Kannten sich bis vor wenigen Wochen noch nicht, nun kochen und essen sie gemeinsam zu Abend: Tatiana Grossman, Eva Sodeik-Zecha, Norbert Veit, die beiden Kinder von Stefanie Tauchmann, Stefanie Tauchmann, Pia Veit sowie Michael Fünffinger. (v.l.n.r.). Foto: Julia Bosch

Unbekannte Menschen zu sich in die Küche und an den Esstisch einladen? Bei dem Kochprojekt „Salz und Suppe“ in Stuttgart-Birkach passiert genau das. Doch es geht dabei um mehr als nur ums Kochen, Essen und Leute Kennenlernen.

Birkach - Zum allerersten Mal Linsen, Spätzle und Saitenwürstchen? Die anderen können es kaum fassen, dass Tatiana Grossman vor diesem Dienstagabend noch nie das schwäbische Nationalgericht probiert hat. „Meine Kinder haben immer erzählt, wie lecker das ist und dass ich das unbedingt mal kochen muss. Aber ich konnte mir nie vorstellen, dass das schmecken soll“, sagt die Birkacherin, die gebürtig aus Russland stammt. „Aber bei diesem Projekt habe ich sowieso schon mehrere Premieren erlebt.“

Das Projekt nennt sich „Salz und Suppe“. Dahinter steckt die Idee, dass Menschen aus unterschiedlichen Milieus in Birkach aufeinandertreffen, kochen, essen und dabei über bestimmte Themen sprechen – etwa über Verbesserungen für den Stadtbezirk, das Zusammenleben von jungen und älteren Menschen oder das Teilen. Insgesamt haben sich 36 Personen für das Kochprojekt angemeldet, die in sechs Gruppen eingeteilt wurden – jede benannt nach einer Suppenzutat.

Wunsch nach einem Gemeinschaftsgarten oder Fairteiler

Die Kochgruppe mit dem Namen Basilikum ist an diesem Abend bei Stefanie Tauchmann in Birkach zu Gast. Zwei der Gruppenmitglieder schnippeln Karotten für die Linsen, zwei probieren sich zum ersten Mal im Spätzlepressen und die übrigen bereiten Hugo, einen Aperitif mit Prosecco, Holundersirup und Minze, für alle zu. Nach dem gemeinsamen Essen geht es an die Arbeit: Die Gruppenmitglieder haben sich für das Thema Teilen, Tauschen und Schenken entschieden und erarbeiten Ideen, wie ebendies in Birkach verbessert werden könne. Bei der Abschlussveranstaltung von „Salz und Suppe“ in Birkach am Freitagabend, 12. Juli, stellt jede Gruppe ihre Ideen den anderen Projektteilnehmern vor.

Um die Teil- und Tauschkultur in Birkach zu verbessern, würde Stefanie Tauchmann gerne in der Gruppe gärtnern. Sie könnte sich vorstellen, einen Gemeinschaftsgarten zu gründen oder – falls dies zu aufwendig ist – auch nur gemeinsam Orte zu suchen, an denen man Blumensamen ausstreuen könnte, um Bienen und Insekten zu unterstützen. Die anderen finden die Ideen gut: „In einem Gemeinschaftsgarten muss man zwingend teilen: Wissen, Pflanzen und Zeit“, sagt Eva Sodeik-Zecha. Außerdem hätten die Gruppenmitglieder gerne einen Fairteiler in Birkach, also eine Art Schuppen, in dem Privatleute Lebensmittel, die noch gut sind, die sie aber nicht benötigen, ablegen können und andere Lebensmittel mitnehmen – kostenfrei, versteht sich. Solche Fairteiler gibt es bereits in Sillenbuch und in Degerloch.

Menschen sollen sich kennenlernen

Die meisten Teilnehmer von „Salz und Suppe“ sind über Aushänge und Flyer in ihren Briefkästen auf das Projekt aufmerksam geworden, das Peter Hitzelberger ins Leben gerufen hat. Hitzelberger hat eine 25-Prozent-Stelle für das Pallotti-Areal im Birkacher Norden. Seine Aufgabe ist es, Ideen für die kleine Siedlung zu entwickeln, die dort gebaut wird. Außerdem hat er es sich zum Ziel gesetzt, die Menschen besser miteinander zu vernetzen – und das Kochprojekt soll dazu beitragen.

Bei der Kochgruppe Basilikum ist diese Vernetzung gelungen. Bereits bei ihrem dritten Treffen haben die Mitglieder vereinbart, dass sie sich auch nach dem offiziellen Ende des Projekts weiterhin regelmäßig treffen wollen. „Mir gefällt es richtig gut. Man spricht über das Zusammenleben im Stadtbezirk, lernt neue Leute kennen, trifft Bekannte wieder – und die Vernetzung wird noch besser, als sie es sowieso schon in Birkach ist“, sagt Pia Veit, die sich gemeinsam mit ihrem Mann zu „Salz und Suppe“ angemeldet hat.

Die meisten kochen auch einfach gerne

Bevor Pia und Norbert Veit nach Birkach gezogen sind, haben sie in Heslach in Stuttgart-Süd gewohnt. „Das ist kein Vergleich zu Birkach. Dort ist alles viel unpersönlicher und viele haben direkt Angst, wenn sie mal von ihren Nachbarn angesprochen werden“, sagt Pia Veit. Sie und ihr Mann sind da anders gestrickt. Norbert Veit ist Kirchengemeinderat in der evangelischen Gemeinde von Birkach und kennt deshalb automatisch viele Leute, durch das Kochprojekt wurden es noch mehr. „Aber wir haben uns nicht nur angemeldet, um Leute kennenzulernen. Wir kochen auch einfach sehr gerne“, sagt Norbert Veit. Den meisten Teilnehmern geht es genauso – und einige lernen durch das Projekt auch neue Gerichte kennen. So wie Tatiana Grossman, die nun endlich auch mal für ihre Kinder Linsen und Spätzle kochen will.

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