Jossi Wielers überzeugende Inszenierung von Hugo von Hofmannsthals Drama „Das Bergwerk zu Falun“ bei den Salzburger Festspielen – mit Stuttgarter Beteiligung.
Salzburg - Immer muss man sich entscheiden. Elis Fröbom zum Beispiel: Will er leben oder sterben? Will er Seemann sein oder Bergmann? Will er die bodenständige Bergmannstochter Anna oder die ätherische Bergkönigin lieben? Er wankt und schwankt. Und ohne viel zu verraten: Man ahnt, wohin es diesen depressiven Menschen mit dem Engelsgesicht, dem kinnlangen Haar und dem schwarzen Kajalstrich unterm Auge ziehen wird.
Elis (Marcel Kohler), nach dem Tod von Freund, Vater und Mutter des Lebens müde, wird schon lernen „zu fühlen, was er muss“, wie die Bergkönigin sagt. So wie sein Vorgänger Torbern, der bald 200 Jahre alt wird, keine Lust mehr hat zu dienen und einen Nachfolger sucht. Mit schlurfenden Bewegungen, grantig, knurrend, wunderbar zauselig lauert André Jungs Torbern dem Elis auf, verkündet dann aber: „Mich ekelt seine Dumpfheit“. Gehen will er, aber ein anderer soll auch nicht kommen.
Jossi Wieler inszeniert das selten gespielte Stück
So trägt es sich in Hugo von Hofmannsthals Drama „Das Bergwerk zu Falun“ zu, das am Samstag mit einjähriger Corona-Verspätung als Beitrag zum 100-Jahr-Jubiläum der Salzburger Festspiele Premiere gefeiert hat und anders als andere Theaterproduktionen nur in Salzburg zu sehen ist: Die Männer sind angezählt, unstet, haltlos. Die Frauen hingegen wissen, was sie wollen. Die Bergkönigin, herrisch und kühl (Sylvana Krappatsch, Ensemblespielerin im Schauspiel Stuttgart) verlangt nach einem Gespielen. Bergmanntochter Anna (Lea Ruckpaul, die vor einigen Jahren in Stuttgart engagiert war) verlangt nach einem guten, erfolgreichen Mann.
Regisseur Jossi Wieler, der ehemalige Stuttgarter Opernintendant und häufige Gast in Salzburg, macht schon klar, dass Frauen nicht besser sind, nur stärker, vielleicht. Gleichwohl passt diese Schwäche-Stärke-Verteilung zur (Alte)-Weiße-Männer-Debatte. Das 1945 posthum in Konstanz uraufgeführte und selten gespielte Stück erweist sich aber in der klug gekürzten Fassung auch als eine berückend aktuelle Inszenierung über Zeit und Vergänglichkeit, Lebenswut und Todesangst.
Eine Welt im Wanken
Märchenhafte Gruselfilmtöne (Musik: Lars Wittershagen) treffen auf Gewittergrollen zu bröckelnder Bühnenkulisse. Das darf man als eine der ironisch feinen Anspielungen verstehen, für die Jossi Wieler berühmt ist, hier auf gesellschaftspolitische Kräfteverhältnisse im Umgang der Politik mit der Kunst während Corona. Weshalb es völlig in Ordnung geht, dass die von Muriel Gerstner gestaltete Bühne im Landestheater Salzburg albtraumhaft dunkel ist und die Steine, mit denen hier Welten, Bergwerke und Königreiche gebaut werden, hohl sind und leicht einstürzen. Eine Welt ist im Wanken.
„Lebt nicht und stirbt nicht“, sagt denn auch André Jung über eine Figur, die schlecht atmet. Er sagt er mit einer solchen Bitterkeit über die eigene Machtlosigkeit, daran etwas zu ändern, dass einem das nicht anders vorkommen kann als ein Hinweis auf Corona-Infizierte an Beatmungsgeräten im Krankenhaus. So wird einem man schon nach ein paar Minuten tränenschwer ums Herz.
Hildegard Schmahl gurrt und spöttelt
Aber nicht lang, denn da gibt es: Hildegard Schmahl. Es ist ihr Abend. Sie verkörpert mit einer Wucht und Lust, Tiefe und Leichtigkeit alle Facetten des Menschseins, des Frauseins. Eben grämt sie sich als altes Fischerweib um den an Luftnot erkrankten Sohn, schon streift sie den grauen Kittel ab und verwandelt sich in die junge Ilsebill. Sie schüttelt kokett den Kopf, das weiße Haar wallt, sie gurrt, spöttelt und kost den Exfreund Elis. Selbst wenn er sie unhöflich fragt, „so schön warst du, wo hast dus hingetan?“, lacht sie ihm vergnügt ins Gesicht.
Dagegen ist er machtlos. Ein heißer Kuss, bevor der Lebensmüde geht, um unten im Stollen im Bergwerk zu Falun sein Schicksal zu besiegeln. Was für eine Szene zwischen der 81-jährigen Schauspielerin und dem 30-jährigen Schauspieler. Und was für ein cooler, klarer Kommentar zur Debatte darüber, wie jung und alt Schauspieler in Ensembles sein sollen und ob nur Junge Junge und Alte Alte spielen dürfen. Alles, alles ist erlaubt. Wenn es so großartig gespielt wird wie von Marcel Kohler und Hildegard Schmahl.
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Info
Weitere Termine
Gespielt wird die 90-Minuten-Inszenierung „Das Bergwerk zu Falun“ von Hugo von Hofmannsthal bis zum 21. August im Landestheater Salzburg. Nächste Aufführung: 9. August. www.salzburgerfestspiele.at