Die Figur von Innenminister Matteo Salvini (weißes Hemd, mit erhobenem Zeigefinger) in Gesellschaft unter anderem von Silvio Berlusconi (Mitte) und Elvis (rechts) Foto: Almut Siefert

In Neapel werden Weihnachtskrippen nicht nur mit der Heiligen Familie bestückt. In diesem Jahr ist Innenminister Matteo Salvini der Renner unter den Krippenfiguren. Das gefällt nicht jedem.

Neapel - Papst Franziskus, Adolf Hitler und das Jesuskind stehen in Reih und Glied. Nein, so beginnt nicht etwa ein Neuntklässler-Witz. Die Miniaturfiguren dieser Menschen können sich die Italiener je nach Gusto in ihre weihnachtliche Krippe stellen. In diesem Jahr sticht aber einer in den Verkaufscharts der Figurenhändler in Neapel die Klassiker aus: Innenminister Matteo Salvini von der rechtspopulistischen Partei Lega.

Früher soll ja selbst der Teufel zum festen Personal einer neapolitanischen Krippe gehört haben. Gut und Böse geben sich darin die Hand. Seit etwa 20 Jahren finden in den weihnachtlichen Arrangements auch Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben ihren Platz. Doch nicht jeder in der weltbekannten „Krippenstraße“ Via San Gregorio Armeno in der quirligen Altstadt von Neapel kann sich mit dem Salvini in Miniaturformat anfreunden.

„Mit diesen Figuren aus der Politik oder dem Showbusiness wollen die anderen doch nur auf sich aufmerksam machen“, sagt Fulvio Forte, „und das auf Kosten der Tradition“. Die Leute liefen durch die Gasse und griffen sich einfach irgendeine Figur, ohne dass es mehr eine Bedeutung habe. „Dabei wäre es doch gerade in diesen schwierigen Zeiten sinnvoller, sich einen Glücksbringer statt des Innenministers in die Krippe zu stellen.“

Die Tradition des neapolitanischen Krippenbaus reicht bis ins 17. Jahrhundert

Der 45-Jährige führt den Kunsthandwerksladen in der „Krippenstraße“ in der vierten Generation und sagt von sich, er habe 40 Jahre Berufserfahrung. „Ich bin mit diesen Figuren groß geworden.“ In seinem Laden gibt es den Miniatur-Salvini nicht zu kaufen. Hier gibt es nur Tradition. Was in Neapel nicht etwa heißt, dass nur Joseph, Maria und das Jesuskind und vielleicht noch die Heiligen Drei Könige in einer Krippe Platz finden. Als die wichtigsten Figuren nennt Forte zum Beispiel den buckligen beleibten Sciò Sciò, der vor allem Glück bringen soll und Pulcinella, eine Art süditalienischer Hanswurst.

Gerne erzählt Forte die Geschichte seines Handwerkes, die bis in das 17. Jahrhundert reicht. Damals waren die Krippen ein Abbild dessen, wie sich reiche Adelsfamilien das einfache Leben des Volkes vorstellten. Die Darstellung des Alltagslebens ist es, was die neapolitanische Krippe von anderen unterscheidet. Die Heilige Familie steht hier nicht allein im Mittelpunkt, auch Pizzabäcker, Weinbauern oder Metzger bevölkern die Szenerie. Die neapolitanische Krippe sei schon immer eine Verbindung von Sakralem und Profanem gewesen, sagt Forte.

Lieber Salvini als Ronaldo

Wenige Häuser weiter steht er, der Salvini, in einem blauen Polizei-T-Shirt, das auch der Innenminister aus Fleisch und Blut gerne als Zeichen seiner Stärke überstreift, die Daumen siegessicher in die Höhe gestreckt. Salvini wolle sogar bald selbst einmal vorbeikommen, sagt Rosario Di Virgilio betont beiläufig, doch der Stolz darüber ist deutlich aus dem nuscheligen Neapel-Dialekt herauszuhören. Salvini steht hier in der ersten Reihe, neben ihm sein Koalitionspartner Luigi Di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung.

Der laufe aber nicht gut, Di Maios habe er erst wenige verkauft. „Den will keiner“, kommentiert Di Virgilio das Dilemma, das durchaus die reale Politik-Welt widerspiegelt. Gegen Salvini hat Di Maio in der Regierung derzeit nur wenig Chancen. „Klar, diese Figuren bringen uns vor allem Werbung“, sagt Di Virgilio. Vor der Auslage hat sich eine Traube Jugendlicher gebildet, die belustigt Fotos macht. „Schauen Sie doch nur, wie viele Menschen gerade stehenbleiben.“

Auch Marco Ferrigno hat nichts gegen moderne Figuren in der Weihnachtskrippe. Salvini sei der meistverkaufte Politiker, auch in seinem Laden. Aber Fußballstar Cristiano Ronaldo, der seit dieser Saison für Juventus Turin aufläuft, könne auch der Lega-Chef noch nicht überholen. Damit allerdings hat Ferrigno dann doch ein Problem. „Wissen Sie, Juve ist für uns hier in Neapel der schlimmste Fußballverein, den es gibt“, sagt der 50-Jährige und verzieht schmerzhaft das Gesicht.

Die Herstellung des Salvini-Figürchens, die etwa vier Tage in Anspruch nimmt, bereite ihm da weniger Kopfschmerzen. „Manches, was er tut, finde ich nicht schlecht. Zum Beispiel, dass diejenigen das Land wieder verlassen sollen, die nur Probleme mitbringen“, sagt er in Bezug auf die strenge Migrationspolitik Salvinis. Aber, so fügt Ferrigno hinzu, er gebe den Salvini-Käufern immer einen Rat mit auf den Weg: Wenn sie den migrantenfeindlichen Innenminister in die Krippe stellen, dann lieber möglichst weit weg von Melchior, dem dunkelhäutigen unter den Drei Königen.

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