Obacht, Bürschchen: Sandra Hüller als Amazonenkönigin Penthesilea mit Jens Harzer als Achilles in Kleists Drama „Penthesilea“, inszeniert von Johan Simons. Das Publikum bei den Salzburger Festspielen applaudiert den zwei Schauspielerin stehend. Foto: APA

Acht Stunden Schauspiel mit Sandra Hüller in Heinrich von Kleists „Penthesilea“ und Sophie Rois in Hamsuns „Hunger“. Warum ein Besuch der Salzburger Festpiele in diesem Jahr besonders lohnenswert ist.

Salzburg - Gleich nach der Vorstellung ist Sandra Hüller ins Café Bazar gegangen. Lange sitzt sie nicht unbehelligt da, als ein ordentlich geschniegelter junger Mann vor ihrem Tisch strahlend haltmacht und heftig gestikulierend einige Worte zu der Schauspielerin sagt, begeistert nach links deutet, da sind offenbar noch andere Bewunderer. Wieder so einer, der sie entweder in dem Kinofilm „Toni Erdmann“ gesehen hat oder gerade eben im Landestheater, das nur wenige Schritte von Salzburgs schönem Kaffeehaus entfernt liegt. Heinrich von Kleists „Penthesilea“. Alle Figuren hat der Regisseur Johan Simons gestrichen bis auf Achilles und die Titelheldin. Jens Harzer, der an der Seite von Sandra Hüller spielt, kommt später ins Café, sitzt im holzgetäfelten Innenraum und überlässt die Bühne auf der Terrasse seiner Kollegin.

Auf der Theaterbühne sah das anders aus. Da hält Achilles sich nicht vornehm zurück. Penthesilea kann einen Mann nur lieben, nachdem sie ihn im Kampf besiegt hat. Achilles ist zu stark für die Amazonenkönigin. Weil er sie aber partout besitzen will, gibt er vor, sie habe ihn besiegt. Nachdem sie sich machismohaft geriert und Siegerposen einnimmt, ihn generös verschont und zu lieben bereit ist, scheitern die beiden an der banalen Frage: Gehen wir zu mir oder zu dir? Gönnerhaft belehrt Jens Harzers Achilles die gerade noch triumphierende Penthesilea von Sandra Hüller, ER sei in Wirklichkeit der Gewinner.

Atome mit Bindungsangst

Johan Simons ist weniger an einem Liebesdrama zweier Kriegshelden interessiert. Keine Erotik in der Hitze der Salzburger Nacht. Simons umkreist den Geschlechterkampf, macht aus dem Stück das Me-too-Drama des Jahres, entscheidet sich für eine Erkundung der Liebesfähigkeit der Menschen von heute. Hüllers und Harzers Helden wollen den andern nur als Kriegsbeute, den Skalp. Es treffen zwei überzeugte Singles aufeinander, beziehungsunfähig beide. Sie wollen sich schon öffnen, eigentlich, schaffen es aber nur in wenigen, umso anrührenderen Momenten. Meist umtänzeln sie einander wie Boxer, die sich abtasten, knuffen, kneifen, um zu sehen, wie sie dem anderen den entscheidenden Schlag verpassen können. Dazu passen die Bühne, dunkel wie der Kosmos, und die Kostüme – bodenlange Röcke, Hemd und Brustbinde –, die an Kampfkünstler aus Asien erinnern. Ihre Körperlichkeit ist sehr ästhetisch, man erlebt zwei Stunden lang selbstverliebte, schier autistische Helden. Zwei Atome mit Bindungsangst, die sich beim Reden gern selbst zuhören. Was sie sagen, wird gebrochen, durch Ironie im Ton und körperliche Distanz.

Gleichberechtigung scheint unmöglich

Fast schon aus Versehen stirbt einer bei diesem seltsamen Liebesgeplänkel. Der Mann hat nicht damit gerechnet, dass die Frau beim zweiten Kampf, der nur ein Spiel sein soll, Ernst macht – aber auch verliert. Penthesilea hat Achilles nicht erobert, sondern ausgelöscht. Zweisamkeit ist nicht möglich unter Helden. Wirkliche Nähe, Gleichberechtigung gar, scheint unmöglich. Simons’ Leistung und die der präzise, konzentriert agierenden Schauspieler: unsere Gesellschaft und ihre Liebesunfähigkeit auf die Bühne zu bringen. Hüllers Penthesilea hat die Ehre ihres Geschlechts gerettet, am Ende steht trotzdem der Tod. Harzer und Hüller vor allem, die sich Kleisttext höchst musikalisch aneignet, haben den Applaus im Stehen verdient.

Grandiose Schauspielerinnen

„Penthesilea“ war die erste Theaterpremiere der Festspiele, für die man vor allem der hervorragenden Frauen wegen nach Salzburg reist. Denn klar sind die Leute promirnarrisch; und macht man sich auf den Weg ins Zentrum der Festspielstadt, stolpern Leute, das Smartphone fotografierbereit in der Hand, über die Füße der Passanten, sobald Bodyguards und Polizeiwagen vor dem Festspielhaus stehen. Ein wirklicher „Star“ indes, ein Künstler wie der Geiger Augustin Hadelich, wartet derweilt unerkannt an der Ampel neben der Pferdeschwemme am Karajan-Platz. Auch der Schauspieler Samuel Finzi, wie ein Camping-Tourist in Flipflops, Jeans-Shorts und ungebügeltem Motto-T-Shirt wird in Berlin wohl nicht so ungestört im Café Text lesen wie im Café Tomaselli, wo anscheinend schon Mozart seine Mandelmilch trank. In den Kaffeehäusern werden bereits am Vormittag Tortenstücke aus der tragbaren Vitrine bei der hübschen Kuchenträgerin Fräulein Julia ausgewählt, dann wird vom Venedigurlaub getratscht und die unmäßige Hitze („wir sind zerflossen!“) in manchen Spielstätten beklagt. Es wird aber auch über Kunst geredet. Über die neue Salome-Sängerin Asmik Grigorian und über „Pique Dame“, über Mavie Hörbiger, die mit Finzi in David Grossmans „Kommt ein Pferd in die Bar“ zu sehen ist. Und über den sechs Stunden dauernden Castorf-Marathon, auf den man sich freut. Oder auch nicht. Die Frau am Nachbartisch beschwört ihre skeptisch dreinschauende Bekannte: „Allein schon Sophie Rois wegen“ lohne sich das.

Knut Hamsuns Prosagebirge

Und ja, so ist es. Der ehemalige Intendant der Berliner Volksbühne, Frank Castorf, der sich zuletzt mit seiner Bemerkung unbeliebt machte, er kenne eher wenige herausragende Regisseurinnen, ermöglicht Frauen auf der Perner Insel in Hallein große Auftritte. Dass der norwegische Dichter Hamsun sich den Nazis andiente, wird ausdrücklich thematisiert. In dem Zusammenschnitt von Hamsuns Romanen „Hunger“ und „Mysterien“ dreht sich auf Alexandar Denics Bühne – Holzhütten, McDonalds-Filiale, SS-Runen und Nazi-Werbeplakate – alles reichlich angestrengt um mögliche Zusammenhänge von Künstlertum, Kapitalismus, Leidenschaft und drohendem Faschismus. Der Hunger bezieht sich nicht auf einen Mangel an Ballaststoffen und Protheinen, sondern auf einen Mangel an Sinn. Hier droht die Wut des weißen Mannes in Menschenverachtung abzudriften, Parallelen zum Hier und Heute sind nicht ausgeschlossen. Figuren werden von mehreren Schauspielern verkörpert. Den Männern kommt der Part des wahlweise sich wirklich selbst zerfleischenden Künstlers (Marc Hosemann) zu und des jimmernden Außenseiters (Lars Rudolph). Sie sind arrogante, rülpsorgienfeiernde Zyniker (Josef Ostendorf), niederträchtig und gemein (Daniel Zillmann), allenfalls hoffnungslos romantisch, wenn ein sehr junger Schauspieler wie der 17 Jahre alte Rocco Mylord auftritt. Die Frauen dagegen sind resolut, geheimnisvoll, rastlos und inbrünstig in ihrer Verzweiflung (Lilith Stangenberg). Wie stark im Leiden: eine der eindrucksvollsten Szenen, als Daniel Zillmann Sophie Rois demütigen zum Biertrinken und Zähneknirschen zwingt und sie angewidert fragt, warum diese Tortour erleiden soll. Bis kurz nach Mitternacht muss man freilich ausharren, will man über das innige Liebes-Duett von Kathrin Angerer und Sophie Rois staunen.

Wer dieses steinige Prosagebirge inmitten des Salzburger Alpenvorlands erklommen hat, erwirbt alles Recht auf Tee, Zitronensoda und mehrere Tomaselli-Tortenstücke am nächsten Tag und auf die Betrachtung banaler Kaffeehaus-Szenen von einer Dame mit Hündchen, von Paaren und Passanten. Und sollte überhaupt ein wenig ruhen, das nächste Schauspielerinnen-Gipfeltreffen findet am 18. August statt: die Stuttgarterin Katja Bürkle, Valery Tscheplanowa, Patrycia Ziolkoswka spielen Aischylos’ „Die Perser“.

Info:

Weitere Aufführungen: Kleists „Penthesilea“ im Landestheater: 9. August, die Inszenierung ist in der kommenden Saison auch im Schauspiel Bochum zu sehen, wo der Regisseur Johan Simons als Intendant an den Start geht. Hamsuns „Hunger“ auf der Perner Insel in Hallein: 10., 11., 13.,15., 17. und 20. August. Die Wiederaufnahme des „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal mit der sensationellen Stefanie Reinsperger ist noch am 9. , 11., 12., 14.,16., 19., 21. und 27. August auf dem Domplatz zu erleben. Alle Aufführungen von Grossmans „Kommt ein Pferd in die Bar“ sind ausverkauft.

Die nächste Premiere: 18. August im Landestheater: Aischylos’ „Die Perser“. Ulrich Rasches Inszenierung ist eine Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt, dort wird das Stück im Herbst gezeigt.

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