Alex, die gute Seele der Sakristei beim Erwin-Schoettle-Platz. Foto: Nina Ayerle

Die klassische Eckkneipe stirbt aus. Wir besuchen sie. Dieses Mal: die Sakristei in Stuttgart-Süd – mit der wahrscheinlich kleinsten Wirtin der Stadt.

S-Süd - „Die Chefin bin ich“, sagt ein dünnes Stimmchen, hinter dem die nur 1,53 Meter große Alexandra Milchraum steckt. Sie hat es offenbar faustdick hinter den Ohren. Denn Alex, wie sie hier in der Sakristei an der Eierstraße beim Erwin-Schoettle-Platz im Stuttgarter Süden von allen genannt wird, hat die Kneipe von ihren Eltern übernommen, als sie gerade mal 18 war. Für die Kneipe hat Alex sogar damals ihre Ausbildung abgebrochen. Heute ist sie 31.

In der Kneipe sitzen VfB- und Kickers-Fans friedlich beieinander. Der Fußball schweißt dort zusammen: Ärzte, Polizisten, Studenten schauen dort einträchtig zusammen, auch Pfarrer Siegfried Schwenzer kommt gerne mal rüber. Nichts deutet darauf hin, dass sie den Laden nicht im Griff hätte. Die markigen Typen, die hier heute von bestimmt mehreren hundert gerahmten Fotos umgeben Fußball gucken, respektieren die kleine Frau.

Lesen Sie hier unseren Eckkneipen-Knigge, um den Tresenbesuch möglichst unfallfrei zu bestehen!

Dass auch dem Personal offenbar Benimm eingetrichtert wurde, wird bei der Bestellung einer Kollegin klar. Als der Kellner freundlich darauf hinweist, dass das Haus keinen Erdbeerlimes führt und er einen artverwandten Mädchenschnaps serviert, wird er rot: „Ich will das ja eigentlich nicht sagen, aber wer hatte dieses Getränk?“ Er stellt einen „Ficken“-Shot auf den Holztisch und entschuldigt sich fast. Beinahe ein bisschen knuffig!

Das Klopapier bis heute schuldig geblieben

Das Getränkearsenal ist dort im Grunde egal. In der Sakristei definiert sich niemand durch das Nippen an besonderen Drinks, wie es in der modernen Barkultur üblich ist, das Motto „du bist, was du isst“ auf Spirituosen umgemünzt. Ein Auszug aus der Getränkekarte in der Sakristei: Ouzo, Sambucca, Schüttler oder Küstennebel. So geerdet, dass es fast doch schon wieder fancy ist.

Fancy ist auch der Zwirn von Bernd, der unweit auf seinem Barhocker flaniert. Weinrotes Cordjacket, weinrote Cordhose. Der 68-Jährige achtet sichtlich auf sein Äußeres und ist ein Gast der ersten Stunde, nachdem die Eltern von Alex die Sakristei vor rund 30 Jahren übernommen hatten. „Für mich ist das hier ein Jugendhaus für ältere Leute“, sagt er. Treffender lässt es sich nicht beschreiben.

Jeder kennt jeden, „einer hilft dem anderen“, sagt Bernd, „und auch die Alex übernimmt für uns soziale Verantwortung, wenn wir mal Probleme haben.“ Bernd, der früher um die Ecke wohnte, hatte 2002 das Problem, kein Klopapier mehr zu haben. Das war sein erster Besuch in der Sakristei. „Das Klopapier bin ich bis heute schuldig geblieben“, sagt er.

VfB- und Bayern-Fan zugleich

Und dann ist da noch Milan. Typ Trinkhallensteher, dünne Arme, Bauchansatz. Später wird er bei einer Runde Jägermeister höflich ablehnen: „Underberg“ – alte Schule. Milan, 69, kommt ursprünglich aus Slowenien und fährt so ziemlich jeden Tag von Möhringen in die Innenstadt runter. Akzentfrei Deutsch zu sprechen hat er nie gelernt.

Macht nix. Rassismus, machen die Anwesenden klar, als könne man nicht vorsichtig genug mit den neuen Gesichtern in der Runde sein, hat bei ihnen nichts verloren. Auch beim Thema Fußball nicht: Milan ist Fan von zwei Mannschaften. Klar, eine ist der VfB Stuttgart. Und die zweite der FC Bayern München. Einen erstaunten Gesichtsausdruck erwidert Milan mit verständnislosem Kopfschütteln.

Warum Toleranz hier so selbstverständlich ist, dürfte auf Alex’ Stiefvater Heinrich Jung zurückzuführen sein. Er war der langjährige Wirt der Sakristei. Der Vater der heutigen Wirtin hat den Laden zu einer Fußballkneipe gemacht.

Kujau hat paar mal daneben gestochen

Das Haus gehört der Familie. Da war es naheliegend, dass sie als Kind schon oft durch die Kneipe stromerte, die Stammgäste kannte. „Die meisten Gäste kennen mich seit ich ein Baby bin“, sagt Alex. So habe sie ihre vielen Ohrringe dem stadtbekannten Kunstfälscher Konrad Paul Kujau zu verdanken. „Er hat ein paar Mal daneben gestochen, aber irgendwann hat es dann eben geklappt“, erzählt Alex. Sie sei da vielleicht sechs oder sieben Jahre alt gewesen. In drei Jahren wird die Kneipe 100 Jahre alt, sagt Alex. Den Namen Sakristei trug sie schon immer, eben weil sie neben der Matthäuskirche liegt, die dortige Sakristei sei direkt vis-a-vis.

Während das heutige Stammpublikum an der Fensterwand sitzt, hat zwischenzeitlich ein deutlich jüngerer Bursche weiter vorne platzgenommen und verfolgt das Fußballspiel alleine. Matthias, 33, ist ein Zugezogener und trägt einen Kapuzenpullover.

Es ist erst sein dritter Besuch hier. Warum er wiedergekommen ist? „Weil man mich nach meinem zweiten Besuch gefragt hat, ob ich wieder ein Pils möchte.“ Das Schankpersonal hatte sich das also gemerkt. So macht man sich Stammgäste. Wer weiß – vielleicht wird Matthias irgendwann der neue Bernd. Nur an seinem Klamottenstil, an dem müsste er noch arbeiten.

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