Der weiße Mann steht derzeit unter Generalverdacht in Film und im Theater – auch bei den Festspielen in Salzburg und Bregenz. Mit Lars Eidinger als Jedermann wird große Kunst daraus.
Salzburg/Bregenz - Bis das Licht gelöscht ist in den Sommertheatern in Salzburg und Bregenz, redet das Publikum nur kurz von Kleidern („hab ich in den Hackeschen Höfen gekauft“). Dafür ausgiebig über Theater: „Irgendwas von Brecht“ habe man in Berlin gesehen, sagt eine Dame. Der Gatte redet von Zeiten in Bayreuth und Schlingensief. Eine Dame raunt einer andern zu, dass sie „gestern erst“ mit einer Freundin geredet habe, die 1960 die Laute im „Don Giovanni“ gespielt habe, und dass der neue „Giovanni“ in Salzburg sie nicht überzeuge. Vor einer „Jedermann“-Aufführung jubiliert ein Enthusiast, „Cleeever“ spiele mit (also Edith Clever). Und, sagt seine Gattin: „die mit der berühmten Familie“ – Mavie Hörbiger.
Die Haare der Buhlschaft
Und dann ist da noch der Sexismusfall: die Haare der Buhlschaft Verena Altenburger. So kurz! Und die von Jedermann Lars Eidinger. So lang! Selbst die Oberweite der Buhlschaft wurde zum Aufreger. So ist das im großen Sommertheater. Festspiele, in Bregenz und erst recht in Salzburg, funktionieren wie die Champions League im Fußball: Das Publikum freut sich auf die Besten der Besten, auf die großen Namen. Die Frage, ob Schauspielertheater noch relevant sei, erübrigt sich. Mit Performances allein bekäme man die Ränge nicht voll.
Wie unterm Brennglas lassen sich auch Tendenzen wunderbar beobachten. Der Umgang mit den seit der Me-too-Debatte unter Generalverdacht stehenden Männern etwa. Supermann muss sterben, das ist der Trend der Stunde. Mal mehr, mal weniger überzeugend dargeboten.
Pöbelnde Kerle in Andreas Kriegenburgs „Kohlhaas“-Inszenierung in Bregenz und ein pedantisch erhobener Zeigefinger: Der vermasselt dem Kohlhaas (Max Simonischek) das Finale. Er wird gescholten, weil er nicht an Haus, Hof, Frau und Kinder denke, sondern wie ein Narr wegen „Ideen“(Gerechtigkeit und Gleichheit) alles ruiniere. Da kann sich der Schauspieler nur noch mit hängenden Schultern in die Selbstauslöschung schicken. Mehr schauspielerische Varianz darf Max Simonischek vielleicht mal als TV-Kommissar in der ZDF-Reihe „Laim“ zeigen.
Herr in Jedermanns Haus ist eine Frau
Dass schwache Männer auch interessant sind, wissen die Dramatiker indes seit je. Gleich zwei von Hugo von Hofmannsthal ersonnene Schmerzensmänner schicken die Salzburger Festspiele in den Ring (einen auch im Wortsinne): In „Das Bergwerk zu Falun“ ist es der junge Mann Elis, der den Tod seines Freundes nicht verkraftet und nun lebensmüde genug ist, um von der Bergkönigin begehrt zu werden. Brav, demütig erfüllt er ihren grausigen Wunsch: noch mal in die Welt hinaufgehen und ihr dann endgültig zu entsagen. Dass sich dort die Bergmanntochter Anna in ihn verliebt und er sie verlassen wird, diese Schuld nimmt er mit in seinen Untergang. Marcel Kohler spielt Elis überzeugend als depressiv verstimmten Menschen. Und in Jossi Wielers Inszenierung dürfen auch Frauen nicht nur grundgut sein, sondern gnadenlos eigene Pläne über der Männer Kopf hinweg verfolgen.
Zwischen des Mannes Schultern wiederum thront die Frau vom Jedermann. Erster Auftritt der Schauspielsuperstars Lars Eidinger und Verena Altenberger im Hofmannsthal-Klassiker: Ihr riesiger Schal verdeckt seinen Kopf. So hört man seine Stimme, sieht aber ihre Lippen sich zum Text bewegen. Der Herr im Hause Jedermann ist eine Frau. So schauspielerisch leicht und amüsant funktioniert das Geschlechterthema also auch.
Lars Eidinger im Superman-Kostüm
Lars Eidinger spielt mit den Männlichkeitsklischees: Im Boxring verteidigt er den Kapitalismus, und er gibt den Bond-Bösen. So wie in dem Film „Sag niemals nie“ Jedermann-Vorgänger Klaus Maria Brandauer dem Bond an einem Tisch gegenübersitzt und zum „Spiel der Herrschaft“ herausfordert, feilscht Jedermann mit der cool agierenden Edith Clever als Tod um Aufschub. Als ihm von der Buhlschaft nur noch der rote Umhang bleibt, hängt er ihn um und schreitet im Comichelden-Kostüm von Superman dem Untergang entgegen.
Zugleich gelingt es dem Schauspieler, dass die Zuschauer mit ihm fühlen. So bitterlich schämt er sich angesichts der kraftlos darniederliegenden guten Werke für seinen Berg an Missetaten, so verzweifelt wirkt er in Anbetracht nicht mehr gutzumachender Sünden, dass man ihm wünscht, die huldvolle Glaubensfigur möge vor Gott ein gutes Wort für ihn einlegen. Friedrich Schiller abwandelnd zeigt der großartige, zu Tränen anrührende Lars Eidinger, jeder Mensch ist nur ganz Mensch, wo er spielt und fehlbar ist.
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Vorstellungen
Jedermann
Das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ von Hugo von Hofmannsthal in der Regie von Michael Sturminger bei den Salzburger Festspielen ist nicht nur wegen Lars Eidinger und Verena Altenberger, sondern auch wegen Edith Clever, Angela Winkler und Mirco Kreibich absolut sehenswert. Allerdings sind alle Vorstellungen bis zum 26. August ausverkauft. Wenn das fabelhafte Ensemble 2022 noch am Start ist, lohnt ein Versuch im nächsten Jahr.
Das Bergwerk zu Falun
In der Hofmannsthal-Inszenierung des ehemaligen Intendanten der Stuttgarter Oper, Jossi Wieler, ist auch Sylvana Krappatsch, Ensemblemitglied im Schauspiel Stuttgart, zu sehen. Für Termine am 11., 13., 17., 19., 21. August gibt es Karten. www.salzburgerfestspiele.at