Szene aus „The Exterminating Angel“ Foto: Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Manches Sopransolo scheint schlicht nicht bewältigbar, die Orchester-Figuren engmaschig – „The Exterminating Angel“ von Thomas Adès, uraufgeführt bei den Salzburger Festspielen, hat etwas ­unmenschlich Maschinelles.

Salzburg - Schon der Blick in die Partitur lässt Übles vermuten. Manches Sopransolo scheint schlicht nicht bewältigbar hinsichtlich ­Höhe und Ausdauer. Und man sieht erneut die für Thomas Adès typischen engmaschigen Orchester-Figuren, die etwas ­unmenschlich Maschinelles haben. Wenn das Publikum den Aufführungsort – das Haus für Mozart – betritt, durchströmen ­bereits laute Glockenklänge den Raum. ­Minutenlang geht das so weiter, alles ist fein säuberlich notiert, auch das Stimmen der Musiker und der Auftritt des Dirigenten: Thomas Adès höchstselbst, der das ORF Radio-Symphonieorchester Wien leitet.

Was einem dann zweieinhalb Stunden lang immer wieder den Atem raubt, ist die Chuzpe, mit der Adès sowie sein Co-Librettist und Regisseur Tom Cairns hier agieren. Sie vergreifen sich an Luis Buñuels surrealistischem Filmklassiker „El ángel exterminador“ („Der Würgeengel“) aus dem Jahr 1962. Die sparsame Handlung: Eine Party­gesellschaft stellt fest, dass sie den Ort des Feierns nicht verlassen kann, obwohl Türen und Fenster nicht versperrt sind. Es kommt zu Unruhen und Todesfällen, irgendwann gelingt den Verbleibenden doch noch die Flucht, in einer Kirche feiert man die Rettung, aber auch diese erweist sich als merkwürdiger Ort mit magnetischen Kräften.

So zusammengefasst, klingt das arg ­banal. Doch Buñuel erzählt das Geschehen in einer ruhigen, abgründigen Bild- und Formensprache, die viel mit Auslassungen und Stille arbeitet. Tom Cairns und Thomas Adès buchstabieren die Handlung brav nach, die Festgäste tummeln sich vor, hinter oder rund um eine große holzgetäfelte Wand, die sich langsam dreht. Links steht ein monströser, begehbarer Kleiderschrank.

Das größte Ärgernis sind unsingbare Passagen

Trotz oder vielmehr wegen andauerndem Gelaufe, Gerenne und Geschubse herrscht überwiegend Statik. Die Atmosphäre des Films geht in der Opernversion vollständig verloren, was vor allem an Adès ständig vorwärts drängendem Tonsatz liegt. Es ist ein häufiges Hetzen und Übersteuern, ein ­Abfeiern von pompösen Effekten und brachial krachenden Tutti ohne wirkliche Klangdramaturgie. An den durchaus vorhandenen, ruhigeren Stellen zitiert Adès auf furchtbar banale Weise Walzer oder lässt Klavier oder Gitarre solistisch uninspiriert vor sich hin palavern. Das größte Ärgernis sind jedoch die teilweise beinahe unsingbaren Passagen. Völlig grundlos müssen manche Damen ihre Stimmen in höchste Höhen schrauben, das Ergebnis: artifizielle, leerlaufende Kopfschmerzmusik.

Der Handlung zu folgen ist fast unmöglich, weil es zu viele Charaktere gibt, die oft auch noch parallel oder leicht zeitversetzt singen und agieren. Im riesigen Ensemble finden sich Superstars wie Anne Sofie von Otter, Sally Matthews oder John Tomlinson, aber auch zahlreiche Nachwuchskräfte (bemerkenswert: Rafael Fingerlos und Franz Gürtelschmied), die ihre Partien vermutlich monatelang gepaukt haben – allein wozu? Die meisten Protagonisten machen ihre ­Sache den Umständen entsprechend gut, auch der Salzburger Bachchor (Einstudierung: Alois Glassner) überzeugt.

Andès vergreift sich an dem wunderbaren elektronischen Instrument Ondes Martenot

Zu allem Überfluss vergreift sich der Komponist auch noch an dem wunderbaren elektronischen Instrument Ondes Martenot. Olivier Messiaen hatte es einst für seine spirituell grundierten Kompositionen entdeckt, die elegisch feinen Sphärenklänge ­etwa einem Engel zugeordnet. In Adès „Würgeengel“ wird das Instrument regelrecht missbraucht, es liefert gequälte Jammertöne und setzt sich gegen den Orchesterkrach nur selten durch.

Mit seinen ersten beiden Bühnenwerken konnte Adès zumindest teilweise überzeugen, „Powder Her Face“ (1995 uraufgeführt) ist eine schrille, überdrehte Farce, „The Tempest“ (2003) eine zwischen Stilmischmasch und durchaus eleganten Gesangspassagen schwankende Shakespeare-Veroperung. Sein nun in Salzburg erstaufgeführtes, drittes Musiktheater, das nach London, New York und Kopenhagen weiterwandert, ­erweist sich leider als Reinfall. Daran ändert auch der Umstand wenig, dass die angereiste Adès-Gemeinde ihren Liebling im nicht ausverkauften Haus für Mozart mit Gekreische und stehenden Ovationen feierte.

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