalt entwickeln wie das Team von 2014?
Glauben Sie mir, jeder, der 2014 dabei war, hat noch den Weg zum Titel im Kopf, und der war steinig. Die Vorbereitung war teils schwierig, die beiden Vorrundenspiele gegen Ghana (2:2) und die USA (1:0) und das Achtelfinale gegen Algerien (2:1 nach Verlängerung) waren zwar erfolgreich, aber nicht gut. Deshalb gab es auch Reibereien und Meinungsverschiedenheiten. Wir haben es dann geschafft, füreinander da zu sein und Egoismen hintenanzustellen.
Kann die aktuelle deutsche Mannschaft von 2018 auch so einen Geist entfachen?
Dieses Gefühl beginnt schon jetzt, in der Vorbereitung, aufs erste Spiel. Die Qualität und den absoluten Hunger auf den Erfolg sehe ich auch jetzt. Wenn ich durch unsere Reihen schaue, dann sehe ich Spieler, die teils Jahr für Jahr Meister werden, die in Champions-League-Finals spielen. Auch bei der WM will jetzt jeder wieder nach ganz oben. Es geht darum, wieder diesen Spirit zu entfachen, den andere Mannschaften nicht haben und daraus seinen Vorteil zu ziehen.
Wie können Sie so etwas als erfahrener Spieler innerhalb des Teams steuern?
Das kann man nicht steuern - man muss es mit Leidenschaft jeden Tag vorleben. Man kann so viel erzählen, wie man will, man muss es zeigen. Sowohl die Spieler als auch der Trainer können das Feuer entfachen. Dafür gibt es aber kein Rezept. Sonst könnte man ein Buch drüber schreiben, und jede Mannaschaft der Welt könnte es anwenden. Der spezielle Geist muss aus dem Team heraus kommen. Es gibt dabei diese Schlüsselmomente, die so man so kurz vor dem Turnier noch gar nicht absehen kann. Ich kann nur sagen, dass unsere Grundvoraussetzungen schon mal stimmen. Jeder arbeitet hart und kämpft um seinen Platz.
Sie gehören seit den Rücktritten von Philipp Lahm, Per Mertesacker und Miroslav Klose endgültig zu den sogenannten absoluten Führungsspielern im Team. Wie definieren Sie Ihre Rolle?
Ich will durch Leistung und durch harte Arbeit vorangehen. Wenn ich das nicht abrufe, habe ich eh nichts zu sagen. Ich bin kein Lautsprecher, es geht darum, sich sportlich weiterzuentwickeln und immer einen Weitblick zu haben. In der Kommunikation mit den Spielern ist es wichtig, dass man ein Gespür für den anderen entwickelt. Ich rede mit Antonio Rüdiger anders als mit Mesut Özil, und mit Manuel Neuer natürlich noch mal ganz anders. Da geht es um die Herkunft, ums Alter, um den Charakter, da muss man auf den anderen individuell eingehen. Man kann aber nicht ständig irgendwas erzählen, dann wird man irgendwann mal unglaubwürdig.
Herr Khedira, Sie haben zuletzt davon berichtet, dass Sie vor drei Jahren überlegten, Ihre Karriere zu beenden. Sie sahen sich damals nach einigen Verletzungsproblemen nicht mehr in der Lage, sich mit den Besten messen zu können. Wie kam es konkret zu den Zweifeln und was ist seither passiert, dass Sie gestärkt aus dieser Situation hervorgehen konnten?
Ich hatte eine Saison hinter mir, die nicht auf höchstem Niveau war. Ich habe mich dann gefragt, was ich will und wofür ich stehe und bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich viele Dinge bei mir persönlich ändern muss.
Was genau?
Mir wurde klar, dass ich viel individueller für mich arbeiten muss. Ich habe mir auf vielen Gebieten Spezialisten dazugeholt, die mich weiterbringen können. Mir war klar, dass ich viel Energie und Lust hatte, wieder fit zurückzukommen. Es war nur klar, dass ich dafür viel Zeit investieren muss. Auch dank des tollen Teams um mich herum habe ich jetzt seit knapp zwei Jahren so gut wie keine Verletzung mehr gehabt. Es gibt gerade keine Grenzen nach oben für mich.
Auch die deutsche Mannschaft will bei der WM in Russland wieder zum Höhenflug ansetzen – wer ist eigentlich der härteste Titelkonkurrent?
Momentan am besten gefallen mir die Spanier. Sie haben immer noch einen guten Stamm aus den vergangenen Jahren, dazu rücken unheimlich talentierte Spieler nach. Ich habe einige Partien von ihnen gesehen, im März haben wir selbst gegen sie gespielt (1:1 in Düsseldorf, d. Red.), da waren sie sehr stark.
Was macht die Spanier so stark?
Sie haben einen tollen Torwart, eine extrem starke Abwehr, im Mittelfeld sind sie total ausgewogen und haben eine tolle Balance, vorne sind sie auch stark, und generell haben sie eine hohe individuelle Qualität mit einigen Weltklassespielern.
Sie sind bekannt als mündiger und reflektierter Spieler. Haben Sie Ihren Mitspielern Mesut Özil und Ilkay Gündogan eigentlich mal die Ohren lang gezogen nach deren Treffen mit dem türkischen Präsidenten – oder ihnen hinterher zumindest gesagt, dass Sie sich mal klarer dazu positionieren sollen?
Das alles liegt nicht in meiner Macht. Die Jungs sind nicht ganz auf den Kopf gefallen, sie haben ein privates Umfeld und ihre Berater. Sie wissen, was sie gemacht haben und wie sie damit umzugehen haben. Ich persönlich verstehe mich gut den beiden, und deshalb habe ich mich mit ihnen auch darüber unterhalten, und ich habe auch meine Meinung dazu. Mesut und Ilkay sind deshalb aber keine besseren oder schlechteren Menschen. Die beiden haben sich nicht verändert. Das sind gute und intelligente Jungs.
Mit welchen Gefühlen und Ansichten werden Sie an diesem Dienstag, was das Gastgeberland betrifft, nach Russland zur WM reisen?
Außer den sportlichen Dingen können wir recht wenig beeinflussen. Wichtig für mich ist es aber, Fußballdeutschland zu repräsentieren. Es geht um Werte, die wir vertreten. Ich bin in Deutschland geboren, ich weiß, was für uns wichtig ist. Wir leben in einer Demokratie, ich kenne die Menschenrechte, die in Deutschland vorgelebt werden. Es ist das wichtigste, dass wir uns in Russland nicht verstellen und das was, ich gerade aufgezählt habe, demonstrieren. Das will ich als Mensch und Sportler vorantreiben. Mehr steht nicht in meiner Macht.

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